Trouble in the heartland…

Ich muss mir das jetzt aufschreiben. Etwas loswerden.

Möchte nicht mit der komplett geballten Ladung ins Bett gehen. Auch wenn ich mit Schlafstörungen rechne.

Der heutige Tag war so surrealistisch.

Ich war wieder im Büro.

Zwei Begebenheiten, die mich beschäftigen.

Die erste: Mein Arbeitskollege, mit dem ich eigentlich das Zimmer teile, ist nun auf ein anderes Büro ausgewichen, wenn ich die Tage im Büro statt in Heimarbeit verbringe. Doch seine Tage in dem anderen Zimmer sind nun gezählt, weil der neue Arbeitskollege heute seinen Dienst angetreten hat und dieses Büro bezieht. Also ist mein Kollege kurz in unserem Zimmer, wo ich sitze. Er lässt die Bemerkung fallen, dass er sich nun nach einem anderen Büro umsehen muss. Ich: „Warum arbeitest du nicht mal zuhause? Du bist nun umgezogen und kein WG-Mitbewohner stört dich.“ Er: „Ist mir zu einsam.“ Ich: „Es fällt mir auch nicht leicht, zuhause zu arbeiten. Das geht vielen anderen auch so, aber wir müssen uns zusammenreißen.“ Er: „Ich will mich nicht zusammenreißen.“

Stummes Kopfschütteln von mir.

In Gedanken: „Lusche! Pfeife! Weichei!“

Die zweite: Nicht einmal eine halbe Stunde später kommt eine Kollegin, die sich zu mir ins Zimmer setzen will. Ich sage ihr, dass ich das nicht wirklich möchte. Sie beruhigt mich damit, dass sie nicht so lange bleiben wird. Ich setze vorsorglich meine Maske auf, sie denkt erst einmal nicht daran, ihre auch aufzusetzen.

Ich höre, wie sie alle sieben Minuten hüstelt, sich räuspert, ab und zu den Rotz in ihrer Nase hochzieht. Alles Geräusche, die mich schon v. Cor. wahnsinnig machten. Jetzt machen sie mich erst recht narrisch. Ich weise sie darauf hin, dass sie – wenn sie eh nicht mit mir spricht – doch bitte ihre Maske aufsetzen soll.

Sie schaut etwas verwundert drein, „jo eh“ und erfüllt meine Bitte.

Erst nach drei Stunden ließ sie mich allein.

Bevor ich diese Zeilen niederschrieb, hatte ich einen kurzen Weinkrampf.

Ich weinte vor Wut.

Ich arrangiere mich mit dem Alleinsein. Ich arrangiere mich damit, die physischen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Den Weihnachtsurlaub verbrachte ich nur mit mir. Ich komme nur ins Büro, wenn es notwendig ist.

Diese zwei Begebenheiten fühlten sich wie zwei Watschen an. Eine links, eine rechts.

Ein Kollege, der sich weigert, zuhause zu arbeiten. Eine Kollegin, die sich in einer „Wird-eh-scho-nix-passieren“-Mentalität zu mir setzt.

„I wanna spit in the face of these badlands…“

23 Kommentare

    1. Danke für Deine Worte. Seit ich im Leben stehe, bin ich das die meiste Zeit. Und seit dieser besonderen Zeit noch mehr, aber es gibt immer wieder Momente, da möchte ich sitzenbleiben. Gestern war mir sehr nach Liegenbleiben zumute.

  1. Holzköpfe gibt es wohl nach wie vor leider überall. Man fragt sich bei manchen Leuten wirklich, was noch alles passieren muß bevor sie sich endlich verantwortungsbewusst verhalten. Da kann ich schon verstehen, daß Dir sprichwörtlich zum heulen zumute war!

    1. Danke fuer Deinen Beistand.

      Gestern habe ich den Verlust von gegenseitiger Achtung und Respekt sehr betrauert.

      Ironie der Sache ist auch: Konzerte und kulturelle Veranstaltungen werden nach wie vor verboten, aber es gibt keine (gesetzliche) Regelung, wieviele Menschen sich in der Arbeit gleichzeitig aufhalten duerfen.

  2. Es gibt schon merkwürdige Subjekte, mitunter auch als geistige Tiefflieger betitelt.

    Der Song von Springsteen hat mich noch mal zum Wikipedia Artikel von ihm geführt.

    Schon seltsam, dass Er, der Er seine Jugend und Herkunft und frühere Lebensweise seinerzeit im Prinzip verachtete, seit Jahren erfolgreich darüber schreibt und singt.

    Wir sind was wir sind, und bleiben es auch…

    1. Das folgende „Got a head-on-collision“ nach „Trouble in the heartland“ wäre auch eine gute Alternativüberschrift gewesen.

      Um „Badlands“ ranken sich viele Interpretationen, eine gute habe ich im Buch „Bruce Springsteen’s America“ von Robert Coles gelesen. Ich habe dieses Lied gewählt, weil es so herrlich vor Selbstverachtung trieft.

      Die Pandemie führt uns vor Augen, dass den meisten Menschen die Empathie abhanden gekommen ist. Ich würde mich nicht als einen guten, mitfühlenden Menschen bezeichnen, im Gegenteil, aber es schockiert mich doch immer wieder, wie ich-bezogen die Menschen agieren.
      Von diesem erhofften Zusammenhaltsgefühl im Frühjahr 2020 ist aber auch gar nichts mehr übergeblieben. Das haben wir ja an den leeren Klopapier- und Nudeln-Regalen in den Supermärkten gesehen.

      1. Äh, „Letter To You“ habe ich mir noch am Erscheinungstag gekauft (mache ich seit 2002, mit wenigen Ausnahmen), aber ich werde noch nicht mit dem Album warm.

      2. Nun ja, einiges muss mehrmals gehört werden, damit es im Ohr bleibt, wobei natürlich auch BS nicht nur gute Lieder geschrieben hat im Laufe der Jahrzehnte…

      3. Mich fasziniert eher das neue Lied von John Fogerty, das so fogerty-untypisch klingt.

        Auf „Letter To You“ sind mir zu viele Lieder, die textlich nur so vor sich hinplätschern… ja, der Mann muss sich gar nichts mehr beweisen, die Spielfreude ist zwar unüberhörbar, aber „The Power Of Prayer“ zB ist doch recht überflüssig. Oder „Janey Needs A Shooter“ wäre wirklich perfekt, wenn er den Schluss etwas kürzen würde.

        Auf jeden Fall werde ich mir das Album wieder anhören. Ich habe im vergangenen Frühjahr wieder das Projekt gestartet, meine Musiksammlung CD für CD, Alphabet für Alphabet, Erscheinungsjahr für Erscheinungsjahr, durchzuhören.

      4. Fogertty, ja, Weeping in the promised land – gehört meiner Meinung nach zu den Songs mit sozial bewussteren Themen, wie auch Who´ll stop the rain oder Fortunate Sun.

        Klingt anders, aber auch gut, habe mir letztes Jahr die CCR Life in Woodstock geholt – geht gut ab, auch nach all der Zeit…

  3. Sind zwei gute Beispiele für die Rücksichtslosigkeit mancher Zeitgenossen. Die Einschränkungen, gerade im sozialen Bereich, fallen niemandem leicht. Aber die Antworten, die Du bekommen hast, zeigen ja auch, dass die innere Einstellung mancher von Rücksichtslosigkeit geprägt ist. Es geht nur um die eigene Person. Was im „normalen“ Leben vielleicht hinter einer Art Alltagsmaske verschwindet, kommt in Krisenzeiten wie diesen deutlich zum Vorschein. Pass gut auf Dich auf. Und bleib gesund.

    1. Die Einschränkungen im sozialen Bereich sind, wie Du schon geschrieben hast, für jede/n eine Herausforderung.
      Auch wenn ich mich eher als eine leidenschaftliche Misanthropin bezeichne, mich alleine ganz gut beschäftigen kann, fordert mich die Einschränkung auch ganz schön, da ich vor allem die menschlichen Interaktionen bei den Konzerten vermisse.

      Der gestrige Tag hat mich gelehrt, dass ich künftig nur mehr ins Büro komme, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

      Ich wünsche Dir auch alles Gute!

    1. Ich wollte zuerst ein Rundmail an die ArbeitskollegInnen schreiben und die hier beschriebene Situation schildern, wusste aber, dass ich damit nur auf die Nase fallen würde.

      Anschließend beschloss ich, noch weniger ins Büro zu kommen. (Dabei bin ich nur mehr an ein bis zwei Tagen die Woche im Büro.)

      Doch der wütende Weinkrampf zwang mich dazu, das Erlebte zunächst auf ein, zwei Blättern Papier und mit Kugelschreiber zu verarbeiten.

      Und weil ich diesen Tag nicht vergessen möchte, wurde es zu einem Blogeintrag.

      1. Ich sage nichts, wenn andere laut Musik hören, wenn einer im Restaurant den Rotz hochzieht, dass mir der Appetit vergeht, denn so ein herummäkelnder Schweizer will ich nicht sein. Aber hier geht es um die Gesundheit. Keine Abstandsregel? Kein Social Distancing ? Warum soll ich da den Latz halten? Wenn ich mich um die Gesundheit der anderen sorge, dann sollen die sich gefälligst auch einschränken, wenn ich es machen muss.

      2. Ich will die von mir beschriebenen Geräusche auch nicht verbieten. Mir passiert es auch, wenn ich hüsteln muss und – ganz selten – den Rotz in der Nase hochziehen muss. (Ich nehme stattdessen lieber ein Taschentuch und putze mir die Nase.)
        Aber ich ertrage es einfach nicht, wenn so etwas alle sieben Minuten geschieht. (Ich habe sogar darüber einen sehr interessanten Fachartikel gelesen. Es gibt auch einen Fachbegriff für die Antipathie dieser menschlichen Geräusche.)

        Ich wollte auch keinen Streit suchen und ich hatte ihr zunächst geglaubt, dass sie eh nicht so lange bleiben wird. Aber als sie dann mit den aerosolbegünstigenden Geräuschen begann, wähnte ich mich wieder in einem falschen Film.

  4. Mein Arbeitgeber (ca. 600 Beschäftigte) hat es so geregelt: je Standort sind täglich 25% der Beschäftigten anwesend. Sie sollen sich über alle Büros verteilen. Man darf in einem Büro sitzen, wenn ein Mindestabstand von 1,5m eingehalten wird oder man Maske trägt. Außerdem muss regelmäßig in kurzen Abständen gelüftet werden. Tatsächlich arbeiten mehr als 75% im Homeoffice. – Corona wirft auch ein Schlaglicht auf die jahrzehntelang schleichende Veränderung der Gesellschaften: sie werden asozialer (= nicht fähig oder nicht willig, in einer Gemeinschaft zu leben und einer solchen Gutes zu tun). Hättest du nicht einfach nach Hause ins Homeoffice gehen können, angesichts der Rücksichtslosigkeiten? Liebe Grüße, Bernd

    1. Den Gedanken hatte ich gehabt, aber mein Pflichtbewusstsein war irgendwie stärker und ich wollte/musste erst einmal die Unterlagen scannen und als ich quasi startbereit war, ging die Kollegin weg.

      Bei uns wird auch vorgegeben, dass sich nur mehr eine Person in einem Raum aufhalten soll. Wobei ich noch Ende Oktober mit dem im Jammerbeitrag erwähnten Kollegen einen unschönen Disput hatte, weil er es nicht wahrhaben wollte, dass ich mich zunehmend nicht mehr wohlfühlte, mit ihm weiterhin in einem Zimmer zu sitzen. Anfang November wurde die Eine-Person-in-einem-Raum-Regel „zwingend“.

      Im Grunde genommen funktioniert die räumliche Trennung bei uns in der Arbeit, aber es herrscht eher eine liberale Haltung. Die Eigenverantwortung wird vorgelebt und das Schlimme an der österreichischen Arbeitswelt ist, dass dort recht lasche Maßnahmen zur Eindämmung dieser Pandemie herrschen.

  5. Ach, das ist ärgerlich! Vor allem die arrogante Art, wie er plötzlich „seinen“ Platz in Deinem Büro für sich beansprucht!

    1. In der Zeit v. Cor. sass ich mit ihm und einer weiteren Kollegin in einem Raum. Nun hat sich nur mehr eine Person in einem Raum aufzuhalten und da ich einmal die Woche im Büro bin, erlaube ich mir, den Raum zu „okkupieren“. Genauso macht es auch die Kollegin, die auch nur einmal an einem anderen Tag in der Woche kommt. Ich bin ja den Rest der Woche in Heimarbeit, genauso wie die Kollegin, das kann der eigentlich auch schaffen.
      Der Kollege kommt aber nach wie vor tagtäglich ins Büro und sucht halt jedes Mal einen anderen Raum, wenn entweder ich oder die Kollegin da sind.
      Leider sitzt er auch mit ein paar anderen KollegInnen gemeinsam zu Mittag. Gegen Dummheit hilft kein Mittel.

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