Seit Mitternacht kennt meine kleine Musikanlage keine andere CD als die „artmann“. Die Scheibe erstand ich schon am heurigen Ostersonntag, aber erst in der Nacht vom 7. auf den 8. September 2019 befreite ich sie von der Einschweißfolie.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! H.C. Artmann taucht immer wieder auf den einzelnen Alben von Willi Resetarits & Stubnblues auf, darüber hinaus schätze ich „Die Bucht von Wien“ von Hansi Lang selig und nach sieben Jahren erinnere ich mich immer noch sehr gern an den Auftritt von Willi R. mit Sabina Hank beim Volksstimmefest, als sie gemeinsam mit Alex Meik und Herbert Berger die „Abendlieder“ zum Besten gaben. Dort hörte ich „aum eaxtn is s ma r one dia“, was zunächst einmalig blieb. Der wahre H.C. ist überall und weil ich die meisten Lieder schon seit zehn Jahren kenne und auch sehr gerne höre, fehlte mir doch bisher der Antrieb, mir das Jahreszeiten-Werk anzuhören.

Die Kapelle sah ich das letzte Mal am 1. September 2017 auf der Tschauner Bühne. Inzwischen sind zwei Jahre und ein paar Tage ans Land gegangen und ich glaubte, auf ein Déjà-vu zuzusteuern: Nachdem ich wieder einen einsamen freien Platz in der fünften Reihe Mitte entdeckte, kaufte ich mir eine Karte. (Bewusst!) Außerdem war der 7. September 2019 vom Wetter her fast genauso wie der 1. September 2017, aber erfreulicherweise beschenkte mich der Rest mit neuen, schönen und bleibenden Eindrücken.

Das begann schon beim gemeinsamen Vorglühen mit der lieben Konzertfreundin P. aus München. Unweit von der Tschauner Bühne fühlten wir uns in einem Breitenseer Wirtshaus wohl und es fiel uns sehr schwer, wieder in den strömenden Regen hinauszugehen. Wir spekulierten darauf, ob wir „regn“ zu hören bekommen würden.

In der Spielstätte angekommen, holte ich mir einen Schwechater Zwickl – obwohl die Tschauner Bühne sich im Bierbezirk Ottakring befindet! – und wir begaben uns auf unsere Plätze. Unterm Dach zu sitzen, fühlte es nicht mehr so kalt an und ich war froh darüber, bei der Auswahl meiner Kleidung auch an die Schisocken gedacht zu haben und ich brauchte für die nächsten zweieinhalb Stunden nicht zu frieren.

Kurz nach 19 Uhr betraten Christian Wegscheider (Keyboard, Ziehharmonika), Chris Haitzmann (Flügelhorn, Trompete), Herbert Berger (Klarinette, Querflöte, Saxophon), Peter „Gasteina Peda“ Angerer (Schlagwerk), Klaus Kircher (Bassgitarre, Kontrabass) und Stefan Schubert (Gitarren) die Bühne. Nun erschien Wilhelm Resetarits und kündigte an, dass der erste Teil des Konzerts H.C. Artmann gewidmet ist. Durch die vier Jahreszeiten, fangen wir mit dem „früjoa“ an, stimmten wir uns auf „da r abrüü“ ein. Bevor das nächste Frühlingslied erklang, machte uns Willi mit dem Poeten bekannt, der sich liebeskrank nach dem Mädchen seiner Träume verzehrt. Ich ahnte hoffnungsvoll, welches Lied kommen würde und freute mich so sehr über die Bestätigung meiner Vorahnung: „aum eaxtn is s ma r one dia“. Endlich!

Trotz des ungemütlichen Septemberwetters kamen wir mit „wos e aum schdaahof darad“ und „sozbeag und galizzebeag“ durch den „suma“. Zum Lachen brachte uns Willi, als er erwähnte, dass er von fünf Salzburgern umgeben ist und diese auf die Wiener Berge „herabschauen“. Aber wir stehen zu unseren Wiener Bergen!

Im „heabst“ erklang das „liad – da r ochtadreiska“, das zu meinen Lieblingen gehört, und es hätte nicht besser sein können, als nach „a jeda hod/ sein eigan glaung“ das Martinshorn von einem vorbeifahrenden Einsatzwagen zu hören war. Bevor der „winta“ anbricht, schwebten wir mit „fliang [liad – a glans mal]“ davon. Wilhelm zeichnete uns ein Bild vom verlassenen Prater im Winter und nun erklangen „brodaschbiaglgalarii“ und „winta“, bevor es in die Pause ging. Ohne nicht vorher Werbung zu machen, weil „Weihnachten vor der Tür steht“ (O-Ton Stefan Sch.) und „wir auch Weihnachtsgeschenke kaufen wollen“ (O-Ton Willi R.), wurde ganz dezent auf den Verkaufsstand hingewiesen, den die sympathisch-herzliche Roswitha H. seit Jahren mit unermüdlicher Tatkraft betreut.

Nach der Pause ging es mit einem Lied von Verena Göltl weiter, „I hob mei Kopf valoan“ und bevor Willi R. zu seinem Lieblingsinstrument, der Ukulele, griff, schritt Kapellmeister Stefan Sch. beherzt ein und wies ihn auf die exakte Abfolge der Liederliste hin. Wieder ganz brav, kündigte Willi R. an, dass der Herr Kapellmeister nun ein Lied aus seiner Feder vortragen würde und bei den ersten Klängen war ich mir noch nicht sicher, weil live schon sehr lange nicht mehr gehört und nun mit einem leicht veränderten Arrangement intonierte Stefan Schubert „Zum letztn Mal“.

Heazz!!! Und dann die Sprechgesang-Einlage vom „Gasteina Peda“!

No amoi Heazz!

Nun durfte Willi R. mit seiner Ukulele drankommen! Mir scheint es, dass „niemois soisd“ zu Wilhelm Resetarits‘ persönlichen Lieblingsliedern gehört – oder das von John Martyns „May You Never“? Das nächste Lied erkannte ich, weil es zum festen Repertoire der Stubnblues-Konzerte gehört, aber ich musste noch eine Nacht darüber schlafen, bis ich darauf kam, dass es sich um „wiara wü“ handelte.

Mit den mahnenden Worten „Nationalismus erzeugt Krieg!“ stimmte uns Wilhelm Resetarits auf „Lipo ti je cuti“ ein. Es erzählt die Geschichte von einer Mutter, die vergeblich auf die Rückkehr ihres Sohnes aus dem Krieg wartet. Mit dem kroatischen Volkslied bewies die gesamte Kapelle ihre Stimmkraft, indem sie es „a cappella“ vortrug.

Lockerer ging es dann mit „mei schlof“ zu (Auch aus der Feder von Verena Göltl!) und beim „Floridsdorfer Bahnhof“ endete der zweite Teil des Konzerts. Ich spürte ein leises Bedauern, da mich dieses Lied immer wieder aufs Neue begeisterte und ich in Hochstimmung war.

Aber noch war es nicht vorbei: Kein Stubnblues-Konzert ohne das wunderschöne „alanech fia dii“ von Herrn Artmann und der Großteil des Publikums nahm „I standat auf“ beim Wort. Es war – um es mit einem Wort zu beschreiben – bewegend!

Die Spielfreude der einzelnen Musikanten war wieder anzusehen, der eine oder andere konzentrierte Blick gehörte dazu und mit einem bestens aufgelegten Willi Resetarits bekamen wir – trotz der eher ungemütlichen Temperaturen – ein herzerwärmendes Konzert geboten.

Mit dem obligatorischen „Oral jesam“, einem weiteren burgenländisch-kroatischen Volkslied, ging ein wunderschöner Konzertabend zu Ende.

Der Abend wird mir lange in Erinnerung bleiben!

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