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Quelle: dbe.ag

Vorgeschichte oder Huch, das Ganze ist bald 25 Jahre her!

Wer in Deutschland lebt, kommt an Herbert Grönemeyer nicht vorbei. Auch ich blieb nicht von ihm verschont und mein erster Eindruck war alles andere als positiv. Dann, es muss 1994 oder 1995 gewesen sein, sah ich auf VIVA das Video von „Land unter“:

Schon reduzierte ich meine Vorbehalte ihm gegenüber und beim nächsten Besuch in der Gothaer Kinder- und Jugendbibliothek lieh ich mir die Musikkassette „Chaos“ aus, weil „Land unter“ sich auf diesem Album befindet. Aber so weit kam ich erst einmal gar nicht, um den Gröni endlich super zu finden. Schon die erste Nummer auf „Chaos“, das Titellied, packte mich und packt mich immer noch. Ich glaub(t)e zu wissen, wovon er singt und von da an schätze ich seine zeitkritischen Texte.

In den nächsten Jahren fütterte ich meine Musiksammlung mit CDs von Herrn Bert. Lustigerweise hatte ich „Chaos“ sehr lange auf einer überspielten Kassette, bis ich mir endlich in 2005 die CD kaufte.

Konzert oder kein Konzert?

Dennoch dauerte es eine Weile, bis ich den Wunsch verspürte, ihn auch live erleben zu wollen. Im Herbst 2006 kam die Ankündigung, dass Grönemeyer am 27. Mai 2007 in Wien auftreten wird. Karten wurden gekauft, die Vorfreude steigerte sich im März 2007, als ich das erste Mal die „12“ durchgehört und -gelesen hatte. Und zwei Wochen vor dem Konzert beschlossen mein damaliger Freund und ich, mehr oder weniger im gegenseitigen Einvernehmen, unsere Beziehung zu beenden. Ich litt unter der Trennung und mir war überhaupt nicht nach einem Grönemeyer-Konzert, zumal ich auch mit ihm hingegangen wäre. Die Karten schenkte ich meiner nunmehr Ex-Schwiegermama-in-spe.

Trotz allem blieb ich der Musik von Grönemeyer verbunden und ich gab die Hoffnung auf ein Konzert von ihm nicht auf. Schon ein halbes Jahr später bekam ich eine neue Chance und organisierte für mich und einem konzertbefreundeten Ehepaar Karten für das Konzert in Klagenfurt am 18. Juli 2008. Ich danke nach wie vor B. und R., dass ich mit ihnen ein wunderbares Konzert erleben durfte.

davDas positive Erlebnis schrie natürlich nach einer Wiederholung und für das nächste Konzert in Wien am 18. Juni 2011 kaufte ich mir so bald wie möglich eine Karte. Doch ich hatte die Rechnung ohne den „Schiffsverkehr“ gemacht. Das Album fadisierte mich, ich glaube, ich habe es nur zweieinhalb Male am Stück gehört und gelesen. Ich wurde die Karte los und ging stattdessen zu Wolfgang Ambros in die Arena.

Dennoch wollte ich den Gröni nicht aufgeben und hoffte, dass der Nachfolger von „Schiffsverkehr“ nicht so sehr daneben steuern würde. Aber wie das bei ihm (und vielen anderen populären Musikanten) so ist: Zuerst die Termine mit anschließendem Kartenverkauf, dann das Album. Neuer Termin in Wien: 16. Juni 2015. Ich wartete erst einmal das Album ab. Sogar vier Tage nach dem Erstveröffentlichungsdatum kaufte ich mir „Dauernd Jetzt“. Es gefiel mir, aber bezüglich Karten schaute ich nun durch die Finger, weil ausverkauft.

Und dann kam der 15. März 2018! Ich erhielt ein E-Mail von öticket mit der Ankündigung, dass Herbert Grönemeyer am 22. März 2019 – nicht eine Woche, sondern mehr als ein Jahr später – in Wien gastieren würde. Dieses Mal pfiff ich auf das „Warte das Album ab!“ und bestellte sofort eine Stehplatzkarte.

Das lange angekündigte neue Album erschien am 9. November 2018. Laut duden.de ist „Tumult“ ein Synonym zu „Chaos“. Hören wir uns das Lied an, können wir auch behaupten, dass nach 25 Jahren sich nicht viel geändert hat. Ein anderes Chaos. Tumult halt. Wobei ich glaube, dass Herbert G., im Gegensatz zu mir, sich unter „Tumult“ etwas anderes vorstellt.

Dieses Mal beeilte ich mich überhaupt nicht mit dem Kauf der CD, ich bin auch seit einiger Zeit nicht so empfänglich für Neuanschaffungen auf Silberlingen. (Wenn ich mir doch ein, zwei CDs kaufe, liegen die meisten erst einmal monate-, sogar jahrelang, in OVP in meinen BENNOS ab.) Erst heuer im Jänner raffte ich mich dazu auf, im SATURN Gerngross die „Tumult“ zu kaufen. Ich nahm noch die „Building The Perfect Beast“ und „dei schwesda waand“ mit. Die „Springsteen On Broadway“ ließ ich links liegen. (Ich habe sie immer noch nicht…) Ach ja, von den drei CDs hat „Tumult“ als einzige geschafft, aus der Verpackung befreit zu werden.

Ich hörte mich mehrmals in „Tumult“ hinein, um nicht unvorbereitet auf das Konzert zu gehen. Das Album ist zwar gut, kann sich aber nicht mit meinen Favoriten „Chaos“ und „12“ messen.

Freitag, 22. März 2019 – Das Konzert

Nach einem etwas längeren Arbeitstag brach ich zu Fuß zur Stadthalle auf. Beim Anblick der langen Warteschlange bis zur Sorbaitgasse wurde mir schmunzelnd wieder klar, dass Herbert G. nicht zu Unrecht der Lieblingspiefke der Österreicher ist. Nach einem „Stellen Sie sich auch für Stehplätze Nord an?“„Ja!“ reihte ich mich in die Schlange ein. Der Einlass verlief reibungslos und nach fast fünf Jahren war ich wieder in der Halle D der Wiener Stadthalle. (Du bist mir nicht abgegangen…)

rhdrDer Vorgruppe BRKN hörte ich nur halbherzig zu und kurz nach 20 Uhr war es dann soweit:

Ein „Tumult“ brach aus und Herbert Grönemeyer bescherte uns „Sekundenglück“, das an diesem Abend aus sehr vielen Sekunden bestand. Bevor das Herz endgültig überschwappte, gelang es Grönemeyer, seines Zeichens der erfolgreichste deutsche Sänger der Gegenwart, das Wiener Publikum mit einer ausgewogenen Mischung aus neuen tumultartigen Liedern und Klassikern mit Ohrwurmgarantie zu begeistern.

Nach zwei weiteren Nummern aus „Tumult“ stimmte die Menge mit „Kopf hoch, tanzen“ auf eine Zeitreise ein. Was dann auch (fast) prompt geschah. Mit „Bochum“ bewies das Publikum ihre Textsicherheit und lauthals auch ihre Anerkennung über die Landesgrenze hinweg zu einer Stadt im Ruhrgebiet. Unmittelbar danach folgte das Medley aus „Männer“, „Was soll das“ und „Vollmond“, welches die Stimmung in der Stadthalle zum Überkochen brachte.

Auch wenn teilweise böse Zungen behaupten, dass bei Grönemeyer die Musik immer gleich klinge, muss ich diese Behauptung in „Mein Lebensstrahlen“ doch unterstreichen. Hörte ich das Lied auf dem neuen Album, entdeckte ich Parallelen zu „Land unter“. Und live war es genauso.

Auf die Bühnenshow wird seit Jahren großen Wert gelegt. Während dieser Tournee wechseln sich riesige ziegelsteinartige Videowände mit einer gemütlichen Wohnzimmeratmosphäre ab, die von mehreren überdimensionalen Stehlampen beleuchtet wird. Letztere diente auch als Kulisse für eines seiner bekanntesten Kuschel- und Romantikliedern, „Halt mich“.

Beim „Stück vom Himmel“ ballte ich meine Faust und hielt kurz inne. Ich musste an das „verpasste“ Konzert vom 27. Mai 2007 denken und fiel in die Wogen des Publikums ein, um uns zum Schluss zu fragen, warum wir es eigentlich nicht sind, wenn die Erde freundlich ist?

Das ganze Konzert über zeigte sich Grönemeyer immer wieder begeistert und berührt vom Wiener Publikum. Trotz der gewaltigen Entfernung von meinem Stehplatz zur Bühne sah ich das Strahlen auf Herberts Gesicht förmlich leuchten und wie er am liebsten alle umarmen möchte.

Bei „Doppelherz/Iki Gönlüm“ kam der Sänger BRKN zum Duett. (Erst im Nachhinein fand ich heraus, dass es sich um den gleichen Sänger handelt, der auf der Studioversion seinen Part singt und nun auf Tournee als Vorgruppe Herrn Grönemeyer und Band begleitet.)

Was die älteren Nummern betreffen, stelle ich bei Herbert Grönemeyer eine recht starre Liederliste fest. So war ich recht überrascht, dass Grönemeyer aus dem Album „Chaos“ „Fisch im Netz“ gezogen hat. (Auf das Titellied dürfte ich wohl ewig warten?) Dafür freute ich mich umso mehr, mein liebstes Lied auf dem neuen Album, „Fall der Fälle“, auch live genießen zu können. Optisch beeindruckte es mit dem Chor auf den Leinwänden.

Mit den restlichen 13.999 Besuchern zeitreiste ich in „Mensch“, „Bleibt alles anders“ und „Alkohol“. Herbert G. kündigte stets seine Lieder an, obwohl ich ihn nicht jedes Mal verstanden hatte. Doch muss ich nach wie vor grinsen, wenn ich das ausgeflippte Gekreische einer Konzertbesucherin in meiner Nähe höre, als wir „Alkohol“ verstanden.

Dann war ich dran mit laut aufjubeln! Es erklang „Land unter“. Wer auch die Special-Edition von „Was muss muss“ besitzt, kann auf einem Interview hören, dass Grönemeyer dieses wunderschöne Stück, mein Einstieg, zu seinem liebsten Lied deklariert hat. (Es wird wohl Zeit für mich, das USB-Stick genauer zu betrachten…)

In „Musik nur, wenn sie laut ist“ erlebte ich eine Art Déjà vu. Ich erwähnte, dass ich die Ansagen von Gröni nicht immer verstanden habe, so auch seine Ankündigung zu diesem Lied. Und genauso wie in Klagenfurt erkannte ich das Lied nicht sofort. Der Unterschied: In Klagenfurt stand neben mir ein Herr, der mir den Refrain ins Ohr brüllte. (Wahrscheinlich hat er mein Hörgerät gesehen. Nicht sehr taktvoll, aber dennoch danke!) In Wien dauerte es noch länger, weil es diesen eben erwähnten Herrn nicht gab. Ist es, weil ich dem Lied gegenüber „gemischte Gefühle“ hege? Diese Klischees immer. „Musik nur, wenn sie laut ist“? Aber ja, wenn sie spürt, dass der Boden unter den Füßen bebt. Aber nicht auf einem Konzert in einer Halle, dessen Akustik immer wieder fragwürdig ist.

Die oben erwähnte Wohnzimmeratmosphäre kam in „Ich hab Dich lieb“ und in „Demo (Letzter Tag)“ wieder zum Vorschein, wobei erstere natürlich in Österreich eine Sonderstellung innehält!

„Zeit, dass sich was dreht“ lebte in mir die schöne Erinnerung von Klagenfurt auf. Mich hatte das Lied damals einfach nicht angesprochen, aber ab diesem (auch) Freitag Abend im Juli 2008 änderte sich alles: Im Wörthersee-Stadion sangen wir das Lied weiter, als Grönemeyer und seine Mitstreiter von der Bühne abgingen. „Zeit, dass sich was dreht, was dreht, was dreeeeeeeht“ ging beinahe in einer Endlosschleife unter, wenn die Musiker nicht zurückgekommen wären. Auch in der Wiener Stadthalle wurde das Publikumsgesang zu einem Mantra. Überrascht von einem glitzernden Konfettiregen glaubte ich noch, dass Grönemeyer zwei, drei Zugaben spielen würde – Pustekuchen!

Der Schlussteil dauert noch einmal richtig lang und Herbert Grönemeyer erfüllte seinen Ruf als ausdauernder, stimmungsmachender Livemusiker, der mit seinen bald 63 Jahren immer noch auf der Bühne toben kann.

Nein, wir durften noch nicht heimgehen, es ist ein Freitag und vielleicht auch im Sinne von #fridaysforfuture bekräftigte uns Gröni das doch sehr zu Missinterpretationen führende „Kinder an die Macht“.

Mit dem „Lied zur Nacht“ endete ein fantastisches Konzert. Knapp drei Stunden begeisterte Herbert Grönemeyer und seine bestens aufeinander eingespielten Musiker, die auch schon seit Jahren Weggefährten sind, das Publikum in der Stadthalle. Und ich bin froh und dankbar, dass ich nach vielen Jahren zu einem zweiten Konzert geschafft habe.

Die Stimmung war gut, der Klang nicht immer ganz perfekt, aber ganz berührt und mit Frühling im Herzen verließen wir die Stadthalle.

Lesenswerte Kritiken aus den österreichischen Medien:

https://derstandard.at/2000100087613/Jauchzen-und-Frohlocken-Herbert-Groenemeyer-in-der-Wiener-Stadthalle

https://www.sn.at/kultur/allgemein/groenemeyer-in-wiener-stadthalle-herbert-bist-leiwand-67688536

https://www.tt.com/kultur/musik/15464223/wiener-stadthalle-herbert-groenemeyer-hat-euch-lieb

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