Madman drummers bummers and Indians in the summer with a teenage diplomat
In the dumps with the mumps as the adolescent pumps his way into his hat
With a boulder on my shoulder, feelin‘ kinda older I tripped the merry-go-round
With this very unpleasing sneezing and wheezing the calliope crashed to the ground

(Bruce Springsteen, „Blinded By The Light“)

So fängt alles an. Die ersten Zeilen vom ersten Lied auf der ersten Platte.

Innerhalb der letzten 12 Monate drei Mal ein Kino aufsuchen – das grenzt bei mir nahezu an ein cineastisches „Overkill“. Aber der Film war es wert!

Basierend auf der Autobiographie „Greetings From Bury Park“ von Sarfraz Manzoor erzählt der Film die Geschichte von Javed, der in der englischen Kleinstadt Luton lebt. Wir schreiben das Jahr 1987, die Ära ist geprägt von Thatcher, Rezession und Fremdenfeindlichkeit. Javed besucht eine höhere Schule und träumt davon, Schriftsteller zu werden. Sein Vater dagegen möchte, dass der Sohn etwas Gescheites lernen soll. Schließlich ist er aus Pakistan emigriert, damit seine Kinder es besser haben sollen. Die Begegnung mit Bruce Springsteens Musik soll Javeds Leben für immer verändern.

Wenige Monate vor dem Filmstart erfuhr ich von dieser Produktion und ich hoffte inständig, in einem Kino den Film in Originalfassung mit deutschen Untertiteln zu sehen. Weil, sonst ist das Erlebnis „Kino“ für mich nicht vollständig machbar. Ich spekulierte auf mein Lieblingskino, sofern das eines ist. Das Votivkino im neunten Bezirk. Ein Blick auf ihre Webseite genügte und ich wusste, dass ich mir dort den Film ansehen konnte.

Wann? Ja, wann? Um eine mögliche Begleitung kümmerte ich mich nicht. Ich habe es mir mittlerweile angewöhnt, Kinofilme auch alleine anzusehen. Da brauche ich keine Kompromisse einzugehen.

Also, wann? Ich tat nun etwas, was ich bisher noch nie getan hatte. Einen Kinofilm am ersten offiziellen Tag ansehen. So entschied ich mich für den 22. August 2019.

Gleich zu Beginn des Filmes wurde eines der wichtigsten Zitate aus „Badlands“ eingeblendet. (Nicht der Untertitel meines Blogs, sondern ein anderer, genauso essentieller!) Ich konnte ein Jauchzen nicht unterdrücken und von da an war es mir in den nächsten zwei Stunden total wurscht, was die anderen KinobesucherInnen von mir dachten.

Anfangs verlief der Film noch etwas zäh, he, ich mag zwar „(I Just) Died In Your Arms“, aber wer kennt heute noch Cutting Crew? Als Javed die Musik von Bruce Springsteen zum ersten Mal hörte und somit metaphorisch vom Licht geblendet wurde, flutschte dann die Handlung wie ein stetig fließender Wasserlauf bis zum Schluss.

Regisseurin Gurinder Chadha ist es gelungen, die Erweckung visuell so eindrucksvoll umzusetzen… schöner hätte mensch die Erstbegegnung nicht beschreiben können.

Ich riss zwar meine Arme nicht hoch, konnte oft ein lautes Mitsingen verhindern, aber still sitzen, wenn die Lieder von Bruce Springsteen erklangen? Nein!

Die Lieder von Bruce Springsteen geben die nötige Kraft, damit Javed seine Phase von einem unscheinbaren Jugendlichen zu einem mutigen jungen Erwachsenen meistern kann. Den Neonazis die Stirn bieten, die langjährige Freundschaft zu seinem Jugendfreund erhalten, sich zum Mädchen seiner Träume zu bekennen, den Vater zu überzeugen, dass er sich zum Schriftsteller berufen fühlt.

Teilweise vom 1980er-Jahre-Kitsch überzogen war es insgesamt ein unterhaltsamer Film, der nicht sehr viele Ansprüche stellte. Springsteen-Fans werden natürlich ihre große Freude daran haben, weil sie dort und hier Parallelen erkennen. Und auch über die eine oder andere Szene schmunzeln.

Viveik Kalra spielte Javed, der mir von Anfang an sympathisch war und ich verstand ihn, fühlte mit ihm, auch wenn wir beide auf den ersten Blick nicht vieles gemeinsam haben:

Trotz „Nebraska“-Jahrgang bin ich ein Kind der 1990er Jahre. Auch hatte ich in der Schule, geschweige denn im Internat, niemanden, der mich zu Springsteen brachte oder mit dem ich meine Leidenschaft für ihn teilen konnte.

Die Konflikte, die ich mit meinen Eltern austrug, waren nicht so schwerwiegend und wenn… dann ging es gänzlich um andere Themen, wobei ich mir aber jetzt den Kopf zurechtrücken muss, weil meine Eltern auch von der Arbeitslosigkeit betroffen waren. Dass es ihnen zeitweise finanziell nicht gut ging. Und ich bin ihnen nach wie vor dankbar, dass sie mir meine damals knospende Leidenschaft für Musik nie verboten haben, sich mir nie in den Weg gestellt haben.

Wie oben erwähnt, sah ich mir den Film in der Fassung „OmU“ an. Aber sobald Javed und seine MitstreiterInnen ein paar Zeilen aus dem Springsteen’schen Liederfundus zitierten, wurden diese NICHT untertitelt. Für mich als Andershörende war das immer wieder eine spannende Herausforderung, das gehörte Zitat zu verarbeiten und weiterzudenken.

Meine größte Parallele in diesem Film erkannte ich in der Sehnsucht nach dem Ausbrechen, nach dem Weglaufen. Javed will raus aus Luton und in die große Welt. Damals wollte ich raus aus Erfurt. Ich konnte es mir absolut nicht vorstellen, dort alt zu werden. Wien war auch nicht geplant, aber ich bin aus Erfurt weggekommen. Nach wie vor fahre ich gern zu Besuch in diese Stadt, aber ich habe die Entscheidung, aus Erfurt wegzugehen, nie bereut.

Der Film endet gut. Dennoch konnte ich ein paar Tränen nicht unterdrücken, als Javed seine emotionale Abschlussrede hielt und Bruce Springsteens Gabe hervorhob, uns in seinen Liedern immer wieder zu ermutigen, nicht den Glauben zu verlieren und unsere Träume zu verwirklichen.

Eben „Talk about a dream, try to make it real“.

(Ach ja, der Soundtrack wird gekauft. Schon allein wegen der fantastischen Live-Version von „The Promised Land“ und dem Harry-Potter-Lied „I’ll Stand By You“, das mir im Abspann einen ordentlichen Ohrwurm bescherte.)

Lesenswerter Artikel auf fm4.orf.at