Eine (wieder) etwas andere Buchempfehlung: Ilka Dick „Der stille Koog“

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Ich habe mittlerweile die Zeitschrift „Spektrum Hören“ abonniert und in einer Ausgabe stieß ich auf eine Rezension zu diesem Buch.

Seit ein paar Monaten ist mein Bedarf an Büchern etwas höher als sonst und ich nahm auch dieses Werk in meinen Bücherschrank auf.

In diesem Krimi befinden wir uns an der Nordseeküste, es ist Herbst und wir begegnen der Protagonistin Marlene Louven. Eigentlich Kriminalhauptkommissarin, aber derzeit im längeren Krankenstand, weil sie durch eine Hirnhautentzündung ihr Gehör verloren hat. Doch nach nur wenigen Monaten ließ Marlene diesen Hörverlust mit Cochlea-Implantaten so weit wie möglich ausgleichen.

Wird das jetzt ein Science-Fiction-Roman?

Nein, seit Jahrzehnten werden Cochlea-Implantate bei gehörlosen und hochgradig schwerhörigen Menschen operativ eingesetzt: https://de.wikipedia.org/wiki/Cochlea-Implantat

Ich kenne nicht wenige Menschen, die mit den CI versorgt werden. Ich wurde auch darauf angesprochen, mir zumindest am linken Ohr ein solches Apparat einpflanzen zu lassen. Bis jetzt sträube ich mich dagegen. Solange es noch mit dem natürlichen Hören, unterstützt durch die Hörsysteme, funktioniert, sind CI bei mir kein Thema.

Und weil die Autorin Ilka Dick viele Jahre lang als Hörgeschädigtenpädagogin tätig war, sitzt sie somit an der Quelle und hat mit Marlene Louven eine authentische Figur geschaffen. Ohne auf den Mitleidsknopf zu drücken oder schulmeisterlich den Zeigefinger zu heben, gelingt der Autorin die Mischung aus nüchterner Realität und subtiler Bewusstseinsschaffung.

Und im Gegensatz zu Emma Viskic ist es Ilka Dick auch gelungen, einen sehr spannenden Krimi, umtost vom rauen Nordseewind, zu schreiben.

Um sich von ihrer Operation zu erholen und die nächsten Schritte in den hörenden Alltag zu setzen, fährt Marlene zu ihrer Schwester auf der anderen Seite von Schleswig-Holstein. Kaum ist Marlene dort angekommen, gerät sie in einen Mordfall und einmal Kriminalhauptkommissarin, immer Kriminalhauptkommissarin, verstrickt sich Marlene in die Ermittlungen.

Dabei ist ihr neues Hören Fluch und Segen zugleich. Sie kann noch nicht telefonieren und ist schon nach fünf Minuten erschöpft, wenn sie mit mehr als einem Menschen in einem Gespräch tritt. Dazu treten Geräusche auf, die sie nicht zuordnen kann und aus welcher Richtung sie kommen können. Auch wird ihr anderes Hören sowohl von ihr als auch von bestimmten anderen Personen als eine Schwäche, als ein Makel, als eine Barriere betrachtet. Zwischen den Zeilen gelesen, kämpft Marlene gegen das Klischee einer beschränkten Person an, nur weil die Gesellschaft heutzutage nach wie vor Schwierigkeiten hat, mit den Andershörenden umgehen zu können.

Als ich auf Seite 101, unten folgende Zeilen las, musste ich vor Lachen prusten:

[…] „Warten Sie“, wurde Marlene unterbrochen, „können Sie bitte vorher Ihr Hea…e… abnehmen?“

„Mein bitte was?“

„Ihr Headset, wollen Sie das nicht abnehmen? Das irritiert mich.“ […]

Wie Sie dem Dialog entnehmen können, baut die Autorin bewusst in den wörtlichen Reden Lücken in den einzelnen Wörtern ein, damit der/die LeserIn ein Gefühl dafür bekommt, wie es ist, einen Satz nicht vollständig verstehen zu können.

Auf Seite 120 beschreibt Ilka Dick eine Situation, die nicht nur auf CI-TrägerInnen zugeschnitten ist, sondern auch für HörgeräteträgerInnen wie mich:

[…] Es fiel Marlene immer schwerer, Sabine Sommer aufmerksam zuzuhören. Die leise Musik im Hintergrund, die Gespräche der Gäste an den Nachbartischen, das Klappern von Geschirr, all das behinderte das Verstehen zusätzlich und verlangte Marlene einiges ab. […]

Außerdem war mir die Figur von Sabine Sommer schon ein paar Zeilen vorher extremst unsympathisch, weil sie unterbrochen redete und Marlene somit nicht dazu kam, die von Sabine Sommer servierte Waffel mit Eis zu verzehren. Marlene kann beides gleichzeitig nicht. Essen UND zuhören. Eine unangenehme Situation, die ich nur zu gut kenne.

Doch trotz ihrem Hörverlust hat Marlene nichts von ihrem kriminalistischen Spürsinn eingebüßt und ich finde den Schluss, mit dem ich nicht gerechnet hatte, gut gelöst.

Während ich den Roman las, recherchierte ich ein wenig im weltweiten Netz zum Buch und stellte erfreut fest, dass im nächsten Jahr einen weiteren Krimi mit Marlene Louven gibt.

Weiterführende Links:

https://www.emons-verlag.com/programm/der-stille-koog

https://www.rendsburgerleben.de/news/autorin-ilka-dick-ueber-stille-koog-10020847.html

https://www.mdr.de/selbstbestimmt/reportage/selbstbestimmt-ersatzteil-imkopf-cochlea-implantat-gehoerlos-100.html

5 Kommentare

  1. Danke für den Buchtipp, sori! Das bestelle ich mir demnächst. Klingst sehr spannend. Es tut mir sehr leid, dass ich Dir mit Emma Viskic eine so missliebige Krimilektüre aufgebrummt habe :-)

    1. Liebe Frau Frogg, bitte um Entschuldigung, dass meine Kritik gegenüber Emma Viskics Romane etwas härter als beabsichtigt ausgefallen ist. Viskic hat zwar mit Caleb Zelic eine sympathische Figur erschaffen, aber der Krimi an und für sich hat mich nicht sonderlich überzeugt. (Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gern und viel Krimis lese und mir deshalb ein solches Urteil erlaube…) Dennoch werde ich mir den drittel Teil auch zulegen, aber ja, ich bin noch mehr gespannt auf die Fortsetzung von Ilka Dicks Krimi mit Marlene Louven.

      Liebe Grüsse aus Wien!

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