Rückblick: 25.05.2012 – Bruce Springsteen and the E Street Band in Frankfurt am Main

[Beitrag ursprünglich am 06.08.2012 auf sori1982.blogspot.com veröffentlicht.]

Vorgeschichte: Ende November 2011 war es soweit: Bruce Springsteen geht wieder auf Tournee! Von den drei Deutschland-Konzerten hat mich eigentlich Berlin am meisten gereizt, aber traditionellerweise habe ich an Pfingsten meine Eltern zu Besuch und da ich diese Besuche sehr schätze, konnte ich diese immer seltener werdenden Familienzusammenkünfte nicht einfach so streichen. Köln kam für mich aufgrund eines sogenannten „Jugendtraumas“ nicht in Frage. Und Frankfurt am Main? Ich überlegte „lange“ (ein, zwei Nächte) und dachte mir, das kann ich schon mit der elterlichen Ankunft in Wien vereinbaren. Meine Eltern hatten nichts dagegen, ihre geplante Anreise am Samstag um einen Tag zu verschieben und so konnte ich das Konzert in FFM fixieren. Die Reiseplanung war schnell abgeschlossen: Hinfahrt am Freitag, 25. Mai mit dem ICE, Konzert, eine Nacht im Hotel nähe Stadion verbringen, am Samstag „Hardcore Sightseeing“ und den letzten Zug nach Wien nehmen, so dass ich kurz vor Mitternacht am Westbahnhof ankommen konnte. Um mir den „Reisestress“ so angenehm wie möglich zu machen und weil ich mich noch „allein“ fürchtete, entschied ich mich für eine Sitzplatzkarte.

Frankfurt am Main, 25. Mai 2012: Ich konnte mir für die Hin- und Rückfahrt jeweils günstige Zugfahrkarten sichern und auch wenn ich der Zeit voraus war, erntete ich mitleidige Blicke von Bekannten, dass ich mir tatsächlich die langen Zugfahrten antun würde. Abgehärtet durch die Fahrten Wien – Erfurt und retour mit jeweils acht Stunden Dauer und mindestens zwei Mal umsteigen, waren für mich die jeweils sieben Stunden Fahrt ohne Umsteigen geradezu Entspannung pur. Am Hauptbahnhof angekommen, fuhr ich zum Hotel, mit dem ich eine gute Wahl getroffen hatte. Beim Italiener in der Nähe traf ich die fränkischen Freunde Thomas & Henry (Bruce München 2009 oder Gamlitz 2010), die sich spontan entschlossen hatten, Bruce live zu wiedersehen. Ich schaute den beiden Herren beim Vorglühen zu, ich erfreute mich an einem vorzüglichen Spinat-Ricottagericht und trank dazu ein Glas Pinot Grigio. Nun marschierten wir zur S-Bahn-Haltestelle und wurden in den Waggon hineingepfercht. Erleichtert, dass wir schon bei der nächsten Station aussteigen konnten, traten wir dann einen recht braden Weg durch den Wald zur Commerzbank Arena. (Das Stadion hat ja einmal „Waldstadion“ geheißen.) Die Sicherheitsleute passierten wir ohne Probleme und ich ging ein wenig „shoppen“. (Dass nur die „Born To Run“– und „Born In The U.S.A.“-Leibchen beworben werden und ich nur durch Zufall das „Darkness“-Leibchen entdeckte, fand ich schon arg.) Da Thomas und Henry woanders (billiger) saßen, wünschten wir uns noch ein schönes Konzert und ich begab mich zu meinem Sitzplatz.

Konzert: Um ca. 20 Uhr wurde das Konzert mit „The Magnificent Seven“ eröffnet, gleich darauf legten die Herren und Damen mit „BADLANDS“ los. Ich schnellte von meinem Sitz hoch und feierte mit. Hatte ein wenig Freudentränen in den Augen, weil nun fast drei Jahre nach dem letzten Konzert (Wien, 5. Juli 2009) vergangen sind. Bei „We Take Care Of Our Own“ und „Wrecking Ball“ bemerkte ich einen leichten Stimmungstief, den Bruce aber mit „Out In The Street“ herauf riss. Dann erklang das Lied, mit dessen Studioversion ich sehr zu kämpfen hatte, weil ich die Melodie irgendwie „albern“ fand (Irgendjemand hat im asbury-park.de-Forum den Begriff „Spielmannszug“ erwähnt, besser kann man es nicht beschreiben.), aber in FFM zeigte das Lied die Tendenz, dass es live doch ganz gut ankommt: „Death To My Hometown“. Die Bandvorstellung in „My City of Ruins“ zelebrierte der Boss regelrecht: Zunächst sorgte er für den einen oder anderen Lacher im Publikum, als er sich auf der Suche nach seiner Ehefrau und Bandmitglied Patti Scialfa machte. („Wo ist Patti?“) Anschließend erzählte er in gebrochenem Deutsch, dass Patti zuhause bei den Kids sei, wobei er mit seiner Hand signalisierte, dass die Kinder sehr klein sind. Mir fiel auf, dass Springsteen den noch einzig verbleibenden Gründungsmitglied der E Street Band bewusst als letzten vorstellte: Bassist Garry W. Tallent. Zum Schluss wurde es sehr atmosphärisch, als Springsteen den ersten tatsächlichen Verlust der E Street Band erwähnte: Danny Federici, Mitbegründer und Organist.

Während „Spirit In The Night“ ging Springsteen mit den Fans auf Tuchfühlung:

Der jüngste Neuzugang der E Street Band, Jake Clemons, Neffe des verstorbenen Clarence Clemons, wird von der Horns Section rund um Clark Gayton, Barry Danielian, Curt Ramm und Eddie Manion verstärkt und sie zeigten ihr Können beim „E Street Shuffle“. Nun versuchte Bruce wieder auf Deutsch und begann mit einer meiner Lieblingslieder vom neuen Album, „Jack Of All Trades“. Die eher ruhige Nummer kam dennoch im Stadion sehr gut an. Wieder die Telecaster umgehängt, erkannte ich das nächste Lied nicht sofort, machte aber dann riesige Augen und musste Luft holen, als Bruce mit „Here in Northeast Ohio…“ begann: „YOUNGSTOWN“!!!

Aaaaah! Und dann auch noch das geniale, nicht enden-wollende Gitarrensolo von Nils Lofgren und danach die wunderbare Überleitung zu „DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN“. Da musste ich wieder ein paar Tränen verdrücken. Doch meine Euphorie wurde durch „Johnny 99“ ein wenig gedämpft. Ich kann mir nicht helfen, aber seit der „Working On A Dream“-Tournee begeistert mich das Lied live nicht besonders. „Working On The Highway“ fegte meine bisherige Abneigung dieser Studioversion gegenüber mit einem Wuschhhhhhhhhhhh weg! „Shackled And Drawn“ war wieder klass‘, „Waitin‘ On A Sunny Day“ … hmm, naja, aber die beiden Kinder dort auf der Bühne waren schon souverän. Bruce holte ein Request-Schild: „SUMMERTIME BLUES“. Den Klassiker von Eddie Cochrane kannte ich bisher nicht, aber es war so schön zum Anschauen und zum Zuhören, wie Bruce und die E Street Band mit einer Begeisterung das Lied spielten. Nun erklang eines meiner Überdrüber-Lieder, deshalb, weil es nun mal DAS Lied ist, was ich als erstes von Bruce live hörte, „THE PROMISED LAND“.

In „The River“ spürte ich wieder diese anfänglichen gedanklichen Vorbehalte, die ich auch bei den nächsten Konzerten pflege („Muss das sein? Kann er stattdessen nicht etwas anderes spielen?“) und die immer während des Liedes erfolgreich verdrängt werden, kurz: wunderschön! Auf „The Rising“, welches auch irgendwie gerade zu unserer aktuellen Zeit passt, folgte „Lonesome Day“. „We are alive“ war – ich war der Studioversion gegenüber schon sehr aufgeschlossen, aber live hat das Lied das gewisse Etwas – einfach klasse, wie Bruce zuerst alleine akustisch singt und dann ein Schwall ausbricht, eben, WE ARE ALIVE! „THUNDER ROAD“. Eeeeeeendlich! Mein besonderer Moment bei meinem ersten Springsteen-Konzert am 25. Juni 2003 in Wien war „Thunder Road“. Vorher hatte ich das Lied nicht sonderlich gemocht, warum auch immer. Aber ich erinnere mich noch heute, noch nach neun Jahren an den Funken, an den Spirit, an diese Magie in der Nacht, die Bruce mit „Thunder Road“ an diesem denkwürdigen Abend brachte und knapp neun Jahre später durfte ich das Lied wieder hören und hat sich somit auf dem „i“ getüpferlt.

Nach dem ersten Pseudo-Verabschieden erklangen die ersten Takte von „Rocky Ground“. Es ist mein absolutes No-No auf „Wrecking Ball“. Ich hatte noch gehofft, dass ich nach dem Live-Erlebnis meine Meinung ändern würde, aber nein, ich blieb auf meinem Sitz picken und ließ das Lied an mir vorübergehen. Nachher krachte „BORN IN THE U.S.A.“ ins Stadion, das Lied war an meiner Stelle klangmäßig etwas bescheiden, war nicht so ganz der Renner. Die hämmernden Takte von „BORN TO RUN“ läuteten den bitteren Vorgeschmack auf das erneute Finale ein. Während der Klassiker ausklang, machte sich Bruce auf der Suche nach einem Schild. „CADILLAC RANCH“, die Party ging weiter und es gelang mir, taktgenau das „Frankfurt Night“ mitzusingen, wobei mir dies noch tagelang im Ohr blieb. Nun holte Bruce wieder ein Schild, „SHERRY DARLING“!

Bitte am Anfang des Videos Charlie Giordano beobachten ;-)

Und es wurde wieder getanzt. Bruce hatte noch nicht genug, er holte sich noch ein weiteres Schild und gab uns das Gefühl, er will nimmermehr mit dem Schildersammeln aufhören. Während „GLORY DAYS“ erschallte, kochte, brodelte das Stadion heftig. Abschließend gaben uns Bruce Springsteen and the E Street Band „Dancing In The Dark“ und „Tenth Avenue Freeze-Out“ auf dem Heimweg mit. Beim Video-Tribut an den „Big Man“ heulte ich Rotz & Wossa und ich konnte mich erst dann wieder beruhigen, als Bruce ein „Oh yeahhhhhhhhhhhh, it’s alright“ herausschrie.

Die Rückkehr zum Hotel in Niederrad verlief problemlos. Im Hotelfoyer traf ich ein paar Konzertbesucher, wir stießen mit unseren Bieren auf Bruce an und fachsimpelten über das bisher Erlebte.

Für dieses Konzert brachte ich null Erwartungen mit, weil mir noch drei weitere bevorstanden und dann bekam ich SO ein Hammer-Konzert mit einem von Anfang an mitgehenden, enthusiastischen Publikum geboten! Danke Bruce, danke E Street Band, danke Publikum in der Frankfurter Commerzbank Arena!

Weiterführend:

https://www.sueddeutsche.de/kultur/bruce-springsteen-in-frankfurt-mit-klimax-quark-und-traenen-1.1367737

http://brucebase.wikidot.com/gig:2012-05-25-commerzbank-arena-frankfurt-germany

https://brucespringsteen.net/news/2012/wrecking-ball-tour-in-frankfurt

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14 Kommentare

  1. Springsteen hat eine Konzertreihe 2023 in Nordamerika und Europa angekündigt. Das Schwierigste für den 72-jährigen dürfte sein, gegen seine eigenen Höchstleistungen anzutreten.

      1. On Verra! De Stones haben nie ein Geheimnis daraus, dass es ihnen vor allem um Reichtum und Erfolg ging. Das unterscheidet sie von Bruce Springsteen, der sich seinen Fans gerne als einfacher Arbeitersohn verkaufte.

      2. Das wollen die meisten Springsteen-Fans gar nicht wahrhaben.
        Aber: Bei seinen Vorstellungen am New Yorker Broadway gab Springsteen zu, dass er „never a honest job“ hatte.
        Um irgendwie als Arbeiter durchgehen zu können, kompensiert er das ja mit seinen sehr langen Liveshows.
        Die aber jedes Mal wirklich ein Erlebnis sind. In meinem Fall sogar (nur) 14 Mal.

  2. Sah nach einem super Konzert aus. Frankfurt 1989 (damals noch Waldstadium) war mein erstes Springsteen-Konzert – ebenfalls eine Klasse Show.

    Im August 2016 sah ich den Boss dann zum zweiten Mal in New Jersey waehrend der sog. „River Tour.“ Es war als waere die Zeit stehengeblieben. Sprinigsteen agierte mit der gleichen Power und Ausdauer wie seinerzeit in Frankfurt. Mit rund 4 Stunden spielte er in New Jersey sogar eine knappe halbe Stunde laenger also in Frankfurt.

    Es ist wirklich unglaublich, was der Mann auf der Buehne leistet.

    1. Dein Konzert in Frankfurt am Main war schon 1988. Waehrend Clarence Clemons und Nils Lofgren mit Ringo Starr auf Tournee waren, hat Bruce Springsteen die E Street Band aufgeloest. Das war dann in 1989.

      Aber zum Glueck sind sie wieder zusammen gekommen und ich konnte mich von ihren Live-Qualitaeten ueberzeugen. :-)

      1. Mathe habe ich auch nicht gemocht… we learned more from a three-minute-record than we learned ever at school.

  3. Ist das nicht herrlich? Ich kann kaum fassen, dass es nun doch noch eine Möglichkeit gibt, Bruce & ESB zu sehen. Ich versuche, wenigstens Hamburg zu schaffen, darf also am 01.06. auf keinen Fall zu lange schlafenr. Längere, umständliche Reisen schaffe ich leider gesundheitlich nicht mehr, wobei mich Dublin oder nochmal Rom unfassbar reizen würde.
    Da mit der Bahn erreichbar, lacht mich nun Wien an (Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl ;-)).
    Danke für deine schönen Erinnerungen.

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