25.12.2019 – Pasch im Museumskeller, Erfurt

pasch_plakatMeine Konzertleidenschaft geht schon so weit, dass ich bei meinen „Heimaturlauben“ in Erfurt oft nachschaue, ob es vor Ort ein paar interessante Konzerte gibt…

Erfurt. Die Stadt, in der ich geboren bin. Jahrelang mein Hauptwohnsitz war. Aber ich wurde dort nie richtig heimisch. (Gotha kam dazwischen, aber ich erspare Ihnen die Einzelheiten.)

Darüber hinaus machte Erfurt auf mich den Eindruck eines kleinen, engstirnigen, provinziellen Großdorfes. Und von allen Landeshauptstädten in den neuen Bundesländern war sie die unbedeutendste, die unscheinbarste.

In meinen ersten Jahren in Österreich bekam ich nach meiner „Woher aus Deutschland?“-„Erfurt.“-Sequenz oft ein neutrales „Aha“ zu hören, das ich auch gern mit „Wo zum Teufel liegt es?“ übersetze. Darüber hinaus sagten auch oft die ratlosen Gesichter mehr als tausend Worte.

Das war Erfurt.

Und irgendwie war ich froh darüber, dieser Stadt zu entkommen.

Doch begann ich bei meinen zwar regelmäßigen, aber immer weniger Besuchen in Erfurt, die fälschlicherweise unter dem Titel „Heimaturlaub“ laufen (Heimat? Wtf? Hören Sie das Lied „Heimat“ von Herrn Grönemeyer, ich halte mich gern an seine Definition!), diese Stadt zu schätzen und sehr zu mögen. Das geht schon seit 16 Jahren so.

Dennoch wäre „Liebe“ sehr übertrieben. Ich liebe Erfurt nicht. Es ist Schicksal, dass Erfurt nie die Chance hatte, mich wirklich zu berühren. Ich war und bin die meiste Zeit meines Lebens immer woanders gewesen. Ich habe nie eine richtige Verbindung zu Erfurt aufbauen können, aber mittlerweile hat sich so etwas wie Achtung, Respekt, Wertschätzung entwickelt.

Doch freue ich mich jedes Mal, nach Erfurt zu kommen, da diese Stadt und damit verbunden der Tapetenwechsel mir immer wieder eine gute Gelegenheit gibt, Energie zu tanken.

Mit den Jahren ist auch ein wenig Stolz dazu gekommen, wie gut sich Erfurt entwickelt hat. Eine sehenswerte Altstadt, die Attraktionen sind alle fußläufig erreichbar und die wunderschöne Krämerbrücke kann uns keiner nehmen! Die Krämerbrücke ist etwas, was mensch sogar lieben kann. Für die andere berühmte Sehenswürdigkeit, der Erfurter Dom, hege ich nicht so viel Begeisterung, da der anschließende Domplatz oft für diverse, sinnentleerte Festivitäten genutzt wird. (Damit meine ich nicht die Domstufen-Festspiele oder den Weihnachtsmarkt!)

Und die wenigen Konzerte, die ich in Erfurt besucht habe, waren alle sehr schön. Zwar kenne ich nicht viele Musiklokale, habe ich doch bisher nur das Duo HsD (Gewerkschaftshaus) und Museumskeller besucht, aber der Museumskeller gehört für mich zu den schönsten Spielstätten.

So schön, dass ich über Ian Parker im September 2012 und Benne im September 2016 berichtete. An diese beiden Konzerte erinnere ich mich immer wieder gern.

Nach acht Jahren war es wieder soweit, dass ich meinen Weihnachtsurlaub bei meinen Eltern in Erfurt verbringen konnte. Und natürlich hoffte ich auf eine passende, konzertante Gelegenheit.

Pasch am 25. Dezember 2019 im Museumskeller.

Noch nie von der Kapelle gehört, aber die Beschreibung las sich interessant an und ich kaufte mir eine Karte.

Wissen Sie? Auch wenn Erfurt sich mittlerweile herausgeputzt hat, pflege ich immer noch meine Vorurteile gegenüber dieser ach so provinziellen Stadt, dessen Einwohnerzahl die 200.000er Marke wieder überschritten hat.

Ich rechnete damit, dass der Museumskeller am Ersten Weihnachtstag keinen so großen Andrang erleben würde. Gegen 19 Uhr verließ ich freiwillig die heimelige Atmosphäre in der elterlichen Wohnung und ging zum Museumskeller. Beim knapp 20minütigen Spaziergang begegnete ich eigentlich nur AnwohnerInnen, die mit ihren HundInnen äußerln führten. (Ach, wir sind in Erfurt: Gassi gehen heißt das!) Erst beim Museum für Thüringer Volkskunde machte sich so etwas wie Leben sichtbar.

Nachdem ich die Stufen zum Keller hinabging, gab ich meine Jacke ab und holte mir mein erstes von vier „großen“ (Gläser mit 0,4-Liter-Fassungsvermögen) Saalfelder und okkupierte so etwas wie meinen Lieblingsplatz an der Bar. Noch war etwas Zeit bis zum Konzertbeginn, ich schätze es sehr, dass ich im Museumskeller eine relativ aktuelle Ausgabe des „SPIEGEL“ zum Lesen hatte.

Erst um halb neun legten die Musiker um Lothar „Lotix“ Wilke, Uwe Poller und Christof Hielscher los. Letzterer wies zwei Gemeinsamkeiten mit mir auf: Gleicher Jahrgang und gleicher Geburtsort. Und sein Gitarrenspiel war zum Niederknien! Es hat mir einfach Spaß gemacht, seinem Können zuzuhören und zuzusehen. Auch mit Hintergrundgesang unterstützte der Schlagzeuger Uwe unübersehbar den Kopf der Band, Lotix. Das Gründungsmitglied beherrschte das Spiel an der Hemmungsorgel („Hammondorgel“ wäre die korrekte Bezeichnung) und seine Stimme erinnerte mich manchmal an Neil Young zu seinen besten Zeiten.

Eine Mischung aus Eigenkompositionen und sehr freien, aber hörenswerten Arrangements von bekannten Liedern füllte das Kellergewölbe mit doch mehr KonzertbesucherInnen, als ich zunächst irrtümlich vermutete. Darüber hinaus wirkte der Keller an diesem Abend zum Glück nicht kalt und vom leicht feucht-modrigen Geruch vernahm ich auch nichts.

Bei Bob Dylans Allzeit-Klassiker „All Along The Watchtower“ wagten sich die ersten Besucherinnen auf die freie Fläche vor der niedrigen Bühne. Und so ging es in den nächsten zwei Stunden, es tauchten immer wieder Leute aus dem Publikum auf, die sich auf die Tanzfläche begaben. Ich blieb beinahe an der Bar picken stehen, doch riss mich die Musik immer mehr mit und ich erkannte unter anderem Jonny Langs „Lie To Me“, so dass es für mich auch bald kein Halten mehr gab. Ich ergab mich in das virtuose Gitarrenspiel von Christof und ich entfernte mich einige Schritte von der Bar, um eher meine Hüften kreisen zu lassen als wirklich gekonnte Tanzschritte auf dem Parkett zu hinterlassen.

Da, wie schon oben erwähnt, die Arrangements sehr kreativ waren, erkannte ich nicht alle Klassiker, doch war der Abend ein musikalisches Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Darüber hinaus freue ich mich auch, dass mich eine echte Thüringer Band live begeistern konnte. Inklusiver zweier „Päuschen“ (O-Ton Lotix) zwischendurch endete das Konzert nach 23 Uhr mit „Light My Fire“.

Beseelt ging ich zurück zur elterlichen Wohnung und hatte das Bild der tanzenden ErfurterInnen vor mir.

Offizielle Webseite der Band: http://www.pasch-band.de/

10 Kommentare

  1. Liebe Grüße von meinem letzten Urlaubstag hier in Thüringen… diesmal leider ohne Abstecher nach Erfurt. Das Wetter war einfach ein tolles Rennsteig-Wanderwetter.

    1. Das ist wunderbar! Ich glaube, Erfurt wird sich dann umso mehr auf Deinen nächsten Besuch freuen.

      Alles Gute für 2020 und liebe Grüße aus Wien!

  2. Frohes Neues Jahr, liebe Sori!

    Ich wünsch Dir für 2020 viele solche musikalischen Glücksgriffe, kleine feine Konzerte, aber auch wieder die großen, erhebenden musikalischen Höhenflüge mit Bruce und anderen unserer Helden … Musik für Bauch und Beine, aber auch für Heart & Soul … viel Treibstoff für die Seelenakkus, schöne Begegnungen, Berührendes und Beseelendes …

    … und auch ich hatte bei meinem letzten Heimspiel im Jubez KA am 20.12. „Light my Fire“ im Set mit einem ewig langen dampfenden Schweineorgelsolo, wie das Instrument bei Paule Popstar & The Burning Elephants tituliert wird …

    Alles Gute für 2020 wünscht Dir
    der olle Spike!

  3. Heu! Da warste ja bei einem absoluten Urgestein. Lotx war der Organist bei Jürgen Kerth in den 70ern. Sein Spiel fiel damals schon auf – und manchmal mehr als Jürgen selbst, weshalb es wohl zur Trennung kam.
    All the best für 2020.

    1. Und Jürgen Kerth hat am darauffolgenden Abend im Museumskeller gespielt. Ich bin aber nicht hingegangen, weil ich Herrn Kerth schon im April 2015 erlebt habe.
      Aber Lotix hat mich definitiv mehr beeindruckt als der Bluesgitarrist.

      Dir auch alles Gute für 2020 und liebe Grüße!

      1. So, jetzt funktioniert der Link. Das „www“ in der Adresse hat zu Irritationen geführt und zum Glück konnte ich diesen Beitrag in der Zeitleiste Deines Blogs finden.

        Ganz bildhaft beschrieben und ja, es gibt viele begnadete Gitarristen, die bei weitem nicht so gut singen können.

      2. Hui. Danke. Hatte das www-Problem vor einiger Zeit in einem anderen Blog genau andersrum: Ohne www war nichts zu finden. Versteh einer diese IT-Nerds.

      3. Meines Wissens wird das www in Seiten, in der „wordpress“ steckt, nicht benötigt.
        Darüber hinaus stelle ich auch fest, dass seit ein paar Jahren das www bei den geläufigsten Webseiten gar nicht mehr vorkommt. Heutzutage geben die jüngeren Generationen die Adresse einer Webseite auch nicht mehr in die vorgegebene Zeile ein, sondern sie tippen irgendein Schlagwort und den Rest erledigt Chrome bzw. das große G.

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