08.05.2022 – Wiener Blond & Gutrufs Erben bei den 48er Depo-Days in Wien

Damit die Stadt Wien funktioniert, wird sie durch diverse Magistratsabteilungen verwaltet. Die Wiener:innen merken sich kaum die offiziellen Bezeichnungen der jeweiligen Magistrate, sondern nennen sie nur nach der Nummer. So hat die Magistratsabteilung Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark die Nummer 48. Also, MA 48. Und nein, es ist kein Scherz, dass wir solche Deponien „Mistplätze“ nennen. Ich kann mich noch sehr gut an den Tag im Jahr 2003 erinnern, als ich vor Lachen prusten musste, nachdem ich ein Straßenverkehrsschild mit der Aufschrift „Mistplatz“ las.

Und einzigartig in der Stadt Wien ist, dass sogar „Mistfeste“ ausgerichtet werden. Jährlich findet am Mistplatz im 17. Hieb ein solches statt, seit kurzem wird auch am Rautenweg – am anderen Ende von Hernals – gefeiert. Da der Mistplatz in der Richthausenstraße den Namen „Mistfest“ für sich reklamiert, muss sich die Donaustadt mit dem neumodischen „48er Depo-Days“ zufriedengeben.

Donaustadt. Ein Wiener Bezirk, das ich äußerst selten aufsuche. Ich fühle mich in meiner Gegend rund um Ottakring mit der Nähe zum Wienerwald sehr wohl.

Doch vor nicht allzu langer Zeit ereilte mich eine elektronische Nachricht von Gutrufs Erben (Eine der wenigen „Nussletter“, die ich noch abonniere.), die ankündigte, dass die beiden Herren im besten Alter bei den 48er Depo-Days auftreten würden. Die Ottakringerin spekulierte zunächst darauf, dass sie im benachbarten Hernals erscheinen, aber nein. Es handelte sich um den 48er weit draußen in Transdanubien, quasi am A…. der Welt. Ich wollte die Nachricht abhaken, aber weil ich gern und zuviel lese, entdeckte ich im Programm, dass Wiener Blond auch dort gastieren und beide Formationen würden sogar zeitnah, sprich nacheinander, spielen.

Ich war hin- und hergerissen und die Aussicht auf eine Fahrt mit dem Autobus quälte mich sehr. Doch weil ich schon mehrmals mehrstündige Zugfahrten überlebt hatte, sagte ich zu mir, dass ich mich nicht so anstellen soll und was spricht denn gegen einen sonntäglichen Ausflug an das andere Ende der Welt von Wien? Sogar das Wetter würde mitmachen und versprach moderate Temperaturen von ca. 20 Grad Celsius.

Transdanubische Tristesse.

Also brach ich am Sonntag zum Bahnhof Ottakring auf und fuhr mit der U3, anschließend mit der U1 weiter, um mir zum Schluss die – zum Glück – kurze Busfahrt zur Deponie Rautenweg zu gönnen. Als ich bei der Haltestelle der Linie 24A, TierQuarTier, ausstieg, fand ich mich alleine in der scheinbar gottverlassenen Gegend und schritt einen braden Weg zum Zielort. Ich staunte nicht schlecht, wie VIELE Autos auf dem Parkplatz der Deponie abgestellt waren und nun erblickte ich die Bühne. Huch, ich hatte mir das alles schon kleiner vorgestellt. Und die unzähligen Reihen von Klappstühlen davor. Ich steuerte zunächst den Gastronomiestand an und holte mir ein Krügerl vom Ottakringer Pur (immerhin!) und lief in ein bekanntes Gesicht hinein. Bevor Wiener Blond ihre Darbietung begann, feierte ich Wiedersehen mit den Konzertkollegen – ich habe sie alle seit über einem Jahr nicht mehr gesehen, ich war 2021 praktisch auf Solotournee.

Noch beschwingt vom Konzert im Globe Wien freute ich mich, Wiener Blond live wieder zu erleben. Da wir relativ weit vorne saßen, konnte ich mir leider keinen Eindruck verschaffen, wie die Stimmung im Publikum sein würde und aufgrund der überzähligen freien Sitze schien mir die Veranstaltung recht dünn besucht. So eröffnete Wiener Blond ihr Programm mit „Schau ma mal“. Dieses Mal im Trio, gaben Verena Doublier, Sebastian Radon und Marc Bruckner einen Streifzug aus ihrem Schaffenswerk („Schnackerl“, „Glück g’habt“, „Zwida“) und ich verstand Verenas Einführung zum nächsten Lied, das vom „Nachbar“ handelte. Spaßiger wurde es bei der darauffolgenden Nummer, als Verena (oder war es doch Sebastian?) ins Publikum fragte, wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln angereist sei. Viele Hände nach oben. Verena süffisant: „Ist es weit?“ Meine weite Anreise mit den Öffis steckte mir noch in die Knochen und ich musste ein lautes „JA!“ ausrufen.

Und so drehten wir uns um den „Öffi-Walzer“, das nahtlos in den weiteren Publikumsliebling „Kaana waas warum“ überging. Wieder begeisterte mich „Voulez vous“ und nach „Der Rosmarin ist hin“ leiteten Sebastian und Verena eine Vegetarier-Fleischesser-Abstimmung ein: „Blattspinat, Bulgursalat…“ versus „Paniertes Schweinderl…“ – interessanterweise machte das Gemüse das Rennen. Als ein paar anwesende Kinder weiterhin „Blatt-spi-nat!“ riefen, musste ich herzhaft lachen. Dabei bin ich mir sicher, dass das Gemüse nur leichter auszusprechen war, so dass ein Wiener Nationalgericht leiser treten musste. Doch gab es „Allerlei vom Schweinderl“ und die Zeichen standen auf Finale, was ich sehr bedauerte. Genoss ich es doch, nach knapp einem Monat wieder ein Konzert zu besuchen – und dieses Mal sogar bei angenehmen Wetter und Bier in griffbereiter Nähe.

Nach „Ned schlofn“ erklang die Wien-Hymne „Der letzte Kaiser“. Weil die Musik von Wiener Blond beim Publikum so gut ankam, wurde lautstark nach einer Zugabe verlangt. Ich erwähnte schon, dass das Wetter angenehm war. Zwar tröpfelte es hin und wieder, aber ich empfand die Küsse vom Himmel als erfrischend. Doch weil es so etwas wie Fügung gibt, spürte ich mehr Tropfen auf meinen Armen, als Sebastian auf seiner Trompete anstimmte und Verena die ersten Worte von „Gestan (St. Pölten)“ sang. Dennoch blieb das nicht lange, wir konnten das frühlingshafte Maiwetter genießen. Und ich gab mich der latenten Depression hin. (Und stellte wieder fest, wie wunderschön das Lied ist.)

Nun war die Bühne frei für den nächsten Akt.

Über Gutrufs Erben schrieb ich einmal einen Konzertbericht, das auch schon fast sechs Jahre zurückliegt. Im Laufe der nächsten Jahre besuchte ich wohldosiert ihre Abende. Unvergessen bleibt mein vorerst letztes Konzert im Februar 2020 im ´s Baumgarten, als wir dichtgedrängt zu „Hameau“ schmetterten. Mit Musik aus den vergangenen 100 Jahren nahmen uns Christoph Michalke und Martin Mader auf einer Zeitreise mit, die Michalke vorerst mit einem „Brauch i ned“ intonierte. In meinen jüngeren Konzertberichten erwähnte ich oft, dass ich vermehrt Schwierigkeiten habe, Moderationen auf der Bühne zu folgen. Das blieb mir auch leider bei Christoph nicht erspart, tja, die Zeiten der regelmäßig besuchten Konzerte von [rema‘su:ri] und CMCM dürften vorbei sein. Aber hängen geblieben ist bei mir der Kalauer, als Christoph von „Glumpert“ sprach und wir quasi am richtigen Ort seien.

Von Qualtingers „Waun da Weana“ zu einem Medley aus Liedern von Udo J. und Peter A. gedachten wir einem kürzlich verstorbenen Musikanten: „Echt supa“. (Kurt Ostbahn vulgo Willi Resetarits. Sein Ableben macht mich immer noch fassungslos.)

Mit Schmäh und Wiener Charme unterhielten Frack und Kord das Sonntagsnachmittagspublikum, doch wurde ich den Eindruck nicht los, dass die Bühne einfach zu groß ist für Gutrufs Erben. Ich hatte das Gefühl, das Intime, das ich bisher in der Kulisse und im ´s Baumgarten verspürte, verlor sich in der Distanz zwischen Bühne und Publikum. (Aber andererseits, im Moment treibt’s mich nicht unbedingt zu den kleinen, beengten Spielstätten.) Da Gutrufs Erben die österreichische Musik aus 100 Jahren zelebrieren, durfte natürlich ein Lied von [rema’su:ri] nicht fehlen. Ich kam sogar im „Fluchthelferin“-Leiberl, aber die Hymne „Am leiwansten daham“ hat für mich seit ca. einem Jahr auch eine neue Bedeutung. Mittlerweile arbeite ich lieber zuhause in meinem Schlafzimmer als im Büro. Auch wenn ich Team „Maske auf in jedem geschlossenen Raum“ bin, ist es scho leiwander, zuhause am eigenen Klo maskenfrei zu gaggen…

So verging eine weitere Stunde zu Ende und nach einem kleinen Rundgang auf dem Gelände (Wer weiß, ob ich noch einmal kommen werde?) traten wir den Heimweg an.

Die Weltreise mit den Öffis hat sich gelohnt. Danke für den schönen Sonntagnachmittag!

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..