Hörgeräte-Tagebuch # 15

Gedanken am 21. Juni 2020:

Abgesehen von den ungewohnt neuen Geräuschen und der etwas erhöhten Lautstärke gewöhnte ich mich rasch an die Enzos. Auch ertappte ich mich in den letzten Tagen dabei, dass ich mich unbewusst um eine schönere Aussprache bemühte, wenn ich mit den Leuten redete. (Es sei denn, die Müdigkeit ist stärker oder ich befinde mich in einer sehr angespannten Situation.)

Ursprünglich wollte A. mich schon am Freitag, 5. Juni wiedersehen. Doch wollte ich das Erlebnis „Konzert“ mitnehmen und so vereinbarten wir für den Montag, 8. Juni einen weiteren Termin. Ich hätte das Mikrofon bekommen sollen, leider wurde uns irrtümlich das Telefonclip, das ich schon lange besitze, geschickt.

Doch A. und ich nutzten den Nachmittag für einen ausgiebigen Kaffeetratsch. Wir unterhielten uns über alles Mögliche und auch über die aktuelle Situation. Ich habe das Glück, dass ich mit A. in vielen Punkten eine ähnliche Meinung zur neuen Normalität pflege.

Zu den Hörgeräten: Auch wenn ich A. meine Liebe zu den Enzos gestand, bestand sie darauf, dass ich zumindest noch Hörsysteme des Herstellers Phonak testen soll, weil sie nichts unversucht lassen möchte.

Bis zum nächsten Termin am 19. Juni freundete ich mich mehr und mehr mit den Enzos an. Mittlerweile empfinde ich die Toilettenspülung nicht mehr als laut, die Geräusche im Stiegenhaus, wenn ich die Wohnung verlasse, hallen nicht mehr so sehr.

Ich genoss das Musikhören und nach fast drei Monaten griff ich wieder zum Telefonclip, um AUCH Musik zu hören. In der Zeit während der Ausgangsbeschränkungen nutzte ich das Telefonclip nur mehr zum Telefonieren. Zu groß war meine Anspannung, als ich in der recht verkehrsberuhigten Zeit meine Arbeitswege zurücklegte. (Schon krass, das Ganze. Aber irgendwie war ich den irrsinnigen Feierabendverkehr in Wien gewöhnt, so dass mich das Musikhören auf dem Heimweg, den ich stets zu Fuß zurücklegte, gar nicht störte.)

Doch nach dem Konzert von DENK fand ich wieder den Mut, unterwegs Musik zu hören. Und ich tue es seitdem wieder sehr gern.

(Noch einmal zum Verständnis: Wenn ich unterwegs Musik höre, dann aktiviere ich Blauzahn auf meinem mobilen Telefon. Dann schalte ich das Telefonclip ein, somit wird die Verbindung zwischen den beiden Geräten hergestellt. Und da mein Telefonclip sowieso mit meinen GN-ReSound-Hörsystemem gekoppelt ist, höre ich auf diese Art und Weise Musik.

So geht auch das Telefonieren.

Und das Telefonclip ist sowohl mit meinen alten GN ReSound Verso als auch mit den GN ReSound Enzo Q kompatibel.)

Und ich gewann den Eindruck, dass mit den Enzos das Musikhören noch viel besser klingt.

Eine weitere WhatsApp-Videounterhaltung mit Blogkollegin Renee führte zur Erkenntnis, dass die Kommunikation viel besser verlief. Und sicher habe die neuen Hörgeräte auch ihren Anteil daran!

Und überhaupt… ich fühle mich wohl mit den Enzos. Mit den Signias in den ersten Monaten kam ich mich unvollständig vor, fühlte mich unter Druck gesetzt, kämpfte innerlich ständig gegen einen unsichtbaren Widerstand und mit den Enzos macht mir das Hörgerätetragen einfach Spaß. Ich wache am Morgen auf, betrachte die Kleinodien und freue mich einfach, sie einzusetzen. Das war bei den Signias nicht der Fall.

Zum Termin am 19. Juni gab es die versprochenen Phonaks immer noch nicht, aber dafür wartete das neue Mikrofon auf mich. A. koppelte die Enzos mit dem Mikrofon.

Aufgrund mangelnder Gelegenheiten (Sitzungen mit ArbeitskollegInnen finden nach wie vor online statt, Schulungen oder ähnliches besuche ich derzeit nicht.) bin ich bis jetzt noch nicht dazu gekommen, das Mikrofon auszuprobieren. Gern berichte ich an anderer Stelle.

microfoneWenn Sie das obige Foto betrachten, sehen Sie links das MiniMicrofon, das ich seit fast sieben Jahren besitze und das Ding funktioniert nach wie vor einwandfrei. Rechts ist das sogenannte „MicroMic“ und ist nicht nur optisch eine Weiterentwicklung des MiniMicrofons.

Besonders in den Sitzungen oder als ich für eine Weiterbildung wieder die „Schulbank“ drückte, gab ich den RednerInnen das MiniMicrofon (also, das Ding links auf dem Foto). Und die meisten glaubten, in das silberne Unterteil reden zu müssen, obwohl ich sie mehrmals über die Handhabung aufgeklärt hatte. Deshalb bin ich froh darüber, dass GN ReSound ihren Fehlgriff in Sachen Design ausgebügelt hat und ich bin mir sicher, diese Fauxpas werden mit dem neuen Mikrofon nicht mehr passieren.

Nach der Sitzung begab ich mich in das Wirtshaus Assmayer, schwor ich doch in diesem Beitrag, wieder dorthin zurückzukehren und genoss ein akustisch feines Konzert von The Everly Others.

Und nun zu etwas ganz anderem:

Sie erinnern sich an das runde, blaue Emblem mit einem weißen, durchgestrichenen Ohr?

ansteckerIn einem älteren Tagebucheintrag versprach ich, darüber zu berichten, ob und wie ich oder nur der Anstecker wahrgenommen werden. Und vor lauter Text kam ich tatsächlich nicht dazu, darüber zu berichten, wie ich mich nun offiziell als Hörbeeinträchtigte deklarierte.

Bei meinen ersten Gehversuchen bekam ich von der überwiegend hörenden Mehrheit, die ja bekannt für ihre eklatante Sehschwäche ist, weil sie ja mit ihren guten Ohren „sehen“ können, vielleicht hier und da verstohlene Blicke in den öffentlichen Verkehrsmitteln, angesprochen wurde ich nicht darauf, ist ja auch schwierig bei dem MNS-Gebot. (Ich schreibe bewusst „Gebot“, weil es in Wien nach wie vor Vollkoffer gibt, die sich nicht daran halten.) Beim Einkauf im Supermarkt registrierte eine Kassiererin das hübsche blaue Emblem und riss ungefragt ihre Maske herunter, um mir etwas mitzuteilen. Die Plexiglaswand war ja dazwischen, das war angenehm. Doch in den letzten Wochen vernachlässigte ich den Anstecker, weil in Österreich in sehr vielen Bereichen die Maskenpflicht wegfällt. (Eine überaus kluge Entscheidung, wenn wir uns jetzt die Fallzahlen ansehen…)

Bis gestern.

Der alljährliche Termin beim Augenarzt war fällig und zum Glück gehören die Ordinationen ja noch zu den wenigsten Örtlichkeiten in Österreich, wo noch Maskenpflicht herrscht. Da ich schon seit zehn Jahren zu diesem Augenarzt gehe, war ich mit dem langwierigen Prozedere vertraut und steckte mir das runde Ding sichtbar an meinen Leiberl an.

In der Ordination angekommen, musste ich bei der Anmeldung meine Krankenversicherungskarte selbst in den Kartenleser einstecken. Die nette Mitarbeiterin hinter der Plexiglaswand sah meinen Anstecker und nahm sofort ihre Maske herunter, um die Kommunikation zu erleichtern.

Kaum nahm ich im Wartezimmer Platz, wurde ich schon zur Augeninnendruckmessung gerufen. Nur, ich reagierte natürlich nicht, weil die Dame meinen Namen hinter ihrer Maske rief. Außerdem war ich darauf gefasst, dass der mir vertraute Mitarbeiter, den ich auch in der Ordination sah und der in den vergangenen Jahren diese Messung vornahm, auftauchen und mich aufrufen würde. Darüber hinaus lobe ich sein gutes Namens- und Gesichtsgedächtnis, die Tante dagegen… lassen wir es sein. Erst im zweiten Anlauf registrierte ich meinen Namen und ich konnte mich vor das Messgerät setzen.

Ich nahm wieder Platz im Wartezimmer und hatte Zeit, mich zu wundern, warum dieser Raum nicht entsprechend umgestaltet wurde, damit die Abstandsregelungen eingehalten werden können. Auch fragte ich mich, warum wenige PatientInnen in Begleitung ihres jeweiligen Partners kamen, obwohl die bessere Hälfte keinen Termin hätte. Oder da war ein schätzungsweise 16jähriger Bursche, der mit seiner Mama kam. (Ich war nicht einmal 16, als ich schon die ersten Arzttermine alleine – und da war ich auch schon schwerhörig! – absolvieren konnte.)

Zum Sehtest wurde ich von der netten Mitarbeiterin, die mich schon bei der Anmeldung empfing, aufgerufen und das war der schönste Teil während meines einundeinhalbstündigen Aufenthalts in der Ordination. Die Mitarbeiterin tauschte für mich ihre Maske gegen ein Gesichtsschild aus und während des Sehtests musste ich meine Maske unter dem Kinn platzieren (Etwas, was ich noch nie gemacht habe – schaut einfach deppert aus!), damit die Gläser nicht jedes Mal beschlugen.

Nach dem Sehtest musste ich wieder im Warteraum Platz nehmen, aber so weit kam ich nicht. Dieser Raum war mittlerweile zu gut bestückt und ich hielt mich stattdessen im weitläufigen Vorraum auf. Ich rätselte schon, wie die eigentliche Untersuchung beim Augenarzt ablaufen würde. Hatte ich doch in Erinnerung, dass dieser mit seinen Fingern an meinen Augenlidern hoch- und herunterzog. Genau dieses Prozedere entfiel mit einem weiteren Zwischenschritt.

Der Mitarbeiter, der mich bisher bei der Augeninnendruckmessung betreute, bat mich nun in eine Dunkelkammer und ließ meine Augen mit vielen Blitzen fotografieren. Und als ich dann beim Augenarzt war, war eine Plexiglasscheibe zwischen uns beiden und die Untersuchung wurde schon nach einer Minute beendet.

Doch muss ich noch einmal hin.

Ich trage ja auch (harte) Kontaktlinsen und ich bestehe auch auf eine jährliche Kontrolle. Nur kann ich beide nicht in einem Termin unterbringen. Denn beim eigentlichen Augenarzttermin müssen meine Kontaktlinsen mindestens 48 Stunden draußen bleiben und beim Kontrolltermin für die Kontaktlinsen muss ich diese mindestens sechs Stunden in meinen Augen drinnen haben.

Aufgrund meiner Hörbeeinträchtigung lege ich großen Wert darauf, dass auch meine Augen regelmäßig kontrolliert werden. Seit Jahrzehnten weisen meine Augen eine starke Kurzsichtigkeit auf und durch mein anderes Hören leisten meine Augen auch extrem viel Mehrarbeit. Und ich möchte, dass sie es noch viele Jahre gut können.

Und – hat der blaue Anstecker etwas gebracht? Zwar hat ihn nicht jede/r erkannt bzw. gesehen, aber es war eine deutliche Erleichterung und ich denke heute noch mit Wohlwollen an die eine Mitarbeiterin, die sehr aufmerksam reagierte.

Der Anstecker schaut zwar genauso doof aus wie das gelbe Etwas mit den drei schwarzen Punkten, aber nur so können wir dazu beitragen, dass etwas Aufmerksamkeit erregt wird. Und es liegt auch an uns Hörbeeinträchtigte, Eigeninitiative zu setzen und mit wenig möglichst viel erreichen zu können.

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