You Can’t Judge A Book By The Cover # 4: Robert Coles „Bruce Springsteen’s America: The People Listening, A Poet Singing“

bruce_books00Auch Ebay habe ich ein paar bibliophile Schätze über Bruce Springsteen zu verdanken. Dieses Buch stammt aus meiner (vorläufig) letzten Transaktion im Juli 2017. Mit 4 EUR (inklusive Versand) erzielte ich ein Schnäppchen für das gebrauchte, aber sehr gut erhaltene Buch.

Robert Coles, geboren 1929, ist emeritierter Professor der Psychiatrie und Humanmedizin an der Harvard Medical School. Er veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Bücher, wovon sein fünfteiliger „Children Of Crisis“ sogar den renommierten Pulitzerpreis gewann. Er war Mitherausgeber des Magazins „DoubleTake“ und ist ein Fan von Bruce Springsteen.

Bevor ich zum Buch komme, lege ich einen Zwischenstopp bei „DoubleTake“ ein: Ich finde im deutschsprachigen WWW kaum Informationen darüber, aber es dürfte sich um ein periodisches Druckwerk gehandelt haben, welches ein höheres Niveau beanspruchte, aber dennoch eine breite Leserschicht erreichen wollte. Nachfolgend die wichtigsten Verlinkungen:

http://www.doubletakemagazine.org/mag/html/backissues/12/steen/ (Sehr lesenswertes Interview, aber lang! Daher rate ich zum Mord unschuldiger Bäume und es auf Papier auszudrucken!)

Selbst Bruce Springsteens persönlichstes Erscheinen und das Erwachen von „Stolen Car“ nach einem fast 18jährigen Dornröschenschlaf bei den Benefizkonzerten im Februar 2003 konnten das Magazin nicht retten: http://somervillenews.typepad.com/the_somerville_news/2005/01/the_lights_go_o.html

bruce_books04Das Buch beginnt mit eigentlich zwei Vorwörtern. Ein kurzes und ein langes. Obwohl im Inhaltsverzeichnis kein „Foreword“, aber ein „Afterword“ aufgelistet ist. Die Einleitungen lesen sich teilweise langatmig und mühsam an. Viel Frank Sinatra, viel Dorothea Lange, viel Hoboken. Es wird das oben erwähnte Magazin gedacht und an die Mitstreiter von Robert Coles, William Carlos Williams und Walker Percy.

Nach fast fünfzig Seiten der gebundenen Ausgabe ist es endlich soweit: Wir kommen zum Kern des Buches! Zehn Geschichten, erzählt von zehn grundverschiedenen US-Amerikanern. Ihr Interesse für Bruce Springsteen beruht eigentlich nur auf das gelegentliche Hören seiner Musik. Der ganz eingefleischte Fan (Der „Tramp“!) ist nicht unter ihnen. Zwei Lehrer, ein Anwalt, ein Lastwagenfahrer, ein Arbeiter, ein Polizist, ein reisender Geschäftsmann, dessen Ehefrau, ein Medizinstudent und eine Großmutter befassen sich jeweils mit einem Querschnitt aus Bruce Springsteens musikalischem Repertoire. Aber gerade und weil sie keine leidenschaftlichen Anhänger sind, haben mir ihre teilweise kritischen Auffassungen und deren Hinterfragen meine Sicht auf Bruce Springsteens musikalischen Worte unglaublich erweitert.

Am liebsten würde ich auf jede einzelne Geschichte eingehen. Aber daraus könnte ich eine zehnteilige Serie machen. Zusammenfassend betrachtet, beziehen sich die oben erwähnten Menschen auf die Musik, insbesondere auf die Texte, von Bruce Springsteen. Sie setzen sich damit auseinander und nehmen sich auch das Recht, die teilweise einseitigen Ansichten von Bruce Springsteen zu kritisieren. Zwar gelingt es Bruce Springsteen oft, dass er in seinen Liedern sich in andere Leute hineinversetzt, aber es ist unmöglich, dass er wirklich in jeden hineinfühlen kann und so werden diese bemängelten Gedanken zu Recht kritisiert. Bruce Springsteen kann auch nur den Stoff verarbeiten, den er selbst erlebt, hört, liest und sieht.

Mein Favorit ist Geschichte Nummer Acht:

Sally, die Erzählerin, steht der Musik von Bruce Springsteen sehr aufgeschlossen gegenüber und ihre berührende Sichtweise hat mich zum tieferen Nachdenken angeregt. Zum einen stimmen meine und ihre Interpretation über „Glory Days“ größtenteils überein und sie fügt noch hinzu:

 „[…] it’s sad, real sad – and maybe that song is also a huge warning to people hearing it (if they’re young) […]“  S. 161/162

Dagegen hat mich ihre Auffassung über „Human Touch“ ein wenig ins Wanken gebracht:

„[…] there’s a man talking about himself, and his wants and his worries – and the woman, she’s out there, in the guy’s thinking, but it’s his song: he’s doing the talking and she’s what I hear my woman friends call – well, she’s an „object“! […]“ S. 166

„Object“. Runter mit der rosa, teilweise beschlagenen Brille! Danke Sally! Ich sehe mich wieder als 15jährige, die sich gerade im Englisch-Unterricht fadisiert. Anstatt der Englisch-Lehrerin weiter zu folgen, kritzelte sie den ganzen Text von „Human Touch“ in ihrem Kollegblock. (Sie war auch gerade wenige Wochen mit ihrem damaligen Freund zusammen. Also, schwer verliebt.) Und es müssen fast 20 Jahre vergehen, bis jemand leicht an meiner Schulter rüttelt und mir sagt: „Schau, so kann man das Lied auch betrachten.“

Gern möchte ich auch auf Geschichte Nummer Neun eingehen, weil ich sie nicht einfach kommentarlos stehen lassen kann und sie einer intensiveren Auseinandersetzung bedarf, aber da werden ein paar Leser an dieser Stelle einschlafen, falls sie bis dahin gekommen sind. Springsteen-Fan zu sein, ist manchmal ein einsamer Job. Vor allem, wenn es an Gleichgesinnten fehlt, mit denen man sich über die „Lyrics“ austauschen kann.

Das Nachwort könnte interessant sein, aber sie fällt wieder etwas langatmig aus und der Name „Springsteen“ taucht erst in der letzten Seite auf.

Es hätte beinahe ein perfektes Buch sein können. Die zehn Geschichten sind bereichernd, horizont-erweiternd und lesenswert. Wären nicht diese zähflüssigen Vor- und Nachwörter.

Wie schon oben erwähnt, es ist die Geschichte von Sally, die mich von allen am meisten berührt hat. Ausschlaggebend für die Wahl des folgenden Videos ist ihre Interpretation zu diesem Lied und die Clubszenen wurden im „Maxwell’s“ in – erraten! – Hoboken, New Jersey gedreht.

Vielleicht schreibe ich in einem separaten Beitrag, was „Glory Days“ für mich bedeutet. Aber zunächst lasse ich dieses Lied samt dazugehöriges Video mit den teilweise kasperlhaften Szenen auf Euch los:

Lest den Text zu diesem Lied. Von mir aus mehr als nur einmal. Es ist gar nichts glorios daran!

2 Kommentare

  1. Also ich bin nicht eingeschlafen, und hätte Nr.9 durchaus noch verkraftet, setze nun aber drauf, dass du die Story ja dann vielleicht demnächst, vis-à-vis!, bei einem Bierchen nachholst.
    Liebe Grüße aus München, N.

    PS: „Glory days“ hab ich auch schon früh als ‚huge warning‘ aufgefasst, dachte aber immer: „Das wird bei mir nie so werden!“. Gottseidank wusste ich damals noch nicht, wie viel da tatsächlich dran ist, sonst hätt‘ mich das als Teenager echt runtergezogen.

    1. Geschichte Nummer Neun bedarf wirklich einer tiefer gehenden Erörterung.
      Danke für Deinen Kommentar! Bei Dir weiß ich wirklich, dass Du meine Beiträge liest ;-)

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