10.07.2020 – Willi Resetarits & Die raue Seele des Stubnblues beim SC Wiener Viktoria

Nachdem es mir bei DENK auf der überdachten Terrasse des SC Wiener Viktoria gut gefallen hat, hielt ich Ausschau nach weiteren Konzerten des „Viktoria Friday Music Club“.

Kaum war mein Nostalgiebeitrag zu Gamlitz 2010 draußen, stellte die Tschauner Bühne für heuer ihre Saison ruhend und ich konnte somit meine beginnenden Überlegungen abhaken, ob ich mir ein drittes Mal Willi Resetarits & Stubnblues auf der Tschauner Bühne gönnen sollte.

Dafür sprang mir auf der Webseite des Meidlinger Fußballklubs der Termin am 10. Juli 2020 ins Auge.

Ich dachte nicht einmal nach, ich kaufte mir sofort eine Karte. Das Konzert war auch dann rasch ausverkauft.

Wien, 10. Juli 2020: Der bisher heißeste Tag des Jahres kündigte sich an. Entgegen der Meldung der Wiener Linien, dass nun alle Garnituren der U6 klimatisiert seien, litt ich während der Fahrt unter meinem MNS und war dankbar für eine Sprühnebeldusche, nachdem ich bei der Station „Tscherttegasse“ ausstieg und in Richtung Sportplatz ging.

Am Sportplatz angekommen, waren B & G entgegen ihrer Gewohnheit sogar vor mir da und hielten mir netterweise einen Platz frei und ich danke den beiden nach wie vor ganz herzlichst für den sehr idealen Tisch (nicht mittendrin im Geschehen und doch eine super Sicht auf die Bühne).

Weil die Bühne recht klein ist, konnte der Stubnblues nicht in voller Besetzung auflaufen. Neben Wilhelm Resetarits brachte der Kapellmeister und Gitarrist Stefan Schubert den Bassisten Klaus Kircher und den Schlagzeuger Peter „Gasteina Peda“ Angerer mit aufs Spielfeld. Nach der Eröffnungsrede des Präsidenten vom SC Wiener Viktoria, Roman Gregory, der auch hauptberuflich Sänger ist, wurde das Konzert angepfiffen.

Doch bedarf das musikalische Spiel noch ein paar taktische Worte von Willi Resetarits, der ein neues Lied von Stefan ankündigte. Der Kapellmeister, den ich beim Spiel FC Weinbauern gegen den FC Stubnblues am 26. Juni 2010 als leidenschaftlichen Fußballer noch gut in Erinnerung habe, scharrte schon mit den Füßen und Willi beendete seinen kleinen Monolog mit einem „I fang aa an!“, indem er seine Mundharmonika hervorholte.

Nachdem Stefan für die „Varuggdn“ sang, erlaubte sich Willi eine weitere Anekdote, bevor es zum nächsten Lied kam. Es entbehrte nicht einer gewissen Kopflosigkeit, als der Stubnblues vom SC Wiener Viktoria angefragt wurde und nur die (halbe) Kapelle zusagte. Aber zum Glück hat die wunderbare Verena Göltl schon vor Jahren einen passenden Text geschrieben und wir erfreuten uns an „I hob mei Kopf valuan“.

Nach einem weiteren neuen Lied, das sich laut Liederliste „Poppebam“ nennt, bewies Stefan mit einem weiteren Lied, dass er auch sehr schön singen kann. Und es war mir und auch dem Großteil des Publikums sehr recht, als „Zum letztn Mal“ erklang.

Und erst recht der Sprechgesang vom Gasteina Peda! (Kleine Anmerkung der Schreiberin, die seit 2009 die Stubnblues hört und schätzt: Wenn der Stubnblues schon in reduzierter Besetzung spielt und fast alle Musikanten ihr Gesang unter Beweis stellen können, hatte ich auf ein „Spat und später“ von Klaus Kircher gehofft. Das Lied mag ich nämlich auch sehr gern.)

Nun erklang „Niemois soisd“, das Willi gleichzeitig bedächtig und eindringlich, auf der Ukulele spielend, vortrug. Ich werde schon wieder den Eindruck nicht los, dass das Lied, im Original „May You Never“ von John Martyn, zu den wichtigsten Liedern von Wilhelm Resetarits gehört. Seit das Album „ois offn“ im Frühjahr 2012 draußen ist, habe ich das Lied bisher auf jedem Stubnblues-Konzert gehört.

Die Dichtkunst von H.C. Artmann wurde mit „wos bsundas“ (Inoffizieller Titel: „Schnupfnbazüün“) geehrt. Und ich registrierte schräg weit links von mir einige Vollkoffer, die sich nicht die Mühe machten, den Musikanten zuzulauschen. Sogar Willi Resetarits fühlte sich von ihnen gestört und bat sie höflich um Ruhe, aber er erkannte rasch – trotz seines verknöcherten Gehörs – dass er bei den Trotteln auf buchstäblich taube Ohren stieß und kommentierte das Ganze mit einem „A, gehhh!“.

Mit weiteren neuen Liedern „Wind“ und „Göba Mond“ wurde die erste Halbzeit abgepfiffen.

Nach mehr als 15 Minuten Pause ging es in der zweiten Hälfte mit „Da r abrüü“ los und meine Konzentration auf die nachfolgenden Liedern, die allesamt neu waren (laut Liederliste: „Elapetsch Tod“, „Wann wirds wieda woam“ und „Die Antn am Bach“) wurde durch den anschwellenden Lärmpegel, den ich dieses Mal rechts vor mir bei der Bar ortete, immer wieder gestört. Oida!

Aber konzentrieren wir uns doch bitte wieder auf das Spiel: Das traditionelle „Lipo ti je cuti“ mit nur vier Stimmen zu hören, war eine neue Erfahrung für mich. In meinem verkrüppelten Gehör (Bei mir sind sie nicht verknöchert, sondern etliche Härchen in den Gehörschnecken sind verkümmert.) kam das A-cappella-Stück recht zart herüber.

Nach „Winta“ und „Wiara wü“ kündigte Willi „Floridsdorfer Bahnhof“ an und dem lauten Jubel des aufmerksamen Teils der Zuhörerschaft entnahm ich, dass das Lied auch zu den Publikumslieblingen gehört. (Ich mag das Lied auch. War es doch eines der ersten Lieder von den Stubnblues, das ich hörte, als ich sie bei der Eröffnung der Wiener Festwochen am 8. Mai 2009 erlebte.)

Nun brauchte uns die Sehnsucht um und die zweite Halbzeit war auch vorbei.

Zum Glück ging es in die Verlängerung.

Als einen, der das schönste Liebeslied dichtete, lobte Wilhelm Resetarits den bereits oben erwähnten H.C. Artmann. Und Willi beschenkte uns mit „alanech fia dii“. Wieder driftete ich in höhere Sphären weg und ich fragte mich, wie das jedes Mal gesteigert werden konnte, glaubte ich doch beim letzten Hören „alanech fia dii“, dass es nicht getoppt werden kann.

Einfach zum Niederknien, aber dazu kam ich nicht, denn als letztes Lied erklang „I standat auf“. Roman Gregory gesellte sich zu den Musikanten auf der bereits recht engen Bühne und teilte sich mit Willi Resetarits das Mikrofon.

Wir erhoben uns von den Plätzen und nach ca. 100 Minuten reiner Spielzeit kam der endgültige Abpfiff, obwohl eine Verlängerung natürlich etwas länger dauern darf. (Die Regelung zum „Goldenen Tor“ machte mich zwar am 30. Juni 1996 zu einem sehr glücklichen Menschen, aber auf Dauer konnte sie sich nicht durchsetzen.)

Es war ja noch a bisserl Zeit, denn es war erst viertel vor zehn. Doch ist zu vermuten, dass dem Lärmpegel aus einer bestimmten Quelle zu verdanken war, das Konzert nun zu beenden.

Abgesehen von meinem hier und da eingestreuten Gesudere war es ein schöner Abend und ich bin gern nach Meidling gekommen. Im Laufe des Konzerts fühlte ich wortwörtlich die „raue Seele des Stubnblues“. Die mir sonst vertrauten Stücke kamen im positiven Sinne roh und ungeschliffen herüber und es war für mich ein Erlebnis, den Stubnblues auf das Wesentliche reduziert zu erleben. So konnte ich mich besser auf den Gesang konzentrieren und die Musik – nichts gegen Christian Wegscheiders Profession oder der Bläsersektion! – kam mir nicht so überbordend vor. Auch ist klar, dass mit der „rauen Seele des Stubnblues“ nur bestimmte Lieder aus ihrem umfangreichen Katalog bespielt werden können.

Fotos von Martin auf fotohutt.at

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5 Kommentare

  1. Wow, wenn ich dies richtig sehe trug keiner der Leute im Publikum in Deinen schoenen Bildern einen Mundschutz. Dies ueberrascht mich. In Wien gibt es doch nach wie vor Coronafaelle, wenngleich sicherlich die Zahlen wesentlich geringer sind als in Amerika.

    1. In Oesterreich wurde die Maskenpflicht extremst gelockert. Sie besteht nur noch in Arztpraxen, oeffentliche Verkehrsmittel und in Raeumlichkeiten, wo der Mindestabstand nicht gewaehrt werden kann.
      „Eigenverantwortung“ lautet unser Motto!
      Kulturelle Veranstaltungen im Freien sind bis zu 100 Personen erlaubt, vielleicht sind es mittlerweile auch mehr, ich verliere auch langsam den Ueberblick.
      Mittlerweile steigen auch wieder die Fallzahlen in tu felix Austria, ich bin nach wie vor vorsichtig und habe nur zu bestimmten Leuten Kontakt, aber bei Veranstaltungen im Freien mache ich mir weniger Sorgen.

      Greetings from Vienna, AT.

      1. Es ist sicherlich ratsam auch weiterhin vorsichtig zu sein. Wir erleben hier in Amerika z. Zt. schmezhaft, was passiert, wenn die Leute die Regeln voellig vergessen, nachdem Beschraenkungen gelockert werden.

        Gluecklicherweise ist die Situation in New Jersey wesentlich besser als in anderen U.S. Staaten im Sueden und im Western. Allerdings kann auch dies sich wieder aendern. Der leidige Virus kennt leider keine Staatsgrenzen.

        Ich bin hier vielleicht vorsichtiger als andere Leute, da mein Sohn ein geschwaechtes Immunsystem hat. Darueberhinaus hatte meine Schwiegermutter, die in einem Altenheim lebt, Covid – allerdings einen verhaeltnismaessig milden Fall. Trotzdem musste sie ins Krankenhaus, und es war schon nervenaufreibend.

        Also am besten vorsichtig und gesund bleiben! :-)

  2. Danke für den informativen Bericht, vor allem da ich ja selbst aufgrund von Gründen nicht anwesend sein konnte.
    Die angesprochene Lärmentwicklung im Publikum während der Konzerte stellen auch für mich seit Jahren ein großes Ärgernis dar. Es gäbe vor dem Konzert, in der Pause, sowie nach dem Konzert genug Zeit, alles wichtige ausführlichst zu besprechen!

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