23.01.2020 – Viennese Ladies im Metropol oder Sori’s got the Blues again

2020-01-23_tixEigentlich hatte ich nicht vorgehabt, zu diesem Konzert mehr als nur den obligatorischen Einzeiler in meinem alljährlichen Konzertrückblick zu schreiben. Darüber hinaus… ach ja, was? Dass ich mich wieder für eine durchschnittliche Schreiberin halte? Was soll ich da großartig zum Erlebten schreiben? Warum eine Fortsetzung zum Bericht eines fantastischen Konzerts am 31.01.2019, dass auch dank der selbstlosen Aktion einer Konzertfreundin auf Gesichtsbuch geteilt wurde und somit zu den „erfolgreichsten“ in meinem Blog gehört?

Am Donnerstag Abend war ich also ziemlich entspannt. Kein Druck, etwas schreiben zu müssen, meine letzten drei Beiträge brauchen noch a bisserl Aufmerksamkeit (oder Reichweite), warum soll ich gleich mit dem nächsten kommen? Dieses Abspulen, dieses „Schau-hier-war-ich-und-dort-war-ich“ und das muss der Leser gleich sofort erfahren. Mir ist nicht immer wohl dabei, wenn der Leser sozusagen „just in time“ aus erster Hand erfährt, wo ich mich herumgetrieben habe.

Ich schreibe gern zu meinen besuchten Konzerten, aber ich kann und will auch nicht zu jedem berichten.

Weil mir das Hintergrundwissen fehlt, weil die Suche nach den passenden Worten doch zeitaufwendig und auch kräftezehrend ist und weil ich mir mein bisschen Privatsphäre bewahren möchte.

Und ich will auch aus einem Konzert rausgehen, mit dem Gefühl eines „Wow, das waren weitere drei Stunden, das ich in meinem Leben nicht missen möchte!“ und ohne diesen zwingenden Hintergedanken: Bericht – ja oder nein?

Es gibt Konzerte, bei denen ich vor dem Besuch schon weiß, dass ich darüber berichten werde. Manche Ergüsse sind recht passabel, schlimmer sind die, von denen ich schreiben muss, ich aber nur ein Geschwurbel hinbekomme. Am schlimmsten sind die, von denen Du ausgehst oder Du sogar gefragt wirst, ob darüber einen Bericht geben wird und es kommt nachher nichts. Gar nichts.

Am besten sind natürlich die, bei denen Du von vorne herein eh nicht vorhast, darüber zu schreiben und nachher geben Dir Deine Gedanken erst dann a Ruh, wenn Du den Schreiber zur Hand nimmst und etwas auf Papier bringst.

bshKaum befand ich mich im ehrwürdigen Metropol, musste ich mir eine Brezn zum Krügerl Ottakringer gönnen. Habe ich nicht schon einmal erwähnt, dass im Metropol die best’n Brezn von ganz Wien gibt? Darüber hinaus entschied ich mich, weil doch relativ zeitig angekommen, einen Platz links von der Bühne zu wählen. Auch dieses Mal probierte ich wieder mehrere Sitzplätze aus, bis ich den „idealen“ fand. Etwas abseits gelegen, wenig Publikumsverkehr, trotz Lektüre der aktuellen Ausgabe von „Spektrum Hören“ hätte ich es wissen müssen, dass ich bei einem Konzert in Wien immer auf jemanden treffe, mit dem ich „Small Talk“ führen kann. So auch an diesem Abend. War übrigens sehr nett.

Weil ich das Konzert vom 31.01.2019 noch gut in Erinnerung hatte, begann der Abend dieses Mal auch mit den vier Musikerinnen, die das instrumentale Herzstück bildeten: Philippine Duchateau an den Tasten, Maria Petrova am Schlagwerk, Katie Kern an der Gitarre und Claudia K. Gangl an der Bassgitarre. Eine Neuheit war, dass Claudia K. sich am freistehenden Headset-Mikrofon bediente – was für sie zum Vorteil gereichte, dass sie sich auf der Bühne frei bewegen und gleichzeitig singen konnte. Vielleicht bin ich in der Hinsicht etwas zu eingefahren, aber ich kann mich schlecht an den Anblick von MusikerInnen gewöhnen, wenn an ihren Köpfen Mikrofone wie große Zahnspangen installiert sind und dann bedienen sie gleichzeitig ein Instrument. Ja klar, das ist ja DER Vorteil! Aber ich habe meine restriktive Sicht, dass die MusikerInnen sich vor einem Mikrofonständer zu bewegen haben oder ein Mikrofon in der Hand halten sollen. Vielleicht auch, weil ich eine unerklärliche Abneigung gegenüber Headsets habe? Weil sie qualitativ lange nicht gut genug waren? Dabei hat das Ding bei Claudia K. Gangl recht gut funktioniert, ich konnte ihren Gesang aus der instrumentalen Landschaft heraushören.

Und hier nun ein weiterer Grund, warum ich eigentlich kein Bericht schreiben wollte: Das fehlende Hintergrundwissen.

Jetzt beim Schreiben frage ich mich, wann, wer, wie „Tell Mama“ gesungen hat. War das noch am Anfang? Hat es dann Betty Semper, die erste von den vier Sängerinnen, übernommen oder war es schon Meena Cryle oder alle zusammen?

Nehmen Sie es mir bitte deshalb nicht übel, sollten Sie mich manchmal auf einem Konzert entdecken, wo ich mich bemühe, unauffälligst handschriftliche Notizen zu machen oder auch welche auf meinem mobilen Telefon zu tippen. Von wegen, ich habe ein gutes Gedächtnis…

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Betty Semper bei „At Last“

Vor einem Jahr berichtete ich, dass mich Betty Semper stimmlich eher enttäuscht hatte, so war ich dieses Mal irgendwie darauf gefasst. Zum Glück wurde ich eines Besseren belehrt – ich glaube, das Mikrofon war doch schuld daran – und ich konnte mich endlich von ihrer Gesangskraft verzaubern lassen. Es war auch Betty Semper, die DAS Lied von Etta James mit einer inbrünstigen Hingabe verkörperte: „At Last“.

Meena Cryle… meine Musik ist recht männlich. Die Männer dominieren meine Musiksammlung und meine Konzerte. Vielleicht liegt es an meinem Gehör, dass mich Sängerinnen nicht so sehr begeistern bzw. ich mich nicht so sehr von ihrer Musik beeindrucken lasse. Aber Meena Cryle… die Frau hat Klasse! Eine Bühnenpräsenz! Eine Stimme! Während Meena über die Bühne fegte, sich mit Katie Kern „duellierte“, wusste ich schon, wann ich auf das nächste Konzert von Meena Cryle gehen werde und bereute die versäumten Konzerte der vergangenen neun Jahre. Mir fallen nun nur noch abgedroschene Worte ein, keine passenden, die auf literarisch höchstem Niveau schweben. Deswegen wollte ich auch keinen Bericht schreiben!

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Meena Cryle

Auf den Auftritt von Aminata Seydi freute ich mich auch, habe ich es doch bisher nicht geschafft, sie einmal abseits der Viennese Ladies zu erleben, aber was nicht ist, kann noch werden. Anschließend rechnete ich mit dem Erscheinen von Lady Nr. 4, Kim Cooper. Stattdessen formierten sich alle Musikerinnen auf der Bühne und Niddl gesellte sich zu den anderen Ladies. Claudia K. Gangl sagte etwas von „Kim Cooper“, ich hörte noch ein „We love you!“ von den Ladies. Keine Ahnung, was da los ist.

Ein kraftvolles „Respect Yourself“ erschallte in den Großen Saal, bevor es in die Pause ging. Ich traf eine nette Konzertbekannte und fragte sie sogleich, was mit Kim Cooper sei und ich erfuhr, dass die Sängerin an einer Lungenentzündung laboriere.

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Niddl on stage

Nach der Pause ging es unverändert mit der geballten Ladung an Sangeskraft und musikalischer Energie weitere. Niddl stand den anderen Ladies um nichts nach. Da ich bisher noch nie Stöckelschuhe getragen habe (und es auch nie tun werde), bewunderte ich Niddl, wie sie auf den hohen Absätzen hüpfen konnte, ohne hinzufallen oder zumindest umzuknicken.

Nicht vergessen darf ich die Hornsektion um Martina „Harpina“ Defant, Silke Gert und Daniela Lang. An diesem Abend hinterließen die Harp-Solis bei mir einen bleibenden Eindruck, hatte ich beim letzten Mal doch selektive Erinnerung betrieben?

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Auf dem Foto nicht gut zu sehen, aber elf Ladies herrschen an diesem Abend über das Metropol!

Zum Finale erklang ein zeitloser Klassiker. Das unverkennbare Intro lässt einem durchs Mark und Bein gehen… ich wusste, ich wusste, ich wusste, ich kenne es, ich kenne es, ich kenne es… verdammt, wieso komme ich nicht darauf, um welches Lied es sich handelt?

What would you think if I sang out of tune?
Would you stand up and walk out on me?
Lend me your ears and I’ll sing you a song
And I’ll try not to sing out of key

Wusssschhhhhhh! „Oh, I get by with a little help from my friends“… ich riss meine Arme hoch und der Klassiker löste dann die bisher eher gesittete Stimmung im Metropol in eine gelassenere Weise aus. Zu den Zugaben konnten wir uns von den Sesseln erheben und ich tanzte dem Blues entgegen.

Was mir von diesem Abend bleibt, ist der Gedanke: Den Blues zu haben, aber ihn womöglich „with a little help from my friends“ entgegen zu lachen.

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3 Kommentare

  1. Liebe Sori,

    einmal mehr ein Dankeschön für’s schriftliche mitnehmen und teilhaben lassen an Deinen Konzerterlebnissen. Und ich muß mich wiederholen: Du wirst in Wien mit tollen Stimmen – und überhaupt tollen Musikern/Musikerinnen – verwöhnt … aber das sind eben die Vorteile einer Weltmetropole wie Wien: Da zieht’s die Guten nunmal hin … und auch wenn wie hier mir die Namen leider so gar nichts sagen, so kann ich mir dank Deiner Schilderung gut vorstellen, wie mitreißend die Ladies ihre Songs präsentiert haben …
    Es erinnert mich ein Stück weit an das „Playing for Hope“ Benefizkonzert, zu dem Edo Zanki jedes Jahr in Karlsruhe tolle Stimmen und Musiker aus dem Rhein-Neckar-Raum zusammenrief: Die Namen kennt man fast alle nur hier in der Region, aber die Stimmen sind durch die Bank beeindruckend, einfach hervorragend …

    Und was die Berichte betrifft: Schreibe die Berichte, die unbedingt rauswollen, denn da liefert die Begeisterung fast automatisch die richtigen Worte, und das Schreiben macht Freude, weil man sich und sein Erlebtes einfach mitteilen will – und das kommt dann auch beim Lesen herüber … und manchmal muß das Erlebte auch ein wenig sacken, bevor man es in Worte packen kann – wer das nicht erwarten kann, ist selbst schuld … oder kurz gesagt: Du bist die Chefin hier im Blog, also mach‘ Dein Ding und mach‘ Dir nicht so viele Gedanken … ;)

    Ein lieber Mittagsgruß aus dem Badischen!
    Spike

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