24.03.2022 – Wiener Blond im Globe Wien

Das dürfte die neue Routine sein. Nach dem Konzert gleich nach Hause fahren und ein Bier aufmachen. Vorher noch im Spiegel die Abdrücke in meinem Gesicht bewundern, weil ich mal wieder durchgehend FFP2-Maske getragen hatte.

Eigentlich hatte ich dieses Konzert nicht in die engere Auswahl gezogen, obwohl ich die Musik von Wiener Blond gern höre und das Duo bisher nur zwei Mal erlebt hatte. Nachdem zwei von mir in diesem Monat fixierte Konzerte aus bekannten Gründen verschoben wurden, wollte ich den März nicht konzertlos an mir vorübergehen lassen.

Also doch Wiener Blond in St. Marx draußen? Die Fahrt mit der U3 wirst Du auch überleben. Allerdings entschied ich mich, erst am Tag des Konzerts eine Karte zu kaufen, wenn ich mir sicher war, dass keine kurzfristige Absage kommen würde.

Indessen schlich sich auch an diesem Tag bei mir ein nunmehr bekanntes Gefühl ein, das ich seit n. Cor. verspüre. „Gehst hin oder gehst nicht hin?“ Es ist nicht nur die Furcht, mir möglicherweise etwas zu holen, sondern auch die Bequemlichkeit. In Zeiten v. Cor. kam es äußerst selten vor, dass ich ein bevorstehendes Konzert doch nicht besuchte, weil ich „keine Lust“ hatte.

Aber in der neuen Normalität habe ich mich an das Feierabenddasein in der Wohnung mit Musik, Buch und Fernseher gewöhnt. Und ich ertappte mich oft dabei, dass ich mich manchmal schwer tue, einfach mal wieder fortzugehen.

Aber gegen 14 Uhr war die Karte gekauft und so blieb mir nichts anderes übrig, als nach 18 Uhr von Ottakring aufzubrechen. Auch waren die positiven Erinnerungen an die vergangenen Konzerte von Wiener Blond ausschlaggebend, dass ich sie wieder live erleben möchte.

Wie ich zu Wiener Blond gestoßen bin, weiß ich nicht mehr. Es muss 2015 gewesen sein, aber erst in 2018 hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, das Duo im Rahmen des Wiener U-Bahn-Tags in der Remise zu hören. Mir taugte der Auftritt, doch es verging mehr als ein Jahr, bis ich ein vollständiges Konzert im Theater am Spittelberg besuchen konnte. Von dort nahm ich ihre ersten beiden Alben, „Der letzte Kaiser“ und „Zwa“, mit.

In der darauffolgenden Zeit fand ich Gründe oder Ausreden, kein weiteres Konzert von Wiener Blond zu besuchen. Dabei erfrischen mich Verena Doublier und Sebastian Radon mit ihrem sprachlichen Wortwitz und ihrer „urbanen Popmusik“, die mit wenigen Instrumenten (hauptsächlich Gitarre, Cajon und Beatbox) doch facettenreich herüberkommt.

Und als eine Eingewienerte fühle ich jede Zeile in „Der letzte Kaiser“ und seit ich in Ottakring lebe, erfreue ich mich an der berührenden „Roterdstrossn“.

Aber Verena & Sebastian besingen nicht nur Wien und ihre Bewohner:innen mit einer solchen Treffgenauigkeit, sie schauen auch über den Schnitzeltellerrand und liefern mit dem „Anninger“ eine dynamische Nummer oder mit „Gestan (St. Pölten)“ eine Doch-Wien-Hymne, die seinesgleichen sucht.

Nun haben Wiener Blond ihr drittes Album „Bis in der Früh“ schon im November 2020 veröffentlicht, aber aus bekannten Gründen konnte die Albumpräsentation in Wien erst am 24. März 2022 stattfinden. Das Duo schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe und feiert somit auch ihr zehnjähriges Bestehen.

„Bis in der Früh“ ist eine beherzte Weiterentwicklung gegenüber ihren ersten beiden Alben. Doublier & Radon lassen noch mehr elektronische Musik zu, das sich noch ungewohnt in meine Hörsysteme groovt. Doch ich bin ja auch eine leidenschaftliche Textleserin und habe sehr schnell meine Lieblinge entdeckt: „Palawa Mi“, „Westeinfahrt“ und „Allerlei vom Schweinderl“.

Mein erster Besuch im Globe Wien in der Marx-Halle stand mir bevor. Bisher kannte ich das Gelände nur „Open Air“. Beim Kartenkauf suchte ich mir dank Saalplan-Anzeige einen Platz aus, bei der ich möglichst weit außen sitzen konnte. Es war etwas blöd, weil es nur mehr auf der rechten Seite solche freien Plätze gab und mein besseres Ohr ist nun einmal mein rechtes. Doch das tat dem klangvollen Konzertabend keinen Abbruch.

Ich empfand den Klang im relativ neu errichteten Saal als sehr angenehm und ich hatte mit einem Platz auf der leicht ansteigenden Tribüne eine gute Sicht auf die Bühne und konnte auch das Publikum gut beobachten. (Lobenswert. Masken wurden brav getragen. Kaum fotografiert. Geradezu gesittet ging es beim überwiegend jungen Publikum zu.)

Weil ich es mir nicht zutraute, womöglich einen Bericht zu diesem Konzert zu schreiben, habe ich mir nicht notiert, welche Lieder Wiener Blond zum Besten gegeben hatten. Daher gibt es keine Garantie für die (vollständige) Liederfolge.

Wiener Blond traten bisher im Duo auf, manchmal werden sie vom Original Wiener Salonensemble begleitet, zu der es auch ein hörenswertes Livealbum „endlich salonfähig!“ gibt. Auf dieser Tournee werden Verena Doublier und Sebastian Radon von Marc Bruckner und Raphaela Fries begleitet.

Das Konzert eröffneten sie noch zu zweit. Mithilfe von Verenas Gitarre, Sebastians Cajon und den wirkungsvollen Loops ließen sie in der Marxhalle den „Anninger“ ausbrechen. Der „Spritzwein“ wurde gereicht und auf das „Glück g’habt“ wurde nicht vergessen. Marc Bruckner verstärkte das Duo mit dem Kontrabass und ließen uns im „Öffi-Walzer“ drehen, „Voulez vous“ war eines meiner Höhepunkte an diesem Abend. Dieser wummernde, treibende Klang und der harmonische Gesang von Verena & Sebastian gaben mir das Gefühl (wieder zurück), dass es gut ist, wieder auf ein Konzert zu gehen und live Musik zu hören. „Der letzte Kaiser“ entließ uns in die Pause.

Wiener Blond: Verena Doublier und Sebastian Radon.

Der zweite Teil des Abends konzentrierte sich auf das neue Album. Marc Bruckner wechselte zur elektrischen Bassgitarre und Raphaela Fries beehrte das bisher verwaiste Schlagzeug.

Nun ging es los mit „Westeinfahrt“. Huch, was ein Schlagzeug und eine Bassgitarre bewirken können! Bei Wiener Blond war ich einer bestimmten Laustärke bzw. einem Rhythmusgefühl gewöhnt, aber nun spürte ich meinen Sitz, den Boden unter meinen Füßen vibrieren. Und ich erfreute mich an „Palawa Mi“. (Das offizielle Video ist, naja, Geschmackssache, aber das Lied ist klass‘ und der Text ohnehin köstlich.) Weil es sich im dritten Album großteils um das Nicht-Schlafen dreht, haben Wiener Blond ihn „Bis in der Früh“ betitelt. So gab es „Wach“ und „Ned schlofn“, aber auch andere essentielle Themen zum Hören: „Schnackerl“ und „Nachbar“. Zum letztgenannten Lied konnte ich die Ansage von Verena Doublier verstehen. Sie erzählte, dass sie im Lockdown Gelegenheit hatte, die Nachbarn näher kennenzulernen und so entstand dieses Lied. Doch zwischendurch packten Wiener Blond ein altes Lied heraus, das das Publikum verzückte: „Kaana waas warum“. Was ich bisher nicht erwähnte: Wiener Blond sind live auch zum Anschauen eine Freude. Verena & Sebastian sind nicht nur stimmlich eine harmonische Einheit, die kleinen Choreographien zwischendurch beherrschen sie auch perfekt.

„Allerlei vom Schweinderl“ durfte nicht fehlen und mit „Kreisel“, das mit dem titelgebenden „Bis in der Früh“ endet, ging ein wunderbares Konzert zu Ende.

Doch was ist ein Konzert ohne Zugabe? Wiener Blond & Band beschenkten uns mit einem bewegenden „Gestan (St. Pölten)“. Und wieder hatte ich das oben beschriebene Gefühl. Dieses „Es gibt Lieder, die Du live die Erfüllung findest.“. Auch wenn die bekannte Wiener Melancholie Dir Deine Fratze zeigt, Du lächelst sie entgegen.

Weil der Großteil des Publikums schon sehr lange auf diesen Abend gewartet hatte, gaben uns Verena & Sebastian noch „Der Rosmarin ist hin“ auf dem Heimweg.

Danke für den schönen Abend!

Neugierig geworden? Dann besuchen Sie wienerblond.at !

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4 Kommentare

  1. Meine derzeitigen ersten groesseren Konzerte fuer dieses Jahr stehen mir noch bevor: Steely Dan und Steve Winwood, Ringo and his All-Starr Band und Paul McCartney. Verrueckterweise sind alle fuer den Juni anberaumt.

    Darueberhinaus reizt es mich sehr zu Bonnie Raitt zu gehen. Dies waere das zweite Mal nach einem fantastischen ersten Konzert im August 2016. Leider waere es darueberhinaus das vierte Konzert im Juni und somit wohl wirklich Overkill! :-)

    1. Ja, das hast Du schon in meinem vorherigen Beitrag kommentiert.

      Für Juni habe ich noch nichts geplant, ueberhaupt ist 2022 noch aehnlich wie 2021, was Konzerte angeht.

  2. Ach, ich liebe Wienerisch, und es ist hier sehr schön wiedergegeben! Lass Dich nicht zu sehr an Fernsehen und Buch fesseln! Das kann man machen, wenn man alt wird…

    1. Danke für den netten Kommentar, Frau Frogg!

      Zwei Jahre sind eine lange Zeit und ich habe in dieser Zeit herausgefunden, dass mir die Bücher einfach gut tun. Sie können mich vom Irrsinn des Alltags und der Welt da draussen ablenken. Die Menschen sind mir einfach unerträglich geworden.

      Aber das wird mich dennoch nicht davon abhalten, weiterhin Konzerte zu besuchen. Natürlich bleibt die Maske auf!

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