02.02.2020 – Hannah & Falco in Wien

Ich sitze am Esstisch, habe eine gekühlte Flasche Stiegl vor mir, höre den Sturm tosen, aber um in den „Eye Of The Storm“ zu blicken, ist es mittlerweile zu finster.

Ich hätte Falco gern gefragt, wie er zu seinem Namen gekommen ist. Auch weil er nun in dieser Stadt ist. Aber vielleicht wäre die Frage auch zu persönlich gewesen? Da fällt mir ein, dass ich in der Oberstufe einen Schulkollegen hatte, der Roy heißt. Und mit Vorliebe T-Shirts von lauten, harten Musikgruppen trug. Sein „KoЯn“-Leiberl sehe ich noch heute vor mir. Und ich wage es zu bezweifeln, dass Roy Rogers für seinen Namen Pate stand. Aber ich habe ihn nie danach befragt.

„Musik unterm Radar“ habe ich zu verdanken, dass ich im August 2018 einen Beitrag über Hannah & Falco entdeckte. Ich sah mir das Video zu „Blind For The Moment“ an und war nachher nur noch hin und weg. Und dieser Blog bewirbt so gute Musikanten, die aber noch unerkannt bleiben und ich dachte nie im Traum daran, Hannah & Falco einmal live erleben zu können.

Aber „Blind For The Moment“ erwischte mich so richtig, so dass kurze Zeit später die gleichnamige EP in meine Musiksammlung wanderte.

Es ist der harmonische Gesang, untermalt mit Folk-Musik, der ich sowieso zugetan bin und vor allem die klugen Texte, die Falco Eckhof verfasst hat, diese feine, wohldosierte Mischung kommt bei mir an. Es hört, es fühlt sich alles so stimmig an.

Und dieses „We are too young to give up yet“ ist einfach zeitlos!

Irgendwie blieb ich doch an die Musikanten aus Würzburg dran und so erfuhr ich auch von der Ankündigung ihres Albums „Field Notes“ und dazu eine Tournee im Herbst 2019, wo sogar Wien am 9. November 2019 auf dem Plan stand. Juhuu! Ich kaufte mir im Mai 2019 die Karte für das Konzert im B72 und konnte die Veröffentlichung von „Field Notes“ kaum abwarten. Das Album bestellte ich direkt im Webshop und erhielt es am Tag der offiziellen Veröffentlichung in meinem Briefkasten. Was habe ich mich über die signierte CD und über die kleinen Beigaben gefreut!

Im Oktober 2019 erfuhr ich von der Terminverschiebung des Wien-Konzerts auf den 2. Februar 2020. Mäßig begeistert, weil meine Vorfreude so groß war und der Ersatztermin nun auf einen Sonntag fiel, sah ich dennoch das Ganze mit einem „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!“ positiv entgegen.

In der Zwischenzeit hörte ich mir sehr oft „Field Notes“ an. Die Weiterentwicklung gegenüber der EP „Blind For The Moment“ ist nicht zu überhören. Mit mehr als fünf Liedern hat mensch ja auch mehr Raum für Experimente. Meine Favoriten sind das Titellied, dazu gibt es ein wunderbares Video, das auch wie „Blind For The Moment“ untertitelt ist (Ich mag so etwas!), „Brand New Life“, „Against The World“ und „Over My Head“.

Circa zwei Wochen vor dem geplanten Termin erhielt ich die Nachricht, dass das Konzert wegen schlechtem Vorverkauf endgültig abgesagt wurde. Weil ich meine Karte zum Glück direkt bei öticket erworben hatte, erfuhr ich auch die nächsten Details: Wohnzimmerkonzert in Wien. Wer dabei sein möchte, möge bitte eine Nachricht auf Facebook schreiben.

Wohnzimmerkonzert? Noch nie eines erlebt. Auch fühle ich mich generell unwohl, fremde Wohnungen zu betreten.

Facebook? Haha…

Aber ich wollte mir die Gelegenheit, Hannah & Falco endlich live in Wien zu erleben, nicht entgehen lassen. Nein, die nicht!

So fasste ich mir ein Herz und probierte es oldschool mit einer E-Mail an die bekannte Kontaktadresse aus. Ich erhielt noch am selben Tag eine nette Antwort von Falco, indem er mir zusicherte, dass ich am Tag des Konzerts die genaue Adresse erfahren werde.

Es ist das Los einer Berufstätigen, die es außerdem noch bevorzugt, generell um 8 Uhr ins Büro zu kommen, damit die leidenschaftliche Misanthropin eine Stunde für sich haben kann, bevor die anderen KollegInnen im Laufe des Tages das Haus bevölkern.

Und Sonntagskonzerte nimmt sie nur in Kauf, wenn es wirklich nicht anders geht.

Natürlich machte ich mir meine Gedanken, wo das Wohnzimmerkonzert stattfinden würde.

Am Sonntag, 2. Februar 2020 gegen Mittag erhielt ich das versprochene E-Mail. Es ging in die Landstraße, ich brauchte für eine Strecke eine gute Dreiviertelstunde. (Okay, B72 wäre leiwander gewesen. Aber hey… das Konzert hätte auch gar nicht stattfinden können! Daher ein ganz großes DANKESCHÖN an die Organisatorin!)

Ich fragte mich auch, ob nur Hannah & Falco im Duo auftreten würden oder von ihrer vierköpfigen Band, The Familiar Faces, begleitet werden.

Gegen 19:45 Uhr traf ich an die angegebene Adresse an, ich war innerlich etwas aufgeregt, weil ich mich ein wenig als Eindringling fühlte und mir nun das Erlebnis „Wohnzimmerkonzert“ bevorstand.

Ich fand ein lauschiges Platzerl auf einem Sofa, wo ich auch eine gute Sicht auf die „Bühne“ hatte. Ich stellte fest, dass Hannah und Falco nicht nur im Duo auftreten würden, da ein Schlagzeug nicht zu übersehen war. Erfreulich war auch der Anblick, als Leo Breuer, der Bassist der Familiar Faces, durch das Wohnzimmer schritt.

Kurz nach 20 Uhr nahmen Hannah Weidlich, Falco Eckhof, Juliane Fehn und Leo Breuer Aufstellung und begannen mit „Cowboys & Outlaws“. Natürlich war ich auch gespannt darauf, wie die Akustik sich in einem Wohnzimmer entfalten würde. Aber da wir in einer klassischen Altbauwohnung saßen, das Wohnzimmer mit Sofas und Sitzpolster und doch nicht wenigen Leuten gut bestückt war, herrschte von Beginn an eine entspannte Atmosphäre. Ach ja, die Akustik… überaus angenehm! Nicht viel anders als auf „offiziellen“ Konzerten dieser Größenordnung.

Falcos Ankündigung für das nächste Lied verstand ich sofort: „Field Notes“. Wer sich schon auf den Studioveröffentlichungen von Hannah und Falcos harmonisierendem Duettgesang überzeugen lässt, bekommt live mehr geboten. Da „Field Notes“ zu meinen Lieblingen gehört, genoss ich es, das Lied live zu hören und zu ein paar Zeilen mitzumurmeln.

Weil Hannah & Falco ihre Tournee nach dem Motto „Field Notes“ bestreiten, gab es das nächste Lied aus dem gleichnamigen Album zu hören: „America, The Great“. Zu diesem Lied pflege ich eine ambivalente Beziehung, der Titel kommt mir abgedroschen vor. Aber live wurde ich eines Besseren belehrt… vor allem als Falco zum Schuss den Refrain mehr herauspressen, herausschreien wollte als sang.

Witzig war die Einleitung zu „Inventory“, als Falco das Publikum befragte, wer pfeifen kann. An der Reaktion des aufmerksamen Publikums war zu erkennen, dass der Großteil (mich eingeschlossen) diese Kunst nicht beherrscht. Wie war das? Wenn man die Vögel singen hört…? (Aktuell höre ich wieder den Sturm rauschen und tosen.) „Against The World“ brachte auch wieder Schwung in das Wohnzimmer, mir fielen ein paar Zeilen aus dem Refrain und ich sang ein paar Worte mit: „[…] come on over, get closer/ As close as you can/ I’ll show you the parts of me/ I also am…“ Aus der EP „Blind For The Moment“ trug Falco ein sehnsuchtsvolles „Back Into My Arms“ vor.

„Rules Of Engagement“ ist das Schlusslied auf „Field Notes“, das mir jedes Mal ein unstimmiges Gefühl verleiht. Mir fehlen die richtigen Worte, es näher beschreiben zu können, aber ich kann mich schwer mit diesem Lied anfreunden. Als ich die mir doch vertrauten Takte zu diesem Lied erkannte, hoffte ich, dass das Lied mich vielleicht live überzeugen könnte. (Was manchmal der Fall ist.) Aber es ging nicht mehr als über das beschwingte Mitwippen bei der Musik. Auch konzentrierte ich mich darauf, ob es irgendwo ein Zeichen gab, wann die scheinbare Endlosschleife in Worten von „Rules Of Engagement“ das passende Coda finden würde. Ich fand es nicht.

Hier möchte ich gern erwähnen, dass die halben „Familiar Faces“ Juliane Fehn am Schlagzeug und Leo Breuer am Kontrabass auch genauso viel zum „RoE“-Chor beitrugen. Überhaupt, es war eine Augenweide, Leo bei seiner Profession zu beobachten und wie er mit einer Hingabe – wortwörtlich! – sich seinem Kontrabass widmete. Und ich finde es leiwand, dass Juliane das eher männerdominierende Schlagwerk bediente und sie konnte aus diesem und auch aus einem Xylophon harmonische Klänge hervorzaubern.

Hannah Weidlich hat eine wunderbare, für meine (verkrüppelten) Gehörgänge angenehme Gesangsstimme. Aber sie tut nicht nur singen, oft begleitete sie ihren Herzenspartner Falco auch mit ihren Mundharmonikas und der Gitarre.

Und Falco Eckhof? Allein für die Texte hat er meine vollste Anerkennung und ganz besonders für das Lied „Blind For The Moment“, das sie auch live spielten.

Im Vergleich zur Studioversion mit einem schnelleren, leicht flotten Tempo unterlegt, war ich dennoch genauso, wenn nicht noch mehr, ergriffen.

„[…] It’s flickering, spraying sparks/ Out but still glowing/ This ain’t no closed case/ It’s wide open…“

Wissen Sie, es gibt während den Konzerten bestimmte Momente… nennen wir sie „magisch“ oder auch „kathartisch“. Aber zumindest, dass sie so tief im Inneren, so tief im Kern, wo auch immer, aber ganz tief berühren… eine solche Situation erlebte ich während „Blind For The Moment“ und ich spürte eine unglaubliche Dankbarkeit in mir. Fast 1 ½ Jahre nach der Entdeckung saß ich nun auf einer Couch in einer fremden Wohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk und bekam DAS Lied zu hören.

Das war mehr, als ich wollte.

In mir beseelt lauschte ich nun aus den „Field Notes“ „Call It Courage“ und „Brand New Life“ zu. Aus der EP „Blind For The Moment“ wurden „Under The Radar“ und „Eye Of The Storm“ gespielt, wobei letztere ganz gut zur aktuellen Wetterlage in Wien passte. Der Samstag beglückte uns mit einem abnormal schönen Frühlingstag mit 15 Grad Celsius, um die darauffolgenden Tage recht regnerisch und stürmisch begrüßen zu lassen.

Das „Rain“-Mantra ließ mich etwas dümmlich grinsen, weil ich in der Altbauwohnung den Luftzug durch ein Fenster spüren konnte. (Ich bin in der Hinsicht leider ziemlich anfällig…) Falls Sie auf ein Konzert von Hannah & Falco mit den Familiar Faces gehen wollen, wozu ich Ihnen unbedingst rate, beobachten Sie doch Falco, wie er „Thunder and storm“ in dem oben erwähnten Mantra, besungen von seinen MitmusikerInnen, entgegensingt… nein, sich dem entgegenpresst. Glauben Sie mir, Sie sind selber schuld, wenn Sie eine Gelegenheit verpassen, die MusikerInnen live zu erleben!

Auch ein schönes Konzert hat sein Ende und Hannah, Falco, Juliane und Leo ließen den Abend mit einem bewegenden „Over My Head“ ausklingen.

Ich bin froh, dass der Abend trotz widriger Umstände zustande gekommen ist und ich hoffe, in Zukunft auch wieder etwas von Hannah & Falco mit den Familiar Faces zu hören.

Danke für das Konzert!

Weiterführend:

Offizielle Webseite von Hannah & Falco

https://www.youtube.com/watch?v=ooGq77Nwmbw

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8 Kommentare

  1. Danke für den wunderbaren und sehr ausführlichen Bericht! Es ist immer wieder sehr schön, von neuen jungen Künstlern zu erfahren!

  2. Hallo Sori,

    wie schön, daß es sich mit dem Konzert nun doch noch ausging – und auch noch auf so besondere Weise: Ein Wohnzimmerkonzert ist wohl die intensivste Erfahrung sowohl für die Künstler als auch für das Publikum …

    Danke für diesen funkensprühenden Bericht!
    Ein lieber Mittagsgruß,
    Spike

  3. Ein schöner Text. Ich war noch nie auf einem Wohnzimmerkonzert, das muss wirklich ein tolles Erlebnis sein.
    Da braucht man als Gastgeber bestimmt sehr tolerante Nachbarn. ;-)

    1. ;-)

      Die Wohnung befindet sich in einem sogenannten Mezzanin bzw. Halbstock. Darüber müssten sich auch weitere Wohnungen befinden, aber der direkte Nachbar ist ein Kindergarten und für einen Sonntag Abend war das überhaupt kein Problem. Außerdem war das Konzert schon vor 22 Uhr aus und ich muss in meiner jetzigen Wohnung sogar an den Wochenenden zu frühen Abendstunden den Lärm einer Bohrmaschine hören >:-/

  4. Hannah & Falco klingen wirklich vielversprechend. Generell kann ich mit aktueller Musik kaum etwas anfangen. Die meisten Sachen klingen gleich und ohne viel Herz und Seele. Von daher finde ich es immer wieder schoen, wenn man junge Kuenstler entdeckt, die Talent haben und gute Musik machen.

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