Aus meiner Musiksammlung: Rammstein „Sehnsucht“ + „Live aus Berlin“

Sori hört Rammstein? Sie hat solche Musik in ihrer Sammlung?

Wenn jetzt jemand die Nase rümpft, damit kann ich leben. Ich habe in den vergangenen 24 Jahren hier und da ähnliche Reaktionen erlebt und ich entschuldige mich nicht dafür. Es hat doch jeder seine Leichen im Keller, denn saubere Menschen machen mich eher misstrauisch.

Womit hat das begonnen? Ich erinnere mich, dass im Frühsommer 1997 das Video zu „Engel“ ständig auf VIVA rotierte. Aber meine Aufmerksamkeit hatte es nicht. Noch nicht.

In 1997/1998 hat der „Drogen-Müller“ eine ganz tolle Strategie geführt, Musik-CDs zu verkaufen: Neuerscheinungen waren, nicht gleich am ersten Tag der Veröffentlichung, aber kurze Zeit später, und auch nur für kurze Zeit, für günstig zu haben. Damals kostete eine Musik-CD zwischen 20 und 35 DM. Die Neuerscheinungen waren generell nie für weniger als 25 DM zu haben. Für eine Jugendliche, die gern Musik hört und entdeckt, war das Ganze eine relativ kostspielige Angelegenheit, weil sie sich nie bis Ostern, Geburtstag und Weihnachten gedulden wollte. Sie sparte ihr Taschengeld zusammen und gab es gern für Musik aus. Umso erfreulicher war es für sie, wenn die angesagtesten Neuerscheinungen dann für knapp 20 DM zu haben sind.

An diesem Tag Anfang Oktober 1997 reichte mir ursprünglich die „Greatest Hits Volume III“ von Billy Joel, die ich auch im Zuge dieser Aktion erwarb. Aber daneben lag die „Sehnsucht“ und das Cover erregte meine Aufmerksamkeit. Auch wenn ich es irgendwie ahnte, dass hinter diesem Bild nicht meine Musik spielte, war ich neugierig. ZU neugierig. Und hey, es sind 19,99 und nicht 26,95 DM.

Bevor ich zu diesem Album komme, erwähne ich noch nebenbei, dass ich im Laufe der nächsten Jahre das Debütalbum „Herzeleid“, die drei mittlerweile raren Maxi-CDs „Du riechst so gut ´98“, „Das Modell“ + „Stripped“ und Studioalbum Nr. 3, „Mutter“, in meiner Musiksammlung hatte. Aber sie haben mich nicht so, hm, darf ich „gefesselt“ schreiben? Sie konnten mir keine großartigen Geschichten erzählen wie „Sehnsucht“ oder „Live aus Berlin“. Und die Tonträger wurde ich auf diversen Marktplätzen wieder los.

So, zurück zur „Sehnsucht“: Im Internat angekommen, legte ich mit gespannter Erwartung die CD in meinen tragbaren Philips-CD-Spieler ein. Die ersten Takte erklangen und ich las gleich die Texte mit.

„Sehnsucht“: Nahm mich von Anfang an gefangen. Den Text kann ich sogar noch heute fehlerfrei wiedergeben. Die eindringliche, treibende Melodie und anschließend der hämmernde Takt sind sogar für meine verkrüppelten Gehörschnecken eine gelungene Kombination. Ich freundete mich mit Till Lindemanns Stimme an. Es ist mittlerweile mein liebstes Lied von Rammstein.

„Engel“: Ach, darum geht’s. Wie schon oben erwähnt, kannte ich das Video, verstand aber nicht, wovon sie sangen. Bei einigen Zeilen nicke ich heftig zustimmend. („… Gott weiß, ich will kein Engel sein.“) Mit dem Gepfeife und dem vermeintlichen Kindergesang beim sogenannten „Bridge“ haftet diesem Lied etwas Unschuldiges an. (Dabei wird der Kindergesang von niemand andere als Christiane Hebold, Sängerin der Band „Bobo In White Wooden Houses“, übernommen.)

„Tier“: Huch! Ich musste beim ersten Lesen wirklich schlucken und ahnte nun, warum Rammstein heftig kritisiert wurde. Es ist keine leichte Kost. Aber mit dem ständigen Hören gewöhne ich mich an den Text, ohne das Schlucken hin und wieder nicht zu vergessen.

„Bestrafe mich“ + „Du hast“: Beide Nummern zum Kopfschütteln (im Sinne von „Headbangen“) geeignet. Letztere nahmen wir oft als „Du hasst“ wahr.

„Bück dich“: Seit ich „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett gelesen habe, muss ich beim Hören dieses Liedes immer an Pozzo + Lucky denken.

„Spiel mit mir“: Auch arg. Genauso schlimm wie „Tier“. Doch halte ich den Wechsel zwischen Lindemanns Gesang und der unschuldig verspielten Melodie für gelungen.

„Klavier“: War für mich die Überraschung auf diesem Album. Aber gegen Ende des Textes fühlte ich, dass dieses Lied auch nicht harmlos wegkommt. Ist aber neben dem Titellied meine liebste Nummer auf dem Album.

„Alter Mann“: Mir hat der Refrain getaugt. Von mir aus können wir Rammstein alles Schlechte (Verherrlichung der Gewalt, angebliche Nähe zur NS-Symbolik) unterstellen, aber sie können Metapher!

Die letzten zwei Nummern, „Eifersucht“ + „Küss mich“, schwächeln. Es ist oft so, dass ich mich zum Schluss nicht mehr auf das Album konzentriere.

Ende 1997 (oder Anfang 1998?) wurde auf VIVA ein Konzert von Rammstein ausgestrahlt. (Nach gezielter Recherche stellte es sich heraus, dass es sich um dieses Konzert handelt.) Ich zeichnete es damals auf einer Videokassette auf. Die Kassette habe ich schon lange nicht mehr, aber ich erinnere mich daran, dass sie das Konzert mit „Spiel mit mir“ eröffneten. Und, ja, es lag eine gewisse morbide Faszination in der Luft, als ich mir das rund einstündige Konzert ansah. Sicher war die Erinnerung an das Konzert der Grund, als ich mir im Herbst 1999 die CD „Live aus Berlin“ kaufte.

Die CD beginnt, wenig überraschend, mit „Spiel mit mir“. Jedes Mal, wenn ich das Stück höre, erinnere ich mich bruchstückhaft an das Video. Doch mein Favorit auf dieser Scheibe ist „Sehnsucht“. Ich mag es, das textsichere Publikum bei „Doch es ist kein Schnee/Sand mehr da“ zu hören und wie das Wort „SEHN-SUCHT“ erschallt. Ich fühle die Stimmung beben, brodeln, kochen.

Doch kam ich nicht auf den Gedanken, ein Rammstein-Konzert besuchen zu wollen. Ich gebe zu, ich fürchtete mich ein bisschen vor dem Publikum und den pyrotechnischen Effekten.

Anfang 2005 bekam ich von einem lieben Menschen (Karsten, wenn Du das hier liest: Ich denke immer wieder an Dich!) das Angebot, ihn beim Rammstein-Konzert in der Erfurter Messehalle zu begleiten. Doch ich verabschiedete mich schon in 2001 von der Musik Rammsteins. Ich war also nicht mehr auf dem Laufenden (und bin es bis heute nicht) und das Konzert fiel auch ausgerechnet auf den Tag, als ich mit dem Zug von Wien nach Erfurt fuhr. Außerdem fühlte ich mich an diesem Tag auch nicht ganz gesund. Ich lehnte Karstens Einladung ab. Bis heute weiß ich immer noch nicht, ob ich mich dafür in den Hintern beißen soll.

Und nun? Wie schon erwähnt, habe ich mich nach „Mutter“ von Rammstein abgekoppelt. Aber die zwei CDs bleiben in meiner Sammlung, auch wenn ich sie nicht so oft höre.

Nur. An manchen Tagen, wenn ich eine ordentliche Wut habe und mir danach ist, lege ich gern eine CD von Rammstein ein und drehe die Lautstärke etwas höher auf. Dann fühle ich mich etwas besser.

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6 Kommentare

  1. Rammstein war auch nie so mein Fall, aber als ich für meine Frau die Best of CD besorgt habe incl. dem digitalen Download habe ich mal durchgehört und einiges gefällt doch, selbst wenn es zuweilen an Joachim Witts Bayreut Lieder erinnert…

    1. Ha, an „Die Flut“ erinnere ich mich auch noch sehr gut. Wobei ich aber zu der Zeit gelesen habe, dass „Bayreuth I“ angeblich auch nur ein Rammstein-Abklatsch (sic!) war.

  2. Es heißt ja immer, dass Rammstein polarisieren sollen. In meinem Fall eher nicht. Ich gebe zu, dass ich die Musik nicht unbedingt mag, sie aber auch nicht ablehne. Ich verstehe die Intention dahinter. Das Spiel mit dem Unsagbaren und der Provokation. Was aber so neu gar nicht ist. Von der slowenischen (früher jugoslawischen) Band Laibach kennt man das schon länger, das geht bei der provozierenden Namenswahl los und endet bei der Riefenstahl-Optik vieler Videos. Bei Rammstein wirkt eben vieles so teutonisch ernst, während die Übertreibung bei Laibach Mittel zum Zweck ist, um das Absurde in satirischer Überhöhung darzustellen. Man muss aber eben auch feststellen, dass in gewissen Kreisen der Gesellschaft Satire nicht so recht verstanden wird. :-))) Ein Interview mit Lindemann und Flake, das allerdings auch schon eine Weile her ist, ließ einige Blicke in ihre Persönlichkeit zu. Die nicht ganz frei von ihrer DDR-Vergangenheit ist. :-))) Sie aber richtiggehend sympathisch wirken ließ.
    Viele Grüße, Eberhard

    1. Danke für Deinen lesenswerten Kommentar :-) Da ich seit knapp 25 Jahren immer wieder über diese Musik stolpere, erinnere ich mich doch ganz gut, dass Rammstein damals eher verpönt waren. Heutzutage scheinen sie eine gewisse Akzeptanz erreicht zu haben, nachdem es noch schlimmere Kaliber gibt. An Laibach erinnere ich mich dunkel, hatte mich aber nie näher mit ihnen beschäftigt.

      Liebe Grüße aus Wien!

  3. Hoppla. Rammstein bei Sori?!
    Ja, das stimmt, mit den musikalischen Leichen im Keller. Kenn‘ ich gut.
    (Es lebe die junge Marianne Rosenberg! :-) )

    Mit Rammstein ging es mir ähnlich wie dir. Der Lindemann ist der Sohn des Lindemann aus dem DDR-Lesebuch (ich glaub 5. Klasse) Der Sohn hat eindeutig lyrisches Talent vom Vater. (Engel, Mutter, Ohne dich – und vor allem“Deutschland“ – das sind schon geniale Textleistungen).
    Dazwischen kommt dann immer diese „Klotür-Poesie“. (Bück dich & Co.)
    Deshalb blieb ich letztendlich auch immer weg vom Kauf einer CD.

    Andererseits ist die primitive Scheiße zwischen den guten Texten genau richtig um Masse zu kriegen und reich zu werden.

    Wenn heute noch irgend ein Idiot Rammstein an den Karren fahren will, dann können die alle reagieren wie Gene Simmonds von Kiss auf die Frage, weshalb die Band noch nicht in der „Hall of Fame“ ist:

    „Ich bin zu reich, um mich darüber aufzuregen.“

    1. Meine 5. Klasse habe ich schon im wiedervereinigten Deutschland gehabt, daher war mir der Vater von Till Lindemann nie ein Begriff.

      Leichen im Keller gehören einfach zu einer Musiksammlung. Es ist nur wichtig, sie wohldosiert und im Überblick behalten zu müssen.

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