viskic[Unbezahlte Werbung!]

Nachdem ich den Blogbeitrag von Frau Frogg gelesen hatte, wurde ich sehr neugierig und kaufte mir recht bald „No Sound – Die Stille des Todes“.

Romane über Gehörlose habe ich zuletzt in meiner späteren Jugend gelesen, wobei die meisten eher enttäuschend waren. („Denn bitter ist der Tod“ von Elizabeth George oder „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ von Carson McCullers.) Dagegen spiele ich mit dem Gedanken, „Schule des Schweigens“ von Jeffery Deaver wieder zu lesen.

Ich betone „Gehörlose“. Wenn eine schwerhörige Romanfigur vorkommt, dann ist es meistens eine rüstige Oma, die in den unpassenden Momenten plötzlich gut hört oder der etwas senil wirkende Opa, der immerzu freundlich, aber mit verständnislosem Blick lächelt, während das Gesprächsthema an ihm vorbeirauscht.

Aber Leute wie Du und ich? Fehlanzeige!

Es gibt im weltweiten Netz mittlerweile sehr viele Rezensionen zu den beiden Krimis. Ich unterstreiche das meiste von dem, was geschrieben wurde und möchte mich daher nicht wiederholen.

Natürlich stehe ich dazu, dass eher die Figur des Caleb Zelic ausschlaggebend war, mir „No Sound“ zu kaufen als die Kurzbeschreibung zum Krimi.

Der Krimi war im Großen und Ganzen recht gut zu lesen, aber es fehlte doch oft an Spannung. In der zweiten Hälfte spürte ich eine gewisse Erschöpfung und die Handlung driftete ins Uninteressante ab.

Total positiv finde ich, dass die Autorin Emma Viskic sich wirklich mit den Andershörenden beschäftigt hat und sich keiner klischeehaften Motive bedient. Stattdessen berichtet sie nüchtern von Calebs Widrigkeiten, die er mit seiner an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit meistern muss und sehr gut finde ich, wie sie seine Sprachfehler bildlich beschreibt. (Sie können auch meine sein…)

Die Autorin lässt auch die Klischees der anderen Seite nicht aus: Guthörende mit dichter Gesichtsbehaarung und falscher Sichtposition für das Lippenlesen und über die übertrieben betont sprechenden Leute musste ich sehr oft schmunzeln.

Das wäre aber auch alles nicht möglich gewesen, wenn nicht die Übersetzerin Ulrike Brauns tolle Arbeit geleistet hat.

Selbst wenn die Handlung mir teilweise verwirrend, irgendwie zu plausibel erschien und auf einen ungewöhnlich kleinen Personenkreis fokussiert war, wo dann am Ende alle Fäden zusammenliefen, ist das Buch dennoch lesenswert.

So war ich gespannt auf den zweiten Teil, den ich mir wenige Tage nach dem ersten Teil gekauft hatte und es dauerte nicht lange, bis ich „No Words – Die Sprache der Opfer“ innerhalb von zwei Tagen verschlungen hatte.

Zwar hatte ich den Eindruck, dass die Autorin im zweiten Teil nicht mehr so sehr auf Caleb Zelics Hörbeeinträchtigung eingeht wie im ersten Teil – daher ist es unbedingt erforderlich, den ersten Teil gelesen zu haben, weil sonst dem LeserIn etliche Fragezeichen über den Kopf schweben können, wenn sie erst mit dem zweiten Teil beginnen.

Auffallend war, dass im ersten Teil sehr oft das Wort „Fuck“ vorkommt. Im zweiten Teil musste ich es geradezu suchen, was ich ein bisschen schade finde.

In „No Words“ wird das Verhältnis zwischen Caleb und seinem Bruder stärker betont und ich musste oft herzlich über ihre Dialoge lachen, die mit einem Schuss Sarkasmus enden. Auch trifft der Schreibstil meinen Geschmack, es gleitet oft in das Schwarzhumorige, das ich genieße.

Gut finde ich, dass die Autorin ganz subtil das Rassismusproblem in Australien zwischen den Weißen und den Aborigines hervorhebt, aber dafür spürte ich beim Lesen des zweiten Buches häufig eine Schwere in mir, weil der Roman an vielen Stellen nicht sehr fröhlich herüberkommt.

Auch stört es mich, dass im zweiten Teil der Täterkreis wieder sehr eng gezogen wurde – es kann doch nicht sein, dass es die Nachbarin ist, die zwei Häuserblocks weiter wohnt oder die eigene Arbeitskollegin dahinter steckt.

Dennoch hoffe ich sehr, dass der dritte Teil bald erscheint. Aktuell ist mir noch kein Datum bekannt, wann die deutsche Ausgabe veröffentlicht wird.

In beiden Teilen entdeckte ich hier und da Parallelen zwischen Caleb und mir: Wir bewegen uns in der Welt der Hörenden, auch ich kämpfe ständig mit meiner Aussprache und sage auch nicht immer jedem, dass ich hörbeeinträchtigt bin. Insofern kann ich mich sehr gut in ihm hineinversetzen und mich auch mit ihm identifizieren. Emma Viskic ist es gelungen, eine wirklichkeitsnahe Figur zu erschaffen.

Doch möchte ich zum Schluss mit einem weiteren Klischee, das die Autorin eher unbewusst in ihre Werke gepflanzt hat, aufräumen: Nicht alle Schwerhörige oder HörgeräteträgerInnen beherrschen auch die Gebärdensprache! Fast jedes Mal, wenn ich mich „oute“, bekomme ich als erstes die Frage zu hören, ob ich auch die Gebärdensprache kann. Ich gebe immer zur Antwort, dass ich die deutsche Gebärdensprache erlernen konnte, WEIL meine Eltern gehörlos sind. Würden meine Eltern gut hören, würde ich diese Sprache nicht einmal ansatzweise beherrschen. (Aber da ich mich nun generell unter Hörenden bewege, kann ich die deutsche Gebärdensprache mittlerweile nicht mehr so gut wie vor 20 Jahren.)