Erfurter Plätze – außerhalb der Reihe: Bauarbeiten in der Johannesstraße 2001

Es war nicht mehr die Nordhäuser Straße, wenn ich mit der Tram von der elterlichen Wohnung in die Stadt fuhr. Meine Zeit im Internat in Gotha war vorbei und vor mir standen drei Jahre Berufsausbildung in Erfurt und ich wohnte nun täglich mit meinen Eltern zusammen. Auch eine neue Erfahrung für uns drei. Damit wir uns nicht gegenseitig in der 52 qm „großen“ Wohnung auf die Füße stiegen, zogen wir im August 2000 in eine größere Wohnung am Johannesplatz um.

(Der eine Leser oder die andere Leserin wird vielleicht denken, DREI PERSONEN AUF ZWEIUNDFÜNFZIG QUADRATMETER??? Es war die DDR. Hätten wir diese Drei-Zimmer-Wohnung nicht genommen, würden wir immer noch in der Zwei-Zimmer-Wohnung bleiben und auf der Warteliste ganz nach unten rutschen. Und meine Eltern befanden, dass ich mit meinen mittlerweile fünf Jahren ein Kinderzimmer haben sollte.)

Und nun war die Johannesstraße die Straße zum Tramfahren. Im Frühjahr 2001 begannen sie mit den Bauarbeiten, ich machte die ersten Fotos und ein Artikel in der TLZ (= Thüringer Landeszeitung) inspirierte mich zur Fotoserie. Leider ist der Artikel auch nicht im Internet verfügbar, ich habe den Artikel nur abgetippt und das Foto eingescannt.

Quelle: TLZ, 3. Mai 2001

Artikel aus der TLZ, 3. Mai 2001: Neue Wege, mehr Licht – Banner werben für Johannesstraße – von Anette Elsner

In Bürgerversammlungen konnten sie schon Anregungen bringen, jetzt sollen sie kommen und schauen: Mit großen Bannern will die Stadtverwaltung das erreichen, die seit gestern „Neue Wege für die Johannesstraße“ ankündigen. Den gleichen Slogan tragen Aufkleber, mit denen die Geschäfte und Einrichtungen entlang der Straße dafür werben sollen, dass diese Ende September wieder nutzbar ist. Restarbeiten und Anpflanzungen laufen dann noch, aber zu Weihnachten solle wirklich alles fertig sein, sagte Baureferent Winfried Kiermeier.
Die einst fast wichtigste Einkaufsstraße der Stadt soll mit kleinen Plätzen, Sitzbänken und neuen Bäumen ein neues Gesicht erhalten und damit vom Sorgenkind mit Leerständen sogar in modernisierten Häusern wieder zum Anziehungspunkt werden – gerade auch für Investoren. „Die Konkurrenz mit dem Anger und der Schlösserstraße wollen wir ausweichen“, sagte Baubeigeordneter Rainer Wiesmaier. Schon jetzt gebe es spezifische Angebote, die nur in der Johannesstraße zu finden seien; Gaststätten können nach der Umgestaltung mit dem Auto erreicht werden und ein neues Beleuchtungskonzept soll für Flair sorgen. Vorgeschmack: Ab heute werden Johannesturm und Kaufmannskirche angestrahlt, später auch das Stadtmuseum.
Parkbuchten entlang der Straße, dort, wo genug Platz zwischen Gehsteig und Gleisen ist; ein gut begeh- und befahrbarer Bürgersteigbelag, der trotzdem ins städtebauliche Bild passt: ein lärmdämmender Fahrbahnbelag und „leise“ Gleise sind nur einige der Punkte, die auf Anregungen der Anwohner umgesetzt wurden.
Verabschieden musste sich die Stadt jedoch davon, Autos auch von Norden her in die Johannesstraße fahren zu lassen. Das hätte mehr Schwierigkeiten als Entlastung gebracht. Ein Tor jedoch soll im Norden vom Rest der Stadtmauer auf die Gleise überspannen, den Eingang zur Innenstadt markieren. Wie es aussehen soll, steht noch nicht fest. […]

Mit der Pentax Espio 120 machte ich in den nächsten Monaten Schnappschüsse und hielt sie somit für die Nachwelt fest: (Klicken Sie auf die Bilder, um sie zu vergrößern.)

Was hoffnungsvoll als Zukunftsprojekt gedacht war, die neue Johannesstraße als Flaniermeile zwischen Geschäften mit individueller Note und netten Cafés zu gestalten, entpuppte sich als ein Flop. Während der Bauarbeiten verzeichneten die Händler einen Umsatzrückgang, einige mussten ihr Geschäft aufgeben und als die Johannesstraße nun in 2002 fein herausgeputzt dastand, war sie leider von der erhofften Flaniermeile weit entfernt. An die unplanmäßigen Abfahrtszeiten der Trams erinnere ich mich, weil die Autos oft am Randstein parkten und somit die Weiterfahrt der Stadtbahnen blockierten.

Doch gehe ich noch heute, wenn ich in Erfurt bin, gern durch die Johannesstraße spazieren und verzichte darauf, ein, zwei Stationen mit der Tram zu fahren.

Nur frage ich mich, wie es 20 Jahre später und nach der Pandemie, in der Johannesstraße aussehen wird. Werden nun die letzten Geschäfte dichtmachen? Schaffe ich es, in „Patricks Pub“ endlich einen Guinness zu trinken? Kann ich dem Stadtmuseum wieder einen Besuch abstatten?

Was schreibt Wikipedia zur Erfurter Johannesstraße?

5 Kommentare

  1. Oh toll, Deine Fotos zeigen, wieviel sich inzwischen in der Johannesstraße verändert hat im Vergleich zu damals. Aber selbst heute scheint die Straße, obwohl direkt an die Innenstadt und Einkaufsmeile anschließend, ein eher stiefmütterliches Dasein zu führen. Und die Tatra fuhr noch als reguläre Straßenbahn durch Erfurt. P.S.: TLZ = Thüringische Landeszeitung 😉😊

    1. Vielen lieben Dank für Deine Rückmeldung. Ja, „stiefmütterliches Dasein“ ist gut getroffen, aber das schien die Johannesstraße immer gewesen zu sein. Mein Papa hat mir erzählt, dass er, als er noch ein kleiner Bub war, mit seiner Mutter zwar am Domplatz, Marktstraße, Anger einkaufen war, aber die Route endete schon bei der Kaufmannskirche.

      Und, hihi, danke für den Hinweis. Ich kenne die „Te eL Zett“ eben nur als TLZ, so dass mir die richtige Bezeichnung entfallen ist ;-)

      1. Stimmt, an der Kirche endet die Route heute noch. Trotzdem ist die Johannesstraße im Laufe der Zeit ansehnlicher geworden.

  2. Die Johannesstraße hätte Potential für mehr alternative Einkaufsmöglichkeiten (ein paar Lebensmittel/Restaurants habe ich schon gesehen und besucht). Abseits der in jeder Stadt bekannten Läden. Aber ich befürchte, dass Erfurt dafür noch nicht bereit ist. Ich würde mich jedoch freuen.

    1. Dafür, dass aktuell zwei Tramlinien die Johannesstraße entlangfahren und das sehenswerte Stadtmuseum immer einen Besuch wert ist, finde ich, dass die Straße nicht ausreichend aufgewertet wird. Aber einerseits ist Erfurt zu klein und hat schon das Auslangen mit Domplatz – Marktstraße – Fischmarkt – Schlösserstraße – Anger – Bahnhofstraße (die auch etwas „entrisch“ wirkt) gefunden.

      Vielleicht, wenn ein neuer Bürgermeister kommt…

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