Rückblick: 07.06.2012 – Bruce Springsteen and the E Street Band im San Siro

[Beitrag ursprünglich am 06.09.2012 auf sori1982.blogspot.com veröffentlicht.]

Vorvorgeschichte: Überwältigt vom Konzert am 25. Juni 2003 fragte mich K., ob Bruce noch ein weiteres Konzert in Europa spielen würde. Es stand nur mehr das Mailänder San Siro auf dem Tourneeplan. Okay, wir sind nicht hingeflogen und hatten auch nicht vor Ort versucht, Tickets zu ergattern. Aber im Nachhinein erfuhren wir, dass das letzte Konzert der Europatournee 2003 alle Stücke spielte. Ich schwor mir, bei der nächstbesten Gelegenheit Bruce Springsteen im San Siro zu erleben. In 2008 ließ ich sie aus, weil ich es mir nicht zutraute, alleine in ein fremdsprachiges Land zu reisen.

Vorgeschichte: Donnerstag, 24. November 2011, nachmittag. Ich saß vor meinem Laptop und erhielt von ticketone.it die Nachricht, dass Karten für das Konzert in Mailand bestellt werden können. Ich klickte auf den entsprechenden Link zur Webseite und wühlte mich durch das Italienisch, nahm für ein paar nicht eindeutig interpretierbare Wörter den LEO zu Hilfe und das alles, ohne daran zu denken, auf ticketone.it die Sprache ins Englische wechseln zu können. Konzertfreund M., der an diesem Hype („BRUCE GEHT WIEDER AUF EUROPATOURNEE!“) wenig Anteilnahme zeigte, obwohl er mir gegenüber einmal signalisierte, dass ihm schon ein zweites Springsteen-Konzert während einer Tournee interessieren würde und auch in einer „fremden“ Stadt, gab ich an diesem Nachmittag die Möglichkeit, diese Gelegenheit zu nutzen, indem ich ihn anrief und ihm mitteilte, dass ich nur noch ca. 17 Minuten habe, um die Bestellung für zwei Prato-Karten abzuschicken. Er war gerade in der Arbeit und meine Nachricht musste ihn überrumpelt haben, aber so nett wie er ist, sagte er: „Ja, bestell die Karten.“ Am anschließenden Wochenende konnten wir Flug und Hotel fixieren, wobei wir gut und günstig aussteigen konnten.

San Siro, 7. Juni 2012: Nach einem ca. viertelstündlichen Fußmarsch von der M1-Station „Lotto“ erblickte ich das ehrwürdige Stadion und musste mich innerlich zwicken, dass ich tatsächlich dort war. Gegen halb elf vormittag waren wir dann beim Stadion und – natürlich! – waren die ersten 1.500 begehrten PIT-Bandln weg. Zum Glück lief ich in ein bekanntes Gesicht aus dem österreichischen Springsteen-Forum (Ein Servus an „the sitter“!) und er teilte mir mit, dass beim Ingresso 4 ein Roll Call für die „Zu-spät-Gekommenen“ organisiert wird. Wir ließen uns die Nummern 219 (M.) und 220 (ich) auf die Handrücken schreiben und verbrachten den Tag mit Warten, Plaudern, Leute beobachten, Trinken (Ans Essen konnte ich nicht denken – so aufgeregt war ich!). Um 11:30 Uhr wurde der erste Rundruf – auf Italienisch!!! – gestartet, ich begann zu schwitzen, M. sah sich nach Leuten um, die Nummern vor uns hatten und wir zählten im Kopf weiter, bis wir dran waren. Es hat funktioniert. Kurz vor 15 Uhr wurden wir hineingelassen und konnten in den PIT – juhuu!

Um mir die Springsteen-Konzerte (auch) aus mehreren Perspektiven zu gönnen, hatte ich für Frankfurt/Main Sitzplatz und für Zürich & Wien nur normale Stehplatzkarten; daher war es mir schon sehr wichtig, für San Siro im PIT zu sein. Die Wartezeit bis zum Konzertbeginn war dann nicht mehr schlimm, da die Anspannung von mir abgefallen ist, neben uns nette Hardcore-Fans aus dem Ruhrgebiet saßen (Ein Tramp zählte 74 Springsteen-Konzerte.) und ich bekam sogar Gusto auf einen Panini Prosciutto.

Konzert: Mit „Once Upon A Time In The West“ betraten die E Street Band und Bruce Springsteen die Bühne und legten mit „We Take Care Of Our Own“ los – wofür es sich lohnt, im San Siro zu sein, ist die Stimmung! Die Euphorie, die Begeisterung kannten keine Grenzen, kein Ende. An „Wrecking Ball“ schloss „BADLANDS“ an – ich wiederhole mich: Euphorie! Das “Whooooh ooooh” vor dem “For the one’s who had a notion…” und am Schluss gingen in Endlosschleifen über. Nach „Death To My Hometown“ begrüßte Bruce das Publikum mit einem überschwänglichen „Ciao Milano! Ciao Italia!” und stimmte uns auf „My City Of Ruins” ein. Im Mittelteil lud Springsteen zur „House Party“ ein und stellte die Bandmitglieder vor. Es lief genauso ab wie in Frankfurt/Main, wobei Bruce mehr italienisch redete. Es fließt ja auch italienisches Blut in seinen Adern.

Nach dieser Zeremonie erklangen die Klassiker der Pre-„Born To Run“-Ära, „Spirit In The Night“ und „The E Street Shuffle“. Nach dem letzten „Everybody form a line“ erklang ein nie enden wollendes Gitarrensolo von Springsteen und die E Street Horns brauchten sich vor ihrem Boss nicht zu verstecken. „Jack Of All Trades“ tauchte das San Siro in ein Lichtermeer:

Anschließend durfte ich endlich ein weiteres Lied aus der „Darkness“ hören: „CANDY’S ROOM“. Als ob nicht genug „Darkness“ wäre, spielte Bruce folglich „DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN“. Wunderschöne Kombination! Nach „Johnny 99“ kam „Out In The Street“, das dieses Mal einen positiven Effekt für mich hatte. Wo ich im PIT stand, war es relativ eng, aber bei „Out“ ging Bruce zur Rampe und die meisten Leute rannten nach vorne und von da an hatte ich bis zum Schluss viel Platz zum Tanzen. Bruce rief wieder ein freudiges „MILANO!“ aus und ich hörte die ersten Takte von „NO SURRENDER“. Doch nicht alle waren dabei. Steven Van Zandt sah sich hilflos um. Er hatte keine Ahnung, was Bruce wollte. „The E Street Band fucked up this time.“ rief Bruce ins Mikrofon. Zweiter Versuch, Bruce formt überdeutlich mit seinen Lippen in Richtung Stevie: „NO SUR-REN-DER.“ Lippenlesen dürfte nicht die Stärke des Consigliere sein. So kommentierte Bruce dies mit einem „We fucked up TWO times.“.

… und nun durfte endlich die Full Band-Version von „No Surrender“ erklingen. Ich freute mich auf ein neuerliches „Working On The Highway“ (Danke FFM!), „Shackled And Drawn“ war wieder super, „Waitin‘ On A Sunny Day“ war naja, aber „THE PROMISED LAND“ rettete mich aus der Apathie und dann kam der Höhepunkt im San Siro: Bruce setzte sich ans Klavier. Ich starrte abwechselnd auf Leinwand und auf ihn. Er klimperte auf den Tasten. „Was wird es sein? Was kommt jetzt?“ jagten durch meinen Kopf. „Johnny works in a factory…“ Kinnlade nach unten, ich fasste es nicht. „THE PROMISE“. Ganz San Siro lauschte andächtig dieser Rarität zu. „Thunder Road there’s something dyin‘ on the highway tonight…“ Nach „The River“ (wieder die anfänglichen Vorbehalte, aber nachher doch beseelt) und „The Rising“ erklang das Lied, welches ich nicht sofort erkannte (Ja, „Magic“ gehört zu den von mir am wenigsten gehörten Alben.), aber ich sah, dass M. endlich lebendig wurde und sein Strahlen über das ganze Gesicht bleibt unvergesslich! „RADIO NOWHERE“. Aaah, hat das San Siro wieder gebrodelt! „WE ARE ALIVE“ mit dem werdenden Vollmond war sehr schön. Ich hatte in FFM einen Sitzplatz an der Seite, so dass ich die große Leinwand nicht sehen konnte. Mit „LAND OF HOPE AND DREAMS“ fuhr der Zug nach Mailand, nach San Siro. San Siro war an diesem Abend das „Land of Hope and Dreams“. Dieser Zug hat alle, alle Menschen in das San Siro geführt. So lobte auch Bruce das San Siro als ein „very special place“ und nahm ein Request-Schild, dessen Wunsch ich nicht erkennen konnte. Bevor er das gewünschte Lied spielte, musste ich mir wieder „Rocky Ground“ anhören. Leider konnte mich die Nummer ein zweites Mal auch nicht überzeugen. „BORN IN THE U.S.A.“ im San Siro war überwältigend! (In FFM hat es mich klanglich nicht so begeistert, aber hier im San Siro… oh ja, das war etwas!) Bruce haute „BORN TO RUN“ raus und präsentierte das Request-Schild: „Cadillac Ranch“. Deja-vu-Effekt. Ich ging zwar wieder mit, aber es kam nicht mehr an die Magie von Frankfurt am Main heran. „Hungry Heart“ war eine weitere Premiere für mich, „BOBBY JEAN“ berührte mich aufs Neue und im San Siro durfte ich mein bestes „Dancing In The Dark“ erleben. Ein Mädel hielt ein Schild mit „Can I dance with Jake?“ hoch, Bruce holte die beiden, sie umarmt ihn, Bruce wies sie zu Jake, sie tanzte mit dem Little Big Man und er spielte ein leidenschaftliches Saxophon-Solo. Sicher motiviert von diesem begeisterndem Mädchen hatte ich das Gefühl, dass dieses Solo länger als üblich dauerte und in diesem Moment wünschte ich mir, dass es nie aufhören möge:

Ich glaube, zu dieser Stunde schlug es schon Mitternacht. Ein paar Leute verließen das PIT, ich, etwas nervös, deutete M. an, dass sie sicher die letzte Metro nehmen würden. M., von der Euphorie angesteckt, signalisierte mir, dass wir bis zum Schluss bleiben sollten. „Tenth Avenue Freeze-Out“ brachte mich wieder zum Weinen, noch bevor die Videoeinblendung vom „Big Man“ kam, und so wie in Frankfurt/Main beruhigte ich mich erst beim „Oh yeah, it’s alright!“. Zu Beginn der Wrecking Ball-Tournee war „Tenth Ave“ das obligatorische Schlusslied, aber seit wenigen Konzerten pfiff Bruce darauf. Im San Siro wurde zu „Glory Days“ gefeiert und mit „TWIST AND SHOUT“ ging es ins Finale furioso.

M. sagte mir dann, dass das Konzert drei Stunden und vierzig Minuten gedauert hat. Ehrlich gesagt, mir war das in diesem Moment egal, wie lange das Konzert gedauert hat – irgendwann wird diese „Sie-haben-so-und-so-viele-Stunden-und-Minuten-gespielt“-Sache nebensächlich. Ich war im San Siro, ich hatte ein fantastisches Konzert erlebt, ich spürte die Euphorie des Publikums und die intensive Spielfreude von Bruce und der E Street Band. Außerdem, man weiß von Bruce und der E Street Band, dass sie lange spielen, länger als alle anderen, dass er mit ihnen alles gibt, alles biszumgehtnichtmehr. Das macht ihn einzigartig, das macht ihn für mich einzigartig. Das macht ihn für mich zum „BOSS“. Und die Kartenpreise? Bei ihm ist jeder Cent wert. DAS zählt.

Weiterführend:

https://brucespringsteen.net/news/2012/photos-from-milan-bruces-second-longest-show-ever

http://brucebase.wikidot.com/gig:2012-06-07-stadio-giuseppe-meazza-milan-italy

http://www.ourloveisreal.it/sansiro-12.html

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