28.03.2021 – Ernst Molden, Balkonkonzert, Wien

Als das schräge Jahr 2020 sich dem Ende zuneigte, vernahm ich hier und da freudige Meldungen, dass dieses Scheissjahr nun endlich vorbei sei und 2021 überwiegend sehnsuchtsvoll erwartet wurde.

Ich schaute der Ankunft von 2021 eher mit gemischten Gefühlen zu. (In Wirklichkeit ging ich am 31. Dezember 2020 gegen 22:30 Uhr schlafen und am nächsten Tag stand ich gegen 7 Uhr auf.) Abgesehen davon, dass ich die ersten zwei Monate eines Jahres sowieso hasse, erinnere ich mich, dass meine Jahre, die mit der „1“ enden, nie gute Jahre waren. (1991 den beschissensten Sommerurlaub gehabt, wobei meine Eltern keine Schuld haben, sondern eine uns bekannte dreiköpfige Familie drängte sich auf, mit uns gemeinsam Urlaub zu machen und sie verdarb uns den knapp zweiwöchigen Aufenthalt in Ungarn, Österreich und Bayern. 2001 meinen zweiten und letzten Joint geraucht. Nach fast 20 Jahren erinnere ich mich noch sehr gut daran, wie sterbenselend es mir ging und seitdem fällt es mir nicht schwer, dieses Ding nicht wieder anzurühren. 2011… ach ja. Darüber rede ich nicht gern. ABER: Diese Jahre hatten auch ihre lichten Momente. Und gegen Jahresende geschahen grundlegende Änderungen, die in positiver Richtung gingen.

Ich mache mir nicht mehr viel aus 2021. Ich glaube, dass erst gegen Jahresende etwas Gutes geschehen wird. Oder es kommt auch alles anders. Ich lasse mich überraschen.

Umso dankbarer bin ich für die lichten Momente. Die bisher aus guten Büchern, wirkungsvollen Filmen im Fernsehen und entspannenden Spaziergängen bestanden. Und Musik! Neben meiner Musiksammlung bin ich für YouTube und den Blogs von Christian und hotfox63 dankbar.)

Soviel zum Zustand in meiner selbstgewählten Vereinzelung. Aber ich möchte Ihnen gern von einem sehr lichten Moment erzählen:

Am 8. März 2021 erfuhr ich, dass Ernst Molden nach langer Pause wieder ein Konzert von seinem Balkon gab. Mittlerweile unverzichtbar geworden ist auch die Begleitung seines Zweitgeborenen Karl an der Bassgitarre. Ich peilte schon den nächsten Sonntag an, musste ihn aber „absagen“, weil es einfach zu windig und kühl war. Also verschob ich meinen geplanten Besuch um eine weitere Woche, dieses Mal Sonntag, 21. März an. Und musste wieder darauf verzichten, weil an diesem Tag beinahe arktische Temperaturen herrschten.

Der Sonntag, 28. März 2021 versprach gutes Wetter. Und ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf.

Am Vormittag machte ich einen ausgiebigen Spaziergang in meinem Grätzel, weil ich nicht zu viel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren möchte. Je näher die Stunde des Aufbruchs rückte, umso aufgeregter wurde ich. Ich machte mir Gedanken darüber, wo ich dieses Mal stehen sollte. Wieder dort, wo ich am 10. Mai 2020 war, oder soll ich sogar gegenüber von der Landstraßer Haupt stehen. Nein, bloß nicht, du wirst den Auto(bus)verkehr rauschen hören. Also entschied ich mich, wieder den gleichen Platz einzunehmen.

Die Fahrt mit der U3 hin und retour gehörte zu den unangenehmsten Nebenerscheinungen des Tages, aber ich möchte mich ja auf die lichten Momente konzentrieren.

Kurz nach 17:30 Uhr kam ich am Eck an. Der Ort sah noch relativ leer aus und ich positionierte mich ungefähr dort, wo ich auch vergangenes Jahr stand, aber ich wollte nicht mehr die Landstraßer Haupt so nah an meinem rechten Ohr haben, also a bisserl weiter weg und ich stellte mich neben einem jungen, unbelasteten Baum an. Nach wenigen Minuten sah ich den Zweitgeborenen das Haus betreten und freute mich innerlich, dass er auch wieder mit von der Partie sein würde, weil ich ihn im vergangenen Jahr leider versäumt hatte.

Nicht ohne die 74A!

Ich blieb nicht lange an meinem selbstgewählten Platz, weil eine Gruppe von drei jungen Leuten relativ nahe vor mir stand und eine davon hielt eine Dose Red Bull in der Hand. (Ich verrate es Ihnen gern: Wenn Sie mich wegjagen wollen, brauchen Sie nur eine Dose von diesem Gebräu zu öffnen.)

Also entfernte ich mich wenige Schritte von dem guten Platz und orientierte mich in Richtung des tierischen Autoersatzteilegeschäftes. Nach einer Weile hatte ich eine Vierergruppe vor meiner Nase, ich wich ein paar Schritte zurück und kurz vor 18 Uhr setzte ich meine FFP2-Maske auf und erlebte mein erstes Konzert in diesem Jahr.

Fünf Monate sind vergangen, als ich das letzte Mal Livemusik gehört hatte. Ich dachte, ich würde vielleicht weinen oder extremst sentimental sein. Aber mittlerweile ist mir die Welt draußen irgendwie gleichgültig geworden, so dass es schon mehr braucht, um mich innerlich aus der Fassung bringen zu können. (Oder ich höre „Für immer uf di“ von Patent Ochsner. Da heule ich nach wie vor Rotz & Wossa.)

Aber ich fühlte Dankbarkeit. Und hege Bewunderung für diesen besten Musiker von ganz Wien.

Ernst eröffnete mit dem obligatorischen Intro zu „Oh du lieber Augustin“. Anschließend spielte er zwei Nummern, die ich nicht kannte, sich aber gut anhörten, aber seine Moderationen verstand ich gar nicht. Extremst nervig war das Hundegebell, das in das jeweilige Applaus einstimmte. Auf die dichter werdenden Menschenmassen konzentrierte ich mich kaum, da ich die Maske aufhatte und die meiste Zeit den Blick gen Balkon hatte.

Bei den oben erwähnten unbekannten Nummern handelten es sich um die neue „Laundschdrossn“ und „Da guade Kaisa“. „Laundschdrossn“ ist die wienerische Bezeichnung für „Landstraße“. „Landstraße“ heißt der dritte Bezirk, in dem Ernst wohnt und von seinem Balkon aus die Konzerte gibt. Diese Nummern spielte Ernst alleine. In mir wuchs leichte Verzweiflung, „verpasse ich wieder die Begleitung des Zweitgeborenen? Das kann doch nicht sein. Ich hab ihn doch vorhin gesehen. Außerdem steht auf dem Balkon ein Verstärker der Marke ‚Markbass’“.

Bevor ich in meinem Luxusproblem baden gehen wollte, kündigte Ernst Molden seinen Sohn an und ich war erleichtert. Wär ja wirklich schade, ihn ein zweites Mal zu verpassen. Wenn Sie sich die YouTube-Videos ansehen, gefallen mir die Nummern, die von seinem Sohn begleitet werden, irgendwie a Äutzerl besser. Und wussten Sie, dass das Lied „es lem“ dem Zweitgeborenen gewidmet ist? Und sowohl das Lied als auch das Album „es lem“ war ein sehr lichter Moment im Jahr 2011.

Vielleicht liegt es an der Bassgitarre, aber nun folgten zwei Lieder aus dem Frauenorchester: „Aum blaun Wossa“ und „Hengs mi auf“. Meine Hörgeräte waren auf Musik-Modus geschaltet, da ich dieses Mal nun ein paar Schritte weiter entfernt von der Landstraßer Haupt stand, genoss ich die Musik und schwang innerlich mit.

Nach dem „Schbruch ausm Südn“ und „Fly Me To The Moon“ vernahm ich aus dem für mich sehr unverständlichen Moderation, dass so etwas wie Publikumswünsche abgegeben werden können. Ich hörte jemand hinter mir „HO RUGG“ rufen. Stattdessen erklang „Awarakadawara“. Ich grinste. Passt! Und ich spürte, hörte das Publikum den ohrwurmlastigen Refrain mitsingen.

Was für ein schöner Abschluss!

Auf dem Weg zur U3-Station machte ich einen kurzen Abstecher zum Joe-Zawinul-Park, der auf dem Weg liegt und erinnerte mich, dass ich das Lied einmal live gehört hatte. Am 25. Jänner 2020 im Rabenhof-Theater. Fuck, ich wünsche mir die Zeit v. Cor. zurück.

Ein großes DANKESCHÖN an Familie Molden für diesen unermüdlichen und uneigennützigen Einsatz, uns ein Stück Normalität in diesen Zeiten zu schenken.

Natürlich wurde dieser Auftritt auch filmisch von Ernst Moldens bester Frau aller Zeiten festgehalten:

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4 Kommentare

  1. Dank Dir fuer den Shout-Out!

    Ach ja, Konzerte vermisse ich ebenfalls sehr. Wohingegen man in New Jersey in bestimmten Bars wieder Live-Musik hoeren kann, ist mir die Sache einfach noch nicht geheuer, zumal hier die Zahlen hoeher liegen als im Landesdurchschnitt. Nicht auf Konzerte zu gehen ist zwar wirklich aetzend, doch muss man auch weiterhin Geduld haben.

    Zwei von drei Konzerten, fuer die ich Karten habe, sind bereits verlegt worden: Die Temptations und die Four Tops vom April zum November und Ringo and his All-Starr Band vom Juni bis zum Juni 2022. Da beide Konzerte in Theatern stattfinden, bin ich froh ueber die Verlegungen.

    Mein Konzert mit Steely Dan und Steve Winwood fuer Anfang Juli in einem Open Air Venue steht nach wie vor auf dem Programm. Ich hoffe, dass sich die Lage bis dahin soweit gebessert hat, dass ein Konzertbesuch im Freien mit entsprechenden Sicherheitsmassnahmen vertretbar ist. Ich wuerde es wirklich hassen diese Show zu vermissen!

    Viele Gruesse aus New Jersey!

    1. Lieber Christian,

      danke fuer Deine Rueckmeldung. Ich habe schon zum Zaehlen aufgehoert, wie oft meine Konzerte, fuer die ich Karten gekauft habe, verschoben worden sind. Ausserdem interessieren mich die neuen Termine in 2021/2022 vorerst gar nicht, weil ich nicht noch mehr auf meinen Tickets sitzen moechte.

      Theoretisch waere mein nextes Konzert Ende April, aber ich vermute ganz stark, dass er auch verschoben wird. Dabei haette ich Test und FFP2-Maske in Kauf genommen.

      Was ich schlimm finde: Es wird daran gearbeitet, dass in Wien im Sommer wieder Konzerte outdoor stattfinden koennen, aber der Zutritt waere nur mit einem negativen Test erlaubt.

      Outdoor.

      Vielleicht kannst Du es Dir vorstellen, warum ich jetzt schon im 1. Quartal anfange, das Jahr 2021 zu hassen.

      Aber wie heisst es so schoen? „The Show must go on…“

      Fruehlingshafte Gruesse aus dem Risikogebiet! (Ab morgen gehen wir wieder in eine Art „Lockdown“.)

      PS: Wie schaut es bei Euch mit Impfungen aus? Wir alten Europaeer schauen neidvoll zu Euch rueber, weil Ihr mit den Impfungen schneller vorwaerts kommt als wir.

      1. Die Impfungen scheinen ganz gut vorankommen. Dies war auch bitter notwendig, nachdem die Lage letztes Jahr zunehmend außer Kontrolle geraten war!

        In immer mehr U.S. Bundesstaaten sind mittlerweile fast alle Gruppen der Bevölkerung berechtigt. Einige meiner Kollegen und Kolleginnen in New York und Connecticut haben bereits ihre erste Impfung erhalten.

        Hier in New Jersey gibt man nach wie vor bestimmten Risikogruppen Priorität. Ich denke dies ist vertretbar, da die Zahl der Neuinfektionen leider wieder angestiegen ist und New Jersey diesbezüglich weit über dem Landesdurchschnitt liegt.

        Ich habe die Hoffnung irgendwann im April oder Anfang Mai berechtigt zu werden einen Impftermin machen zu können. Wie lange dann die Wartezeit ist muß man sehen.

        Die steigende Zahl der Impfungen ist sicherlich hilfreich. Allerdings wird die weitere Entwicklung letztlich sehr stark vom individuellen Verhalten der Leute abhängen. Leider gibt es nach wie vor viel Unvernunft und Leichtsinnigkeit!

        Trotzdem bin ich insgesamt vorsichtig optimistisch!

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