10.07.2022 – Die Andere Seite / Betterov / Thees Uhlmann beim Sommerpalooza, Erfurt

In diesem Beitrag äußerte ich meine Hoffnung, Thees Uhlmann ein drittes Mal live erleben zu können. Nach den Absagen in 2020 rechnete ich mir dennoch keine großen Chancen aus, obwohl er am 17.07.2022 in Wien auftreten würde. (Aber nur als Vorgruppe und auch noch in der transdanubischen Metastadt.) Trotzdem warf ich einen Blick auf die Seite seiner Plattenfirma, Grand Hotel van Cleef, und entdeckte einen Termin in Erfurt.

Thees Uhlmann würde als einer der sogenannten „Headliner“ beim Sommerpalooza einheizen. Ein neues Open-Air-Festival auf dem Gelände der Messe Erfurt. Ich dachte nicht lange nach und kaufte mir sofort eine Karte. Auf sommerpalooza.de entdeckte ich nähere Informationen wie zB Vorgruppen. Betterov war mir bis dato unbekannt, aber als ich herausfand, dass sich hinter dem Namen ein aus Bad Salzungen (!) stammender Musiker verbirgt, hörte ich mir nachher sehr oft seine Lieder auf YouTube an. „Die Andere Seite“ dagegen ist der neue Name von Tom Schillings musikalischem Projekt. Aaaah, DER Tom Schilling! Seit ich Benjamin Leberts Verfilmung „Crazy“  im Kino gesehen hatte, gehört Tom Schilling zu meinen liebsten deutschsprachigen Schauspielern. Meine Güte, wie oft bekomme ich ein Konzert mit gut bestückten Vorgruppen und über Thees Uhlmann brauche ich nicht viel zu erzählen.

Bevor der große Tag unaufhaltsam rückte, fand ich heraus, dass etliche Konzerte im Rahmen der Sommerpalooza abgesagt wurden. Ursprünglich als mehrtägiges Festival vom 2. bis 16. Juli konzipiert, konnten dann nur drei Abende stattfinden. Womöglich dürfte sich das Projekt als ein Flop herausstellen und ich kämpfte dann noch gegen ein anderes, persönliches Problem an. Die Menschenmassen. Wie viele werden es sein? Notfalls würde ich maskiert zu Uhl abrocken.

Mit der Tram kam ich schnell zur Messe. Gegen 17:15 Uhr war ich dort und der Einlass verlief unkompliziert. Um das Gelände zu erreichen, musste ich einen Durchgang rechts von Halle 1 passieren. Ich staunte, wie klein dimensioniert der eigentliche Parkplatz Süd war und es befanden sich mehr Menschen auf den umherstehenden Sofas als vor der Bühne. Ich holte mir gleich ein Köstritzer Kellerbier und stellte mich bei der Absperrung vor dem Mischpult an. Gespannt darauf, wer als erstes den Konzertreigen eröffnen würde, betraten anschließen die Musiker von „Die Andere Seite“ die Bühne. Eine Handvoll Leute gingen nach vorn, aber es war immer noch ziemlich überschaubar. Armer Tom Schilling! Das hat er nicht verdient, auch wenn ich seine Musik beim Vorabhören auf YouTube als düster empfinde.

Und es wurde erst einmal ZU laut. Ich war froh darüber, dass ich mich nach hinten verdrückt hatte und das Geschehen vorne gut beobachten konnte. Da „Die Andere Seite“ ursprünglich als Tom Schilling & The Jazz Kids formierte, kam die Musik hauptsächlich jazzig-beschwingt herüber. Das von mir als düster Empfundene konnte ich beim Konzert nur wenig spüren, weil wir auf einem als ursprünglich Sommerfestival konzipiertes Konzert waren. Es war 17:30 Uhr vorbei, also noch sehr hell und in diesen Tagen hatten die (mal wieder) Rekordtemperaturen eine Pause eingelegt, so dass ich zusätzlich mit Jacke und dünnem Pullover beim Konzert war.

Dennoch tat alles der Stimmung keinen Abbruch und nachdem die Lautstärke auch herunterreguliert wurde (oder hat sich mein Gehör nur daran gewöhnt?), faszinierte mich nach und nach die Gesangsstimme von Tom Schilling. Ob ich Fan des Sängers werde und mir sein aktuelles Album zulege, ist noch offen. Aber es war beeindruckend, was für einen Auftritt er mit seinen drei Musikern abgeliefert hat.

Nach einer kurzem Umbaupause war die Bühne frei für Betterov. Wie schon eingangs erwähnt, stammt der Musiker aus dem thüringischen Bad Salzungen. Entgegen Landolf Scherzers „Bad Salzungen ist überall“ lebt Manuel Bittorf, wie Betterov mit bürgerlichem Namen heißt, mittlerweile in Berlin.

Im Gegensatz zu Tom Schillings musikalischem Projekt bereitete ich mich besser auf Betterov vor, obwohl seine Musik meines Wissens nicht auf CD gebrannt wird. Mein liebstes Video ist eigentlich ein kleines Livekonzert in Hamburg, das ich mir während der Arbeit oft im Hintergrund anhörte und dann sah ich mir noch ein kurzes Video über seine Person an. An einer Stelle erzählt Manuel Bittorf, dass sein Vater ein großer Fan von Bruce Springsteen sei und der Sohnemann auch von dieser Musik beeinflusst wird. Sie können es sich schon denken, dass er damit einen weiteren Pluspunkt bei mir gesammelt hat.

Von Glockenklängen begleitet, betraten die Musiker und Betterov die Bühne. Schon mit dem Eröffnungslied „Irrenanstalt“ nahm er mich gefangen. Und, ist das kein Zufall, dass er auf einer Telecaster spielt? Aber es ist weniger sein Gitarrenspiel, das mich überzeugt, sondern. Seine. Stimme! Grandios! Und wenn ich Glück habe, finde ich auf YouTube zu ein paar Liedern die dazugehörigen Texte, die sehr gut beobachtete Milieustudien darstellen. Manchmal wurde meine Konzentration auf Betterovs Auftritt gestört, denn Tom Schilling mischte sich unters Publikum (das zu diesem Zeitpunkt etwas mehr wurde) und holte sich eine Thüringer Bratwurst. Eine Besucherin war mutig genug und hielt den Schauspieler vom ersten genussvollen Bissen ab, indem sie die Eintrittskarte von ihm signieren ließ.

Da ich, wie schon oben erwähnt, ziemlich hinten stand, hatte ich auch einen guten Überblick auf das Publikumsgeschehen und sah Tom Schilling immer wieder. Ich wollte ihm beim Verzehren des einen Thüringer Nationalgerichts nicht stören. Nachdem er fertig war, wurde er hin und wieder von Besuchern um Selfies gebeten. Ich machte zwar Fotos vom Geschehen, aber trotz gleichem Jahrgang, im selben nicht mehr existenten Land geboren, hatte ich zu großen Respekt vor ihm und ließ ihn in Ruhe. Stattdessen konzentrierte ich mich lieber auf Betterov. Wer weiß, wann sich wieder eine Gelegenheit bietet, den klasse Musiker live zu erleben.

Auch dieser Auftritt verging viel zu schnell vorbei. Eine etwas längere Umbaupause folgte, anschließend wurde die Leinwand für Thees Uhlmann & Band hochgezogen. Links ein Bild von Thees wie auf seinem Erstlingswerk abgebildet und rechts die Aufschrift „THEES UHLMANN & BAND“. Das Motiv gibt es auch aufgedruckt auf T-Shirts und Kapuzenpullover käuflich zu erwerben. Ich erlaube mir die Bemerkung, dass ich sie nicht besonders schön finde, aber ich habe das Glück, dass ich mir rechtzeitig im Herbst 2011 das Original-Shirt gesichert hatte. Und dieses Shirt trug ich auch beim Konzert.

Inzwischen hatte ich mir mein drittes Bier geholt (ich stieg vernünftigerweise vom sehr süffigen Kellerbier auf das Edel-Pils um) und gegen 20 Uhr betraten die Musiker und – endlich! – Thees Uhlmann die Bühne. Unverkennbar erklangen die Takte zu „5 Jahre nicht gesungen“, ich musste mich oft innerlich zwicken, ich grinste so breit und vergoss kurz Freudentränen. Und dachte mir, dass es bei mir zwar nicht fünf Jahre sind, aber doch knapp zwei Jahre nach den pandemiebedingten Absagen im Sommer 2020.

„5 Jahre nicht gesungen“ ist auch das Eröffnungslied auf Thees Uhlmanns aktuellem Album „Junkies und Scientologen“. Das Album befreite ich erst wenige Wochen von der Einschweißfolie, aber leider fährt es nicht so sehr in mich hinein wie seine ersten beiden Werke. Aber Zeilen wie „Das Leben ist kein Highway, es ist die B73“ und „Menschen wie du bleiben besser allein“ sorgen dafür, dass das Einstiegslied zu meinen Favoriten gehört. Anschließend erklang auch aus dem aktuellen Werk „Danke für die Angst“. Für eine, die nur „The Green Mile“ von Stephen King gelesen hat, kannte ich mich bei diesem Text aus. „Die Toten auf dem Rücksitz“ schleuderte mich in die Vergangenheit und weil ich hinten so viel Platz hatte, da der Rest vorne feierte, konnte ich ausgiebig zu diesem Lied tanzen. Mit einem „Heute sind wir Zugvögel“ ertönte das einzig gespielte Lied aus „#2“, was ich im Nachhinein als eigenartig empfinde. Ich erwarte nicht, dass Uhl in meiner Geburtsstadt die Wien-Hymne „Zerschmettert in Stücke (Im Frieden der Nacht)“ singt, aber hätte er nicht noch ein, zwei weitere Nummern aus seinem zweiten Werk spielen können? Aber es blieb nur bei „Zugvögel“ und das nächste Lied brachte mich wieder zum Tanzen. Die deutsche Ausgabe von Bruce Springsteens „Queen Of The Supermarket“, „Das Mädchen von Kasse 2“. Anschließend wurden aus dem aktuellen Album „Ich bin der Fahrer…“ und „Was wird aus Hannover“ gespielt, ich verhielt mich wieder etwas ruhiger und holte mir mein viertes und letztes Bier für den Abend. Weil das Konzert nicht ausverkauft war, musste ich mich beim Getränkeholen kaum anstellen – und doch: Die Stimmung war gut! Die Leute feierten ausgelassen, nicht wenige hatten ihre Kinder dabei, sie kamen zwar nicht immer in den Genuss der Musik, weil sie lieber Fangen spielten und den Seifenblasen, das aus einem Automaten kam, nachjagen wollten. Löblich war, dass der Großteil der Kinder mit Ohrenschützern ausgestattet war. Denn, auch wenn ich hinten war, konnte ich die Musik deutlich hören. Die Moderationen von Thees Uhlmann verstand ich kaum, aber das hat natürlich andere Gründe.

Uhl schien sich auf dem Gelände wohlzufühlen, da sein breites Grinsen auch von weitem zu erkennen war und er ständig den Daumen hochreckte. Ein Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen, wenn Thees Uhlmann sich mit dem Rücken zum Publikum drehte. Ich verglich seine aktuelle Haarpracht mit dem auf der Leinwand. Also, 11 Jahre sind nicht spurlos an ihm vorbeigegangen.

Nach einem weiteren Lied, das ich nicht erkannte, konnte ich bei „17 Worte“ wieder lauthals mitsingen. Danach kam ein Lied, das ich nur als Schlussnummer und unplugged kannte, das Uhl nun mitten im Set spielte: „Die Schönheit der Chance“. Mit einem „Der nächste Song wird super!“ und einem hochgereckten Daumen erklang „Junkies und Scientologen“, das ich zu den stärkeren Liedern auf Album # 3 zähle. „& Jay-Z singt uns ein Lied“ brachte mich zum Ausflippen und in den Sommer 2011 zurück, bevor ich mit „Avicii“ wieder in die Gegenwart ankam.

Nun erschallte das Lied, mit dem alles begann. Ich sang Wort für Wort mit, schrie beim Refrain, drehte mich zum „Uuuuuh Uuuuuuuuuuuh“: „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“. Thees Uhlmann & Band verabschiedeten sich und kaum waren sie weg, waren sie wieder auf der Bühne. Anfangs etwas irritiert, weil Uhl die Einleitung nicht auf dem Mundharmonika spielte, glitt ich mit dem folgenden Lied in höhere Sphären hinauf.

Es war unglaublich gut, dass ich mich an einem Platz weit weg von den anderen befand, mit guter Sicht auf die Bühne und sang und tanzte ausgelassen zu meinem ewigen Nummer-Eins-Lied von Thees Uhlmann: „Römer am Ende Roms“.

Ich war im positiven Sinne zugedröhnt, hatte ein breites Grinsen im Gesicht und war einfach nur glücklich, dankbar.

Kein Thees-Uhlmann-Konzert ohne ein Lied von Tomte. Ich durfte meine Premiere von „Ich sang die ganze Zeit von dir“ erleben und die Musiker gingen wieder von der Bühne ab. Leider weiß ich nicht alle Namen, weil die Zusammensetzung der Liveband sich zu 2011 und 2013 wieder verändert hat. Martin Kelly an der Gitarre war wieder dabei, angeblich Hubert Steiner am Bass, obwohl ich ihn nicht erkannte. Julia Hügel an den Tasten vermisste ich, genauso wie Tobias Kuhn an der anderen Gitarre.

Nach weiteren Zugabe-Rufen erklang zum Abschluss „Ein Satellit sendet leise“ und noch vor 22 Uhr war es vorbei. Ich konnte noch entspannt aufs Klo gehen und weil ich keine 21 Minuten auf die Tram warten wollte, ging ich zu Fuß zum Gothaer Platz runter und zuhause wurde ich vom besten Papa der Welt mit einem „Möchtest du einen Tee?“ empfangen.

Danke für den herrlichen Abend. Eine so entspannte Atmosphäre wie auf diesem Gelände habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Ich würde mich freuen, wenn die Sommerpalooza Erfurt auch in 2023 stattfinden würde. (Wirtschaftlich betrachtet ist das sicher unsinnig. Aber wenn die BUGA 2026 auch in Erfurt veranstaltet wird, dann dürfte alles möglich sein.)

4 Kommentare

  1. Da hast du ja einen tollen Konzertabend gehabt, das wäre was für mich gewesen. Beide Support-Bands kenne ich aus dem Radio, waren beide schon mal Album der Woche bei Radio Eins. Die andere Seite ist für mich etwas gewöhnungsbedürftig, muss ich bestimmt auch erst mal live sehen. Aber Tom Schilling finde ich auch gut. Betterov „hatte mich“ beim ersten Hören, das war „Dussmann“ (tolles Video übrigens).
    Und obendrauf noch Uhl. Bin fast ein bisschen neidisch. ;-)

    1. Zugegeben, ich hatte etwas Schiss, als ich zur Messe fuhr. Aber ich durfte die einmalige Gelegenheit, drei tolle Künstler an einem Abend zu erleben, nicht versäumen.
      Und nach dem Konzert war ich so richtig beseelt.

      Liebe Grüße nach Schwerin. Ich bin mittlerweile wieder in Wien.

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