Hörgeräte-Tagebuch # 18

oder Die Unsichtbarkeit der Hörbeeinträchtigung

Folgende Begebenheit veranlasste mich zum Schreiben: An einem sonnig-kalten Sonntag im März ging ich meine Lieblingsstrecke im Wienerwald spazieren. Auf Höhe des Satzberges kam mir ein älterer Herr entgegen, der ein smartes Telefon einen halben Meter vor sich in der Hand hielt, und aus diesem Telefon vernahm ich eine Stimme. Ich sah den Mann an und schüttelte leicht meinen Kopf. (Ich verabscheue Menschen, die durch den Wald gehen und es für notwendig halten, laut videotelefonieren zu müssen.)

Der Mann schien mein Kopfschütteln nicht zu bemerken und setzte sogar zu einem Gruß an.

Nun möchte ich anmerken, dass wir in Wien sind. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Waldspaziergänger nicht grüßen oder nicht zurückgrüßen. In den ersten Jahren meiner Waldspaziergänge in Wien grüßte ich jeden Trottel, der mir über den Weg lief. Mittlerweile mache ich es nur fallweise und seit n. Cor. grüße ich kaum, meistens lächle oder nicke ich.

Mir ist es auch bewusst, dass ein Nicht-Grüßen in den Bergen Tirols geradezu einem Affront gleichkommt, aber in einer Gegend am Wiener Stadtrand? Geh bitte!

Ich lief also an dem Herrn vorbei und vernahm hinter mir ein „HAAAAALLLO! GRÜSS GOTT!“. Ich war mir nicht sicher, ob er mich meinte oder denjenigen, den er auf seinem Mobiltelefon vor sich hatte. Doch ich hörte wieder ein, dieses Mal genervtes, „HAAAAALLLO! GRÜSS GOTT!“. Weil die Strecke nun etwas steil war, blieb ich kurz stehen und drehte mich langsam nach dem Mann um. Er war mittlerweile ca. zehn Meter von mir entfernt, doch ich sah deutlich, dass er wütend war und trotz Mobiltelefon in der Hand mit den Armen fuchtelte. So nahm ich an, dass er sich darüber aufregte, weil ich ihn nicht zurückgrüßte.

„Oida!“ dachte ich im schönsten Wienerisch und murmelte ein „Hom Se ka aundere Probleme?“.

Ich ging weiter und da fiel mir ein, ich hätte doch auf den Typen zugehen können und ihn in Gebärdensprache fragen können, was er hat. Ich könnte ihm signalisieren, dass ich sehr schlecht bis gar nicht höre. Aber zu diesem Zeitpunkt traf ich die Entscheidung, dass ich keine weitere kostbare Sekunde meines Lebens an diesem Ungustl verschwenden wollte.

Als ich in Richtung Jubiläumswarte marschierte, beschäftigte mich dennoch dieser unschöne Vorfall und ich fragte mich, wie er sich so dermaßen aufführen konnte. Ich meine, ich hätte auch komplett gehörlos sein können.

Und dazu fielen mir Szenen von früher ein. Wenn ich mit meinen Eltern oder einer gehörlosen Freundin ein Geschäft betrete und ich sehe, wie die Mitarbeiter:innen die Rücken meiner Eltern mit einem „Kann ich helfen?“ ansprechen und meine ach so unhöflichen Eltern reagieren natürlich nicht.

Wissen Sie, dabei finde ich es schon von vorne herein sehr unhöflich, Menschen von hinten anzusprechen. Aber das sage ich natürlich nicht den Verkäufer:innen, sondern verteidige meine Eltern mit einem „Sie hören nicht.“. Ich habe zum Zählen aufgehört, wie oft ich solche Szenen erlebt hatte.

Auch ich bin oft die böse Schwerhörige, weil ich auch manchmal auf solche Anfragen nicht reagiere, wenn ich zB weitere potenzielle Kund:innen in einem Geschäft sehe. „Werde ich angesprochen oder meinen sie einen anderen Kunden?“ Aber ich kann auch ganz anders. Ich reagiere auf jedes Geräusch und versuche auch, die Menschen in einem Geschäft in Kunde und Mitarbeiter auseinanderzuhalten. (Ist in den wärmeren Monaten oft eine Herausforderung.)

Aber wenn wir die „Bösen“ sind? Meine Eltern und ich haben es nicht nötig, uns auf dem Rücken ein „Ich höre schlecht bzw. nicht.“ anmalen zu lassen, denn im schlimmsten Fall werden die Verkäufer:innen schreien. Hilft bei Gehörlosen nicht. Bei uns Schwerhörige auch nicht, weil wir durch Geschrei die Sprache als verzerrt wahrnehmen und erst recht nicht verstehen. Außerdem mag ich es mir gar nicht ausmalen, was da alles noch passieren kann.

Wobei: Ich könnte auch den blauen Anstecker verwenden. Ich habe ihn im Sommer 2020 ausprobiert. Nur, von weitem sieht das kein Mensch. Und die Reaktionen bisher waren sehr gemischt, als ich den Anstecker trug. (Von totaler Aufmerksamkeit bis zu völliger Ignoranz.)

Klar, die Hörbeeinträchtigung ist eine grundsätzlich unsichtbare Behinderung. Einen Blinden erkennen Sie sofort am Stock, einen Rollstuhlfahrer am Fortbewegungsmittel. Für Blinde und Rollstuhlfahrer sind taktile Leitlinien und Rampen auch sehr selbstverständlich.

Aber wir?

Wir bleiben so lange unsichtbar, bis ich mich mit meinen Eltern unterhalte. Wenn die Menschen hinschauen, stellen sie fest: Etwas ist anders. Oder ich mache meinen Mund auf und ertappe mich dabei, dass ich einen schlechten Moment erwischt habe. Darüber schrieb ich schon sehr ausführlich in diesem Exkurs: https://sori1982.wordpress.com/2022/03/06/eine-wieder-etwas-andere-buchempfehlung-hoch-zwei-emma-viskic-no-trace-die-spur-des-boesen-no-mercy-der-schatten-der-angst/

Pandemiebedingt ließ ich mir im vergangenen Jahr meine Haare bewusst lange wachsen. Sie wurden so lang, dass ich sie zu einem Zopf zusammenbinden konnte. Und somit wurden meine Hörgeräte für jeden sichtbar. Ich weiß von einigen Menschen (sei es im Internat, aber auch beim örtlichen Schwerhörigenverband), dass sie sich ihrer Hörsysteme genieren und die Haare dementsprechend wachsen lassen, um die Hörgeräte zu verdecken.

Ja, ich hatte jahrelang einen Haarschnitt, der meine Hörgeräte relativ gut verdeckte, aber ich wollte meine Haare nie anders haben. Und wenn ich der Meinung war, dass mein anderes Hören sichtbar gemacht werden muss, legte ich meine Haare hinter den Ohren. Diese Geste pflege ich sehr oft.

Der Frühling kommt und damit die wärmeren Monate. Mein letzter Friseurbesuch liegt auch wieder sehr lange zurück. Ich freue mich darauf, die Haare wieder zu einem Zopf binden und somit meine Hörgeräte sichtbar machen zu können. Denn ich stellte fest, dass es einfacher ist, die Hörgeräte zu zeigen statt mit dem Anstecker durch die Weltgeschichte zu gehen. Die Menschen achten auch mehr darauf.

Ich möchte aus diesen positiven Erfahrungen lernen und etwas mitnehmen. Meinen Teil zur Bewusstseinsbildung beitragen. Und wenn es nur darum geht, die Hörgeräte eben nicht durch die Haare verstecken zu müssen.

[Die Rohfassung ist schon Mitte März 2022 entstanden.]

Juli 2021, während der BUGA 2021 Erfurt auf der ega.

5 Kommentare

  1. Sehr guter Beitrag über die Schwierigkeiten im Umgang mit einer unsichtbaren Behinderung! Diese Szene mit dem Mann, der Dir was Blödes nachruft… das habe ich selbst auf die Art noch nie erlebt, aber vielleicht nur, weil ich nicht gehört habe, dass jemand mir dann noch etwas nachrief. Bei den Haaren bin ich genau den umgekehrten Weg gegangen: Ich habe mir letztes Mal bei der Coiffeuse die Haare um die Ohren sehr kurz schneiden lassen, so dass man das Hörgerät sieht. Und jetzt bin ich kahl, da sieht man es sowieso sehr gut. Die Turbane, die ich gerade trage, hören alle hinter dem Ohr auf. Ich glaube, jetzt sendet meine Kopfgestaltung derart viele verwirrende Botschaften aus, dass keiner mehr nachkommt…

  2. Ich habe den Mann eigentlich nur deshalb so gut verstanden, weil er relativ einfache Wörter ausgerufen hatte und wir befanden uns auch in einer sehr ruhigen Umgebung. Hätte er mir in einer belebten Strasse nachgeschrien, hätte ich ihn sicher nicht gehört.

    Flapsig ausgedrückt: Heisst das, Du hast einen Turban-Hörgeräte-Look?

  3. Ha, das grüssen/nicht grüssen kommt mir sehr bekannt vor! In meiner Kindheit, waren wir Jahrenlang in den Ferien in den Östereichischen Alpen. Und wo auch immer, als wir wandern gingen, war es „Grüss Gott … Grüss Gott … Grüss Gott“, manchmal sogar an den laufenden Band! Wir haben immer zurück gegrüsst.

    Wenn ich vor 12 Jahren Nordic Walking oder wandern ginge, wurde ich meistens oft gegrüsst und habe ich auch meistens offen zurückgegrüsst. Heute zutage wird kaum noch gegrüsst und ich grüsse nur wenn ich gegrüsst werde. Höchstens ein nicken oder lächeln.
    Die Zeiten haben sich geändert.
    Und klar, ich weiss meistens auch nicht, ob man mich grüsst auf den Strassen oder in den Läden, es sei denn man schaut mich direkt an. Finde ich ja auch höfflich und dann reagiere ich auch, sonst nicht.

    1. Hallo Renee, schön, dass Du auch mal wieder in meinem Blog vorbeischaust.

      Ja, ich hätte den Herrn gegrüsst, aber mich hat es gestört, dass er so laut videotelefoniert hat.

      Ich habe schon sehr früh bei meinen Waldspaziergängen in Wien gelernt, dass nicht jede/r zurückgrüsst und irgendwann nehme ich das auch nicht mehr ernst. Auch habe ich hin und wieder nicht reagiert, wenn mich jemand gegrüsst hat, aber ich hatte bisher noch nicht erlebt, dass jemand dann deswegen so wütend wurde.

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