Aus meiner Musiksammlung: Bruce Springsteen „Nebraska“

[Beitrag ursprünglich am 20. September 2015 auf sori1982.blogspot.com veröffentlicht. Die Rohfassung entstand schon im September 2010.]


Schon das Cover-Foto von David Kennedy zeigt, welcher Weg uns „Nebraska“ möglicherweise weisen wird. Das Album wird mit dem Titellied eröffnet. Basierend auf der wahren Geschichte von Charles Starkweather & Caril Fugate und bezugnehmend auf „Badlands“ (Steht noch auf meiner To-Do-Liste: Den Film von Terrence Malick ansehen.) versucht Springsteen, die Situation aus Starkweathers Sicht zu beschreiben. Der Hörer bzw. Leser wird dazu angeregt, nachvollziehen zu können, was den kaltblütigen Mörder dazu bewogen hat, Leute „on his path“ zu töten. Mit fast gleichgültiger Stimme erzählt er die Geschichte, „[…] and ten innocent people died.“ Sie hatten sogar Spaß daran. Um Vergebung wird hier nicht gebeten. Es wird ihm erklärt, dass er nicht mehr für das Leben geeignet sei und zum Schluss wird die Frage, warum und was er alles getan hat, mit „[…] well Sir I guess there’s just a meanness in this world.“ beantwortet. Das eröffnende Titellied lässt uns die textliche und musikalische Struktur für das restliche Album erahnen.

Dass eine Gitarre, eine Mundharmonika und eine Stimme kraftvoll sein können wie ein ganzes Orchester, hört man deutlich in „Atlantic City“. Dort werden die letzten Lichter in der einst pulsierenden Stadt abgedreht: „[…] Everything dies baby that’s a fact.“

Die Mundharmonika öffnet das Tor zum „Mansion On The Hill“. Idyllisch, malerisch beschreibt Springsteen das Haus auf dem Hügel. Spielende Kinder, weite Kornfelder, ein auf das Haus scheinender Mond. (Nebenbei: Mir gefällt die etwas verfremdete, aber überaus gelungene Version auf „Live In New York City“.) Die bilderreiche Idylle hält aber nicht ewig, etwas bleibt zurück. Da ist irgendetwas. Oder irgendjemand.

So einer wie „Johnny 99“. Keine so unbekannte Geschichte. Die heulende Mundharmonika und die greinende Stimme Springsteens erzählen, dass eine Autoproduktion geschlossen wird. Der Protagonist Ralph bemüht sich vergeblich um einen neuen Job, in seiner Verzweiflung trinkt er, kommt zu einer Waffe und tötet einen Nachtportier. Er wird gefasst, dem Richter vorgeführt und zu einer Haftstrafe von 99 Jahren verurteilt. Es kommt zu einer Handgemenge, die Freundin muss weggeführt werden, die Mutter schreit und die letzten zwei Verse ergeben das Schlussplädoyer von Johnny 99. Dem ist nichts hinzufügen.

Weil die Lieder in „Nebraska“ sehr filmisch sind, hat sich Sean Penn an „Highway Patrolman“ gewagt. Herausgekommen ist einer meiner Lieblingsfilme: „Indian Runner“. Die Geschichte über die ungleichen Brüder und dass Blut dicker als Wasser ist, wird in diesem Lied bilderreich dargestellt. Auch wenn der Bruder der Familie den Rücken zugewandt hat, er nicht mehr gut ist, ist doch eindeutig, dass die brüderliche Verbindung nie abreißen kann: „[…] nothin‘ feels better than blood on blood“.

„State Trooper“ ist eine für das Album recht flotte Nummer. Der Erzähler stellt sich vor, bloß nicht von einem „State Trooper“ angehalten zu werden, da er gerade zu schnell fährt. Er beschreibt eine „clear conscience ‘bout the things that I done“ und lässt zum Schluss ein „Hi ho silver-o deliver me from nowhere.“ heraus. Sehr viel Interpretationsspielraum.

„Used Cars“ hat weist autobiographische Züge auf. Douglas Springsteen, der Vater von Bruce Springsteen, hatte wechselnde Jobs gehabt und gehörte auch nicht zu den reichen, begüterten Leuten und sich ein nigelnagelneues Auto zu leisten, war für die Familie undenkbar. Springsteen erzählt hier von der Scham, wieder in einem neuen, gebrauchten Auto zu sitzen. In diesem Lied beschreibt er die Schwester und die Eltern sehr plastisch. Schwester auf dem Vordersitz mit einem schmelzenden Eis, Mutter ganz allein auf dem Rücksitz, während Vater das neue „used car“ aus der Lücke steuert. Wie die Mutter mit dem Hochzeitsring an ihrem Finger spielt und den Verkäufer ansieht, der wiederum auf die Hände des Vaters starrt und wie dann der Erzähler schwört, dass er eines Tages, wenn er im Lotto gewinnen sollte, er sicher nie wieder in einem gebrauchten Wagen fahren werde. Dazu beschreibt er auch die Szene, mit dem neuen „used car“ in die Straße zu kommen, wo sie wohnen und wie das Objekt von den Nachbarn begutachtet wird und der Text erreicht seinen Höhepunkt mit „I wish he’d just hit the gas and let out a cry and tell ‘em all they can kiss our asses goodbye.“

„Open All Night“ ist ähnlich „State Trooper“ eine temporeiche Nummer mit textlichen Wortspielereien, immer ganz schnell Luft holen und die letzte Zeile klingt auch ähnlich wie die letzte in „State Trooper“: „Hey ho rock’n’roll, deliver me from nowhere.“

Es hat lange gedauert, aber mittlerweile bin ich überzeugt, dass „My Father‘s House“ meine liebste Nummer auf „Nebraska“ ist. Im November vergangenen Jahres hatte ich wieder Gelegenheit, das Album durchzuhören und großteils mitzulesen. Während ich mich mit diesem Lied beschäftigte, fiel mir nach Jahren ein Traum ein, den ich im Alter von drei oder vier Jahren geträumt hatte. Er hat hauptsächlich mit „Vater“ zu tun und ich wurde von meinen Emotionen überwältigt. „Last night I dreamed that I was a child“ – ich versuche, Parallelen zu ziehen. „[…] ghostly voices rose from the fields/ I ran with my heart pounding down that broken path/ With the devil snappin‘ at my heels“. Heute betrachte ich meinen Traum wieder nüchterner, ich habe dieses vordergründige Wissen und es „unter Kontrolle“, da diese Erinnerung mich nicht hinterrücks überfällt. Die Stimme wirkt wie ein Echo aus der Ferne, „[…] where our sins lie unatoned.“, die Mundharmonika dagegen scheint ganz nah zu sein.

„Reason To Believe“ ist das Lied mit den meisten biblischen Bezügen. Das abschließende „Still at the end of every hard-earned day people find some reason to believe.“ gehört zur Sammlung der wichtigsten Springsteen-Zitate und vermittelt auch eine Lebenseinstellung, wenn auch etwas leicht ironisiert und sogar etwas zynisch betrachtet. Noch Fragen?

„Nebraska“ in der ganzen Form hörte ich zum ersten Mal in 1997. Ich borgte mir die Musikkassette aus der Musikbibliothek in Gotha. Die CD kaufte ich mir erst im Jänner 2002, um meine restlichen DM-Banknoten und Münzen loszuwerden. Im Nachhinein betrachtet eigentlich blasphemisch, dass ich bis dahin von der überspielten MC „gelebt“ hatte. Aber die MC läuft und läuft und läuft – und ich habe sie immer noch. (Trotz dreier verschiedener CD-Ausgaben.) Am besten hört man das Album zur Herbstzeit, die besten technischen Hörmöglichkeiten und eine ansonsten ruhige Umgebung sollen genutzt werden. Ein, zwei gekühlte Flaschen Stiegl Paracelsus Zwickl bereitstellen, das Buch „Songs“ heranziehen und das entsprechende Kapitel aufschlagen. Die Einleitung lesen und dann nach „Nebraska“ reisen.

Weiterführend:

http://brucebase.wikidot.com/stats:nebraska-studio-sessions

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/reflexionen/vermessungen/2160692-Das-Schlafzimmer-als-Tonstudio.html

Aus meiner Musiksammlung: „Badlands – A Tribute To Bruce Springsteen’s Nebraska“

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11 Kommentare

  1. Ein schöner Artikel über eines auch meiner Lieblingsalben. Meine Großeltern hatten es mir Mitte der 1980er von einer „Westreise“ auf Vinyl mitgebracht. Aufgenommen hatte ich es vorher schon bei „Duett“, das war ein Mitschnittservice bei DT64. Aber die Scheibe selbst aufzulegen, dazu die Texte mitlesen zu können und auch noch Übersetzungen ins Deutsche und Französische zu bekommen, das war eine prägende Erfahrung.
    Mein Lieblingslied war lange Zeit „Open all night“ und ich hatte mir immer eine Bandversion vorgestellt. Etwas in der Art gab es bei der Wrecking Ball Tour (Leipzig), aber das war mirirgendwie zu bläserlastig und passte besser zu den Seeger Sessions. Vielleicht klappt es ja 2023 noch.
    Nun schwanke ich immer zwischen „Highway Patrol Man“ und „Mansion On The Hill“.
    Danke für die Erinnerung und Inspiration, mal wieder reinzuhören.

    1. Danke für Deinen Kommentar. Das Beste an „Open All Night“ in Leipzig 2013 war eigentlich die Frau aus dem Publikum, die auf der Leinwand Sendezeit hatte.

      Nachdem es doch kein Gerücht mehr ist, dass im November ein neues Album von Bruce rauskommen wird, habe ich die Befürchtung, dass ein Lied aus „Nebraska“ – außer „Johnny 99“ oder „Atlantic City“ – bei der 2023er Tournee geradezu eine Rarität sein wird.

  2. Ich wollte nach dem Coverbild von „Nebraska“ im Internet suchen, weil sich Dein Foto bei mir nicht sofort öffnete …
    … dabei stieß ich auf die Information, dass Bruce Springsteen am 11.11. d. J. das neue Album „Only The Strong Survive“ heraus bringt.
    Aber das weißt Du sicher längst! :-)

    1. Hallo Christoph, danke für Deine Kommentar. Ja, von der Ankündigung eines neuen Albums habe ich mitbekommen. Aber da es sich dieses Mal um ein reines Cover-Album handelt, hält sich meine Begeisterung in Grenzen.

      1. Ich habe mir nun „Nebraska“ angehört … Es muss doch einen Nutzen haben, auf Audio-Streaming-Diensten zu veröffentlichen. ;-)
        Das Album hat mir sehr gefallen! Einen Cassettenrekorder im Schlafzimmer und allein mit Stimme, Gitarre und Mundharmonika ist schon eine authentische, raue Sache. Und das Ganze noch Anfang der 80er. Dennoch weiß ich nicht, was ich bei Spotify hörte, denn da waren einige Aufnahmen mit Studiotechnik wie Hall usw. aufgemotzt …
        Auf jeden Fall danke für diesen Trip! :-)

      2. Die Aufnahmen aus dem Schlafzimmer waren ursprünglich als Demo-Aufnahmen gedacht. Wenige Monate später war Springsteen mit der E Street Band im Studio, um den Liedern ein rockigeres Gewand zu verpassen. Daraus wurde erst einmal nichts und Springsteen entschied sich dafür, die ursprünglichen Aufnahmen zu veröffentlichen.

  3. Oh, das wird mir gleich weiterhelfen für meinen nächsten Dostojewski-Beitrag! Es geht darin um Verständnis für die Täter!

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