22.07.2022 – Patti Smith & Band in der Arena, Wien

Seit ich „Because The Night” kenne, ist Patti Smith mir ein Begriff. Und es vergingen noch viele Jahre, bis ich mich nur ein wenig mehr mit ihr befasste. Nachfolgend zwei prägende Momente:

Ende August 2012 trat Patti Smith wieder in der Wiener Arena auf. Eine ehemalige Konzertfreundin musste unbedingt hin und berichtete mir nachher, dass sie den Abend als „depressiven Singsang“ empfand und erst mit DEM oben genannten Lied kam so etwas wie Energie, aber da war das Konzert schon fast zu Ende. In dieser Zeit besuchte ich selbst viele Konzerte und hatte schon ein paar Enttäuschungen erlebt, so machte ich einen großen Bogen um Patti Smith.

Im Frühjahr 2019 fischte ich aus einem offenen Bücherschrank die englischsprachige Ausgabe von „Just Kids“. Ich wusste nicht, worauf ich mich einließ, aber ich las das Buch. Bis zur letzten Seite. Und beschloss, dass ich Patti Smith einmal live erleben musste.

Noch im Herbst des gleichen Jahres kam die Ankündigung, dass Patti Smith am 23. Juli 2020 wieder die Arena, die mittlerweile zu ihrer angestammten Wiener Spielstätte gehört, beehren würde. Karte und wenige CDs („Horses“ und „Easter“) wurden besorgt.

Eh schon wissen, was dann geschah…

Das Konzert wurde auf den 15. Juli 2021 und schlussendlich auf den 21. Juli 2022 verschoben. In der Zwischenzeit wurde ein ursprünglich im Linzer Brucknerhaus stattfindendes Konzert auch in die Wiener Arena verlegt, so dass Patti Smith und ihre Band zwei Abende hintereinander spielen würden. Und ganz kurzfristig ergab sich bei mir die Situation, dass ich am 21. Juli nicht konnte, aber am 22. Juli. Unterm Strich machte ich beim Kartentausch sogar einmal keinen Verlust und nun war es soweit.

Aufgrund der anhaltend hohen Temperaturen in der österreichischen Hauptstadt und der Menschenmenge, weil ausverkauft, beschloss ich, erst eine halbe Stunde vor offiziellem Konzertbeginn zur Arena zu kommen. Nachdem ich die U3-Station verließ und zur ehrwürdigen Spielstätte marschierte, stellte ich fest, dass ich nicht die einzige war, die die Idee hatte. Auch um 20 Uhr bildete sich immer noch eine ordentliche Menschenschlange vor dem Eingangstor, die aber zügig voranging. Nie verstehen werde ich, warum manche Leute ihre Wohnzimmereinrichtungen zum Konzert mitnehmen müssen. Aber ich kam dann endlich auf das Gelände und musste erstmal schlucken, wie VIELE Menschen dort waren. (Bei meinen letzten Arena-Konzertbesuchen war ich relativ weit vorne und bekam nicht viel vom Publikumsgeschehen mit.) Ich traute mich gar nicht, zum naturbelassenen Hügel zu gehen. Und weil so viele Menschen um mich herum waren, trug ich auch die meiste Zeit Maske.

Die Wartezeit wurde mit Klassikern von Bob Marley versüßt und wenige Minuten nach 20:30 Uhr betraten die Band und Patti Smith die Bühne. Wenn schon Reggae, dann wurde das Konzert mit „Redondo Beach“ eröffnet. Das zweite Konzert in der Arena steht unter dem Motto „Nacht gegen Armut“ und die Gesamterlöse kommen der Volkshilfe zugute. Armut kann in Zeiten wie diese nicht mehr unsichtbar bleiben, Armut kann jeden treffen.

Ich hatte von meinem Platz aus nicht immer die beste Sicht, viele Schwätzer waren in meiner Nähe, aber das, was ich vom Konzert hörte, war unglaublich gut. Und vorne Patti Smith. Auch aus beträchtlicher Entfernung spürte ich diesen gewissen Charisma, den sie ausstrahlte. Unglaubliche 75 Jahre und in Würde ergraut, trägt sie den Titel „Godmother of Punk“. Wobei Patti Smith weniger punklastige Musik macht, aber ihr Einsatz für die Schwächeren, für den Frieden, für Humanität macht sie zu einer einzigartigen Persönlichkeit. Sie ist nicht nur Musikerin, sondern auch Fotografin, Lyrikerin und Malerin. So ließ sie sich auch nicht nehmen, ein Gedicht von Allen Ginsberg, „Footnote To Howl“ zu rezitieren.

In diesem Konzert lag eine Bandbreite der musikalischen Stilrichtungen zugrunde. Wurde es reggae-lastig eröffnet, ging es nachher ein wenig getragen zu und Ansätze eines Rockkonzerts erkannten wir in „Free Money“. Mein erster Höhepunkt war „Ghost Dance“, das nahtlos in „Dancing Barefoot“ überging. Letztere hätte ich gern wortwörtlich genommen, denn es war immer noch sehr warm auf dem Gelände der Arena, aber ich konnte mich kaum bewegen, weil ich von vielen Menschen umgeben war.

Die Band besteht aus alten Weggefährten und einem Sprössling: Lenny Kaye an der Gitarre, Jay Dee Daugherty am Schlagzeug, Tony Shanahan an den Tasten und Patti Smiths Sohn, Jackson Smith an der Gitarre.

Ein weiterer Höhepunkt war „Beneath The Southern Cross“, wobei Patti Smith auch zur Gitarre griff. Musikalisch und harmonisch überzeugte das Stück, das auf ihrem Album „Gone Again“ (1996) erschien. Das Lied endete in einem nicht enden wollenden, genialen Gitarre-Bass-Zwischenspiel zwischen Tony Shanahan und Jackson Smith.

Patti Smith ging von der Bühne ab und überließ den Herren ihren Spaß, indem Lenny Kaye und Tony Shanahan mit ihren Mitmusikern zu „I Wanna Be Your Dog“ und „Walk On The Wild Side“ rockten. Und die Leute in der Arena rockten mit.

Auch über die Entfernung hinweg genoss Patti Smith es sichtlich, wieder auf der Bühne zu stehen und ihre Botschaften an das Publikum zu übermitteln. Selbst wenn das Konzert bisher stimmig herüberkam, das Publikum in der Arena recht entspannt war, fiel es mir dennoch schwer, mich locker zu machen. Ich beschloss, mich nach dem Fixpunkt „Because The Night“ auf den Weg zu machen.

Und kurze Zeit später erklang unverkennbar die Melodie zu diesem Lied. Ich bekam Gänsehaut und mir wurde schlagartig klar: Ich durfte nachher nicht gehen, sondern musste bis zum Schluss bleiben. Dennoch musste ich nach dem Lied das Bier loswerden und holte mir anschließend ein Mineralwasser, um die Zugaben genießen zu können: „Gloria“ und „People Have The Power“ brachten das ordentlich durchgemischte Publikum noch einmal zum Tanzen und Fäuste hochrecken.

Und dann war es vorbei.

Danke, Patricia Lee Smith für diesen ganz besonderen Abend! Das Warten hat sich gelohnt.

11 Kommentare

  1. Schöne Schilderung eines gelungen Konzertabends! Sie hat was Magisches, diese Frau. „Because The Night“ liebte ich auch, und „Just Kids“ ist ein wunderbares Buch! Mit ihren anderen Titeln gings mir allerdings oft ein wenig wie Deiner Freund – Singsang…

    1. Wer ein (lautes) Rockkonzert erwartet, ist bei Patti Smith falsch. Zwar hat sie an diesem Abend das eine oder andere ruhige Lied eingestreut, aber von einem „depressiven Singsang“ war sie weit entfernt. Es war ein gutes Konzert. Sicher hätte ich mehr davon gehabt, wäre ich etwas weiter vorne gewesen, aber das war für mich nicht machbar.

  2. Danke, Sori für diesen Konzertbericht! Es schön zu hören, dass Patti Smith auch im Alter von 75 Jahren noch gerne Musik macht, Freude hat an der Arbeit.

    1. Es wird von einer letzten Tournee gemunkelt.
      Dennoch spürte ich ihre Energie, auch wenn ich ziemlich weit weg war.
      Auf YouTube gibt es einen fast kompletten Mitschnitt vom Konzert in Dresden vor ein paar Wochen. Es ist sehenswert und zeigt auch sehr gut, dass Patti Smith es geniesst, auf der Bühne zu stehen, umgeben von ihren Lebensmenschen und interagiert auch immer wieder mit dem Publikum.

      1. Ja, danke für den Hinweis! Ich habe Patti Smith paar Mal live erlebt (das erste Mal 1976 in der Roten Fabrik in Zürich) und jeder Auftritt war anders. Hoffen wir, dass das nicht ihre letzte Tour war.

  3. Patti Smith ist mittlerweile auch schon 75 Jahre alt? Wow! Bis dato kenne ich lediglich die Titel von zwei ihrer Songs, von denen mir insbesondere der erste seit langer Zeit sehr gut gefaellt: Ihr Cover von „Because the Night“ (fuer viele Jahre hatte ich keinen Schimmer, dass dies ein Springsteensong ist!) sowie „People Have the Power.“ Ansonsten habe ich mich bisher mit ihrer Musik kaum auseinandergesetzt.

    Vor vielen Jahren hoerte ich einmal in ihr Debuetalbum „Horses“ hinein, aber irgendwie sprang der Funke wohl nicht ueber. Doch wie gesagt, dies ist sehr sehr lange her. Deswegen koennte meine heutige Einschaetzung durchaus anders sein.

    Nach Deiner Schilderung klingt es so als ob Patti Smith nach wie vor Freude daran hat live aufzutreten. Diese Einstellung, die man auch bei gewissen anderen Kuenstlern wie Springsteen und McCartney spueren kann, ist einfach etwas besonders. Fuer mich ist diese Einstellung genau so wichtig wie die Qualitaet der Musik.

    In diesem Zusammenhang muss ich immer wieder an eine ZZ Top Show vom Mai 2018 denken. Die Musik war Klasse, aber es wirkte alles sehr routinemaessig. Dieser Eindruck wurde weiterhin durch John Fogerty verstaerkt, der im Rahmen dieser Show ebenfalls auftrat und sichtbar mit Leib und Seele spielte – so wie es eben sein sollte!

    1. Mein erstes „Because The Night“ sah und hoerte ich auf MTV, als 10.000 Maniacs mit Natalie Merchant meine nach wie vor und immer noch liebste Version spielten. Kurze Zeit spaeter erstand ich die Maxi-CD neu um 1 DM (!). Und als ich die Credits las, wunderte ich mich ueber „Springsteen/Smith“ und als damals angehende Springsteen-Fan Mitte der 1990er Jahre war ich mir sicher, es konnte sich nur um Bruce handeln ;-) Es hat noch etwas gedauert, bis mir klar wurde, wer „Smith“ war.

      Das Konzert war wirklich schoen und in der Tat, ich hatte schon schlechtere Konzerte erlebt. Auch ein Grund, warum ich nicht gleich in 2012 zu Patti Smith ging, war folgendes: Ich war Anfang August 2012 bei Bon Iver in der Arena. Und es war sehr enttäuschend, weil das Konzert so steril ablief.
      Es gibt Menschen, die machen Musik, aber koennen kaum mit dem Publikum interagieren.

    2. PS: Patti Smith hat „Because The Night“ nicht gecovert. Bruce Springsteen hatte im Zuge seiner Aufnahmen zu „Darkness“ massenhaft Lieder geschrieben, darunter war das halbfertige „Because The Night“. Studiotechniker Jimmy Iovine war sowohl für Bruce als auch für Patti tätig und so reichte er mit Erlaubnis vom Boss das Fragment an Patti Smith weiter, die – total verliebt in ihren zukünftigen Ehemann und Vater ihrer Kinder – das Lied zu Ende schrieb.

      1. Dank Dir fuer die Klarstellung! Da habe ich in der Tat Patti Smith Unrecht getan, die ja letztlich eine entscheidende Rolle in der Fertigstellung von „Because the Night“ gespielt hat. Sie hat ja schliesslich nicht zufaelling einen Credit fuer den Song bekommen!

        Dieses Uebersehen der Fakten ist ein wenig ironisch, da ich in der Vergangenheit immer wieder moniert habe wenn Musikkuenstler nicht die Credits bekommen, die ihnen zustehen.

      2. Das mit den Credits ist eine Sache, die nur eine bestimmte Gruppe von Musikliebhabern beschaeftigt. Ich bin in der Hinsicht auch nur Studentin ;-) und staune oft ueber neue Erkenntnisse, freue mich aber, wenn ich etwas Neues erfahre.

      3. Sicherlich hast Du damit nicht unrecht. Credits fuer das schreiben von Musik oder welche bekannten Sessionmusiker auf welchen Alben gespielt haben oder welche Instrumente sie benutzen is wohl in der Tat eher etwas fuer „Geeks“ als fuer die meisten Musikhoerer. Ja, ich gebe es zu, ich bin ein totaler Musik-Geek! :-)

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