You Can’t Judge A Book By The Cover # 18: Gary Graff “The Ties That Bind: Bruce Springsteen A to E to Z”

Ich weiß nicht mehr, wie ich auf dieses Buch kam. Ich erinnere mich nur, dass ich es in 2013 beim „Marketplace“ des großen A kaufte. Mit 7,99 EUR machte ich ein Schnäppchen für das zwar gebrauchte, aber sehr gut erhaltene Buch.

Im Vorwort erwähnt Autor und Herausgeber Gary Graff, dass er schon in 1996 gedanklich mit diesem Projekt gestartet hat. Mit der tatkräftigen Unterstützung von unter anderen namhaften Journalisten wie Christopher Phillips („Backstreets“) oder Robert Santelli konnte das Buch Anfang 2005 im Verlag Visible Ink Press erscheinen.

Über die Person Gary Graff finde ich nicht viel im weltweiten Netz, er ist einen Eintrag im englischsprachigen Wikipedia wert und auf Seite XXV des Buches erfahre ich, dass Gary Graff als Musikjournalist tätig ist und in Detroit lebt.

Wie der Titel schon verrät, handelt es sich um ein Lexikon, aber bevor wir mit „A“ starten, gibt es noch eine Zeitleiste, in der ich schon die ersten Flüchtigkeitsfehler entdecke, die sich dann über das ganze Buch erstrecken. Es ist zum Beispiel abgedruckt, dass „The Rising“ am 30. Juni 2002 erschien, dabei erschien das Werk erst am 30. Juli 2002 oder Bruce Springsteen heiratete seine erste Frau in 1986. Wobei die beiden schon ein Jahr früher ihr Ja-Wort gaben.

Und der erste Eintrag in „A“ wird den „Academy Awards“ zugeordnet. Zugegeben, ich würde nie zu einem sogenannten Springsteen-Lexikon greifen, um nach den Oscars zu blättern. Ja, ich weiß, Springsteen wurde bisher zwei Mal dafür nominiert und hat zumindest einen („Streets Of Philadelphia“) abgeräumt, aber im Ernst?

Egal, die Einträge hier und da ließen mich oft staunen und auch schlauer werden. Denn nicht nur „gewöhnliche“ Schlagwörter wie ausgewählte Lieder, Alben, besondere Spielstätten, Bandmitglieder, sondern auch Eric Alterman oder Begriffe, die in einer (besonderen) Beziehung zu Springsteen stehen, kommen vor.

Gut finde ich, dass bei einigen Begriffen Verweise zu anderen Einträgen gemacht werden. Zum Beispiel sucht der Leser nach „Because The Night“, so wird auf Smith, Patti Smith verwiesen. Den längsten Eintrag hat natürlich die „E Street Band“ und schmunzeln musste ich über den Eintrag zu „Maria Espinosa“.

Das kompakte Buch wird mit sehr vielen Fotos angereichert. Leider sind sie nur in schwarz-weiß abgedruckt, aber wirklich sehenswert, weil sie auch einen Bezug zu den Einträgen darstellen und es sind keine alltäglichen Fotos, sondern welche mit Seltenheitswert dabei. Die Fotos von den Konzerten sind auch datiert.

Mit Begriffen wie „Greasy Lake“ oder „Madame Marie“ scheint in diesem Buch nichts ausgelassen sein, was das künstlerische Wirken von Bruce Springsteen bis Ende 2004 betrifft.

Dennoch gewinne ich im Laufe des Lesens den Eindruck, dass die Autoren sich bemühen, nur Positives über Bruce Springsteen berichten zu wollen. Da wird gern auf andere Bücher über Springsteen verwiesen wie das lesenswerte Werk von Robert Coles, aber „Down Thunder Road“ bleibt lieber nebenbei bei Mike Appel erwähnt.

So hat mich der Eintrag zu „NOW (National Organization for Women)“ etwas verstimmt. Zwar bemühen sich die Autoren, diese Organisation zu erwähnen, die sich Bruce Springsteen gegenüber kritisch äußert, weil der Musiker in seinen Liedern oft dazu neigt, die Frauen mit „Baby“ und „little girl“ anzureden. Und der letzte Satz zu diesem Eintrag drückt aus, dass die Kampagne ins Leere gelaufen ist und die Autoren mit einem „Ätsch, war doch nix mit Eurem Kampffeminismus.“ reagieren.

Das Nachschlagewerk dürfte also von tatsächlichen, teilweise widerspruchslosen Fans gemacht worden sein. Andererseits, ohne Herzblut dieser Fans käme so ein Lexikon nie heraus.

Der Titel des Buches enthält den Namen des Liedes „The Ties That Bind“. Wie dem eingefleischten Springsteen-Fan bekannt ist, hätte „The Ties That Bind“ beinahe auch der Titel eines Albums werden können. Aber Bruce Springsteen war mit dem Album, das 1979 fertiggestellt wurde, nicht zufrieden und machte ein Jahr später daraus ein hörenswertes Doppelalbum, wobei er aber die BESSERE Version von „Stolen Car“ ausmusterte.

Das Lexikon endet mit „Z“ wie Warren Zevon, zu dessen letztes Album „The Wind“ Bruce Springsteen ein Lied beisteuerte.

Abschließend folgen etliche Listen. Unter anderem: Eine Auflistung jeder gespielten Konzerte von Bruce Springsteen. Gastauftritte vom Boss auf anderen Konzerten. Eine alphabetische Auflistung von Künstlern, die Lieder von Springsteen gecovert haben. Weil das noch nicht genug ist, erfolgt eine alphabetische Auflistung von Springsteen-Liedern, die von anderen Künstlern gecovert wurden. Und eine Auflistung von Büchern, Artikeln und Webseiten über Bruce Springsteen.

Und zum Schluss die Reden von Bono Vox und Bruce Springsteen zu seiner Aufnahme in der Rock’n’Roll Hall of Fame am 18. März 1999.

Nur für Enthusiasten!

Für ein Video käme nur „The Ties That Bind“ in Frage. Mir schwebte eher ein bombastischer Live-Auftritt von Bruce Springsteen mit der E Street Band vor. Doch als ich das Buch zu Ende gelesen und meine handschriftlichen Notizen fertiggestellt hatte, spuckte mir der Zufallsmodus meiner Musiksammlung auf meinem Computer eine sehr intime Version des Liedes aus. Es ist, mit einem Wort zu beschreiben, berührend:

[…] You sit and wonder just who’s gonna stop the rain
Who’ll ease the sadness, who’s gonna quiet your pain
It’s a long dark highway and a thin white line
Connecting baby your heart to mine
We’re running now but darling we will stand in time

To face the ties that bind
The ties that bind
Now you can’t break the ties that bind
You can’t forsake the ties that bind

– Bruce Springsteen „The Ties That Bind“ (aus „The River“, 1980)

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6 Kommentare

    1. Das Titelfoto habe ich noch in meiner alten Wohnung aufgenommen. Mittlerweile steht der Schrank Marke HEMNES in meinem Abstellraum. Aktuell stehen meine Bücher im Wohnzimmer, Schlafzimmer und Vorraum.

      Wenige Bücher auf dem abgebildeten Regal habe ich verkauft. Aktuell habe ich 30 Bücher von/über Springsteen plus die zwei Biographien seiner Bandkollegen, die ich in jüngster Zeit in meinem Blog besprochen hatte.

      Und: Ich bin noch nicht fertig. Aber bei eBay sind mir die Bücher, die ich noch haben bzw lesen möchte, zu teuer.

      1. Das ist schon eine Menge, und es klingt nach vielen weitern Büchern und etwas Platznot. Meine Regale sind leider auch voll und meine kleine Wohnung bietet keinen Platz mehr 🙁 Die von Dir gewünschten Springsteen-Buchtitel werden demnach offenbar gut gehandelt.

      2. Gut gehandelt nicht unbedingt, aber viele stammen aus dem Vereinigten Königreich und sind im „guten“ Zustand zu haben. Ich bin da schon recht haglich.
        Oft musste ich die Erfahrung machen, dass ich ein neu gekauftes Buch nach dem ersten Lesen nicht gut finde und es mit Zustand „neuwertig“ auf dem virtuellen Marktplatz loswerden möchte. Also, hoch gewinnst Du nimmer. Wenn überhaupt.
        Viele Bücher hole ich mir aus dem offenen Bücherschrank und ich lege auch viele hinein, aber dort findest Du keinen Springsteen ;-)

        Übrigens: Einen Regalmeter füllt auch meine Sammlung an Romanen, die in Thüringen spielen. (Sind überwiegend Krimis.)

      3. In den öffentlichen Regalen stöbere ich auch gern, und letztens habe ich darin ein Buch „Made in DDR“ mit kriminalistischen Kurzgeschichten gefunden, die allesamt in Österreich spielen, alle aus dem Zeitraum zirka 1880 bis 1920 und von namhaften Schriftstellern, u. a. Stefan Zweig. Einen thüringischen Krimi habe ich noch nicht gelesen.

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