09.08.2019 – Little Steven & the Disciples of Soul im HsD (Gewerkschaftshaus), Erfurt

2019-08-09_tixIn mir wohnen, ach, zwei Seelen in meiner Brust, wenn ich an das Konzert zurückdenke:

„OIDA!“ fühlt die leidenschaftliche Wahlwienerin.

„GEIL!“ erlaubt die in Erfurt geborene Piefkinesin zu kommentieren.

Falls Sie sich über meine innere Zerrissenheit sorgen, ich kann Ihnen versichern: Es hat sich mehr als gelohnt, für dieses Konzert nach Erfurt zu fahren! (Kenner wissen eh, dass Little Steven & the Disciples of Soul am 2. September 2019 die Wiener Arena beehren werden.)

März 2019:

„Summer Of Sorcery“ war noch nicht draußen, schon wurden die weiteren Termine der Europatournee 2019 bekannt gegeben und ich kam aus dem Staunen nicht heraus, dass Little Steven & the Disciples of Soul sogar ein Konzert in Erfurt spielen werden. Erfurt! Ich rechnete mit jeder Stadt, aber Erfurt? Niemals! Die Landeshauptstadt Thüringens gehört nicht zu den attraktivsten Spielorten, obwohl sie doch ein paar interessante Veranstaltungsstätten in ihrem Portfolio hat.

Doch jetzt erst recht wollte ich Little Steven & the Disciples of Soul in der Stadt sehen, in der ich auf die Welt gekommen bin. Auch gibt es mittlerweile eine direkte Zugverbindung zwischen Wien und Erfurt – etwas, worauf ich seit fast 16 Jahren gewartet habe! Außerdem ist die Erreichbarkeit zwischen dem Fünf-Sterne-Quartier in Form der elterlichen Wohnung und dem Gewerkschaftshaus praktisch (ca. 15 Minuten zu Fuß) und so stand einem (dieses Mal) Kurzaufenthalt in Erfurt nichts mehr im Wege.

Darüber hinaus hatte ich noch einen weiteren sehr guten Grund für den (sprachlichen) Grenzübertritt: Das Wiedersehen mit Spike! Nach unserer Erstbegegnung anlässlich des Steinbäcker-Konzerts in München hielten wir ein baldiges Wiedersehen für unwahrscheinlich und heute habe ich ein breites Grinsen im Gesicht, wenn ich daran denke, dass ich Spike sogar noch heuer (!) ein weiteres Mal wiedersehen werde.

Sowohl Spike als auch ich haben Little Steven & the Disciples of Soul im Rahmen ihrer „Soulfire“-Tournee erlebt, wobei Spike mit dem Stuttgarter „Wizemann“ sicher die bessere Wahl hinsichtlich Spielstätte hatte als ich mit der Wiener Staatsoper. Aber abgesehen davon, hatten wir beide das Bedürfnis, die unglaublich fantastische Kapelle live wieder erleben zu wollen. Und was gibt es Schöneres, als zu einem Konzert in einer sehr netten und sehenswerten Stadt zu fahren und das Wiedersehen mit einer (scheinbar angenehmen) Konzertfreundin zu feiern. ;-) (Der Zwinker ist für Dich, Spike!)

Mai 2019:

In einer eher untypischen Frühlingsstimmung (kalt und verregnet) erreichte mich „Summer Of Sorcery“. Anfangs schreckte mich noch der teilweise überladene Klang ab, doch entdeckte ich sehr bald die Intensität des Titelliedes, welches das Album abschloss. Ich gewöhnte mich nach und nach an die anderen Nummern und nach mehrmaligem Hören war ich mir sehr sicher, dass sie für ein Live-Konzert geradezu prädestiniert sind. Ich ließ mich in den darauffolgenden Wochen sehr gern von „Party Mambo!“, „Vortex“, „Gravity“ und „Superfly Terraplane“ beschallen, um mich anschließend von „Summer Of Sorcery“ verzaubern zu lassen.

Aus Wochen wurden Monate und ich weiß nicht mehr, wann ich zum letzten Mal in der ersten Jahreshälfte so viele musikalische Neuerscheinungen erworben hatte. Und dann erfüllen sie nicht einmal meine Erwartungen. Aber da ist „Summer Of Sorcery“… ein Versprechen, dessen Erfüllung sich schon beim Durchhören der CD findet und Lust auf mehr macht.

Und zwar: LIVE!

Dieses „I want to get lost/ In your festival/ Of unlimited possibility/ I want to be transformed/By your Summer of Sorcery“ wurde zu meinem frühsommerlichen Motto, nachdem mein heuriges Frühjahr sich doch als überwiegend durchwachsen gestaltete… ich ließ es zu… ich wollte es… ich wollte in dieses „Summer Of Sorcery“ eintauchen… so. Richtig. Eintauchen. Und mich darin versinken. (Holt mich bloß da nicht raus!)

9. August 2019:

Nun war es soweit! Am frühen Abend feierten Spike und ich Wiedersehen und wir suchten ein nettes Lokal auf, das ich die letzten 19 (!) Jahre nur vom Linienbus-Vorbeifahren kannte. Nach sehr gutem Speis & Trank hatten wir es nicht mehr weit bis zum Gewerkschaftshaus und ich freute mich sehr über die Begegnung mit „Ain’t-a-beauty“ aus dem Forum… he, ich freue mich immer noch! (Schade, dass wir nicht mehr Zeit zum Plaudern hatten, aber ein Wiedersehen mit Berlin wäre schon fällig!)

Kurz nach 20 Uhr eröffneten die Seelenjünger das Konzert. Mit Sonnenschirmen tänzelten die Sängerinnen Sara Devine, Tania Jones und Jessica Wagner auf der Bühne und unterstrichen somit das Motto des Abends: „Summer Of Sorcery“. (Ich kann es nicht oft genug wiederholen.

Wie denn auch, ich höre das Lied in Endlosschleife.)

Somebody open up the door
Well yeah I’m back to rock some more
If you’re a little on the shy side
Don’t worry girl I’ve got the cure

(Steven Van Zandt, „Communion“)

Mit diesen ersten Zeilen aus dem Eröffnungslied schwor uns Little Steven auf den Abend ein. Nein, ich brauchte mir keine Sorgen zu machen. Er wird das passende Rezept für die musikalische Medizin bereithalten. Doctor Bandana himself. Schon in den ersten Minuten wurde uns klar, mit welcher Intensität die Disciples of Soul uns durch den Abend tragen würden. Mit der verschriebenen Dosis „Maximum Rock and Soul!“ versetzte uns die Kapelle in einen magischen Zustand, der in mir immer noch nachwirkt.

Schon das nächste Lied, „Camouflage Of Righteousness“, ließ uns in Erinnerung rufen, dass Steven Van Zandt ein äußerst politischer Mensch ist. Und wir wären nicht auf einem Konzert von Little Steven, wenn er das Publikum nicht immer wieder auf die aktuellen Zustände aufmerksam macht. Dazu braucht er keine großen Reden, stattdessen sollte man seine Texte aufmerksam lesen.

Mit „Party Mambo!“, „Love Again“ und „Education“ feierten wir DEN magischen Sommer 2019, bevor Steven Van Zandt mit seinem Tastenmann Lowell „Banana” Levinger eine kleine Zeitreise unternahm, als dieser mit den „Youngbloods“ das „On Sir Francis Drake“ vertonte.

Nach „I Visit The Blues“ ließ ich mich (aber nicht nur ich) von „Gravity“ reißen, bevor wir zum Klassiker „Los Desaparecidos“ und den für Southside Johnny geschriebenen Nummern „Little Girl So Fine“, „Trapped Again“ und „Love On The Wrong Side Of Town“ weiter mitschwangen.

Getreu dem Motto „Summer Of Sorcery“, verzauberten uns Little Steven und seine unglaublichen Disciples of Soul mit weiteren Liedern aus dem aktuellen Album: „A World Of Our Own“, „Suddenly You“ und „Vortex“.

Wie kann ich das in Worte fassen?

Die Bläsersektion rund um Eddie Manion, Stan Harrison, Clark Gayton, Ravi Best und Ron Tooley. Der Percussionist Anthony Almonte, die oben erwähnten Sängerinnen und – gern vergessen, aber essentiell für das Grundgerüst: Rich Mercurio am Schlagwerk, Jack Daley an der Bassgitarre und Andy Burton an der Orgel. Marc Ribler, Gitarrist und Kapellmeister, musste leider wegen einem Trauerfall in die Staaten zurückfliegen, dafür sprang Ira Siegel ein, der seine Herausforderung mit Bravour meisterte. Die offensichtlichen Stars der Kombo sind in meinen Augen und Ohren der Percussionist und die Sängerinnen. Sie waren unglaublich! Ich habe den leisen Verdacht, dass Anthony Almonte die Rolle des heimlichen Kapellmeisters beherrschte.

Nach „I Am A Patriot“ bekam ich eines meiner liebsten Lieder aus dem aktuellen Album zu hören: „Superfly Terraplane“. Es rockt einfach und es hat Spaß gemacht, mehrmals taktgenau das „HEY!“ mitzurufen. Auf Zugabenkurs steuerten Little Steven & the Disciples of Soul mit den Klassikern „Bitter Fruit“ und „Forever“.

Nach einer kurzen Verabschiedung kehrte die unglaubliche Truppe wieder zurück und es wurde erst einmal Luft geholt. Nun bekam ich DAS Lied:

„Summer Of Sorcery“

Ohne pathetisch sein zu wollen, aber es lässt sich nicht vermeiden: Das Lied hat so berührt, Steven hat so berührt, dass ich beim Mitmurmeln des Refrains ein paar Tränen verdrücken musste. Ich hatte ihn wieder. Diesen einzigartigen Moment. Der tief ins Innere dringt. Erlebe ich nicht bei jedem Konzert.

Wir feierten zu „Soul Power Twist“ ab und „Sun City“ war ein weiterer Höhepunkt zum Abschluss, bevor Little Steven & the Disciples of Soul das fantastische Konzert mit „Out Of The Darkness“ beendeten.

Zweieinhalb Stunden lang bekamen wir eine geballte Ladung an Energie, Kraft, Stimmung geboten. Und dann gehst Du raus und denkst Dir ein „Wow! Wo nehmen sie das nur her?“ Aber das Publikum im Erfurter Gewerkschaftshaus war auch klass‘ und hat auch sehr viel gegeben, sehr viel dazu beigetragen, dass der Konzertabend einfach nur fantastisch war.

Sehne ich mich nach einem weiteren Konzert von Bruce Springsteen? Ja, schon. Aber ich bin unglaublich dankbar für diese wunderbare Gelegenheit, einen weiteren E-Streeter „solo“ zu erleben. Nach Nils Lofgren am 14. September 2006 in der selben Spielstätte (!) gehört dieses Konzert von Little Steven & the Disciples of Soul zu den besten in meinem Konzertleben. Definitiv!

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14 Kommentare

  1. Sehr schöne Konzert-Besprechung! Von Little Steven & The Disciples Of Soul kenne ich nur das Album „Men Without Women“. Der Mann hat natürlich hervorragende Leute in der Band. Handgemachter Pop/Rock ganz im Stil von „The Boss“ mit Blues und Jazz Einflüssen.

    1. „Men Without Women“ kenne ich dagegen nicht, seine Frühwerke habe ich nur auf einer „Greatest Hits“ – aber das aktuelle Album hat kaum Springsteen-Einflüsse (höchstens in „Summer of Sorcery“), sondern mehr Blues im Stil der 1960er Jahre. Und es groovt einfach…

      1. Ich habe „Soulfire“ aufgelegt. Hört sich teilweise nach dem „Wall Of Sound“ von Phil Spector an, auf jeden Fall ein schönes Album mit Elementen aus Rock und Soul.

      2. Stimmt genau, Hotfox: Dieser Wall of Sound war regelrecht physisch zu spüren in der kleinen Halle … ein wahrer Klangrausch wurde von den 15 Leuten auf der Bühne entfacht!

  2. Das klingt nach viel Freu(n)de in Deiner Heimatstadt und einer meiner Lieblingsstädte. Ich freu mich für Euch beide, Sori und Spike, dass ihr es wieder geschafft habt und dazu auch vom Konzert nicht enttäuscht ward! Ich winke Euch herzlich zu! Liebe Grüße, Birgit

  3. Liebe Sori,

    toll, wie Du die Energie dieses grandiosen Konzertabends in Worte gefaßt hast … !
    Da gibt’s kaum noch was hinzuzufügen, außer daß Freitag abend wirklich alles gestimmt hat … die kleine Location, Stevie und die Disciples in Bestform und die nicht scheinbar, sondern absolut angenehme Gesellschaft, in der so ein Konzert einfach nochmal weit mehr Spaß macht, weil man das Erlebnis im selben Moment schon mit Freunden teilt …

    Danke für’s festhalten dieser schönen Erinnerungen in Text und Bildern …

    Ein lieber Abendgruß vom Rand des Schwarzwalds!
    Spike

    1. Weil mein Bericht schon zu lang geworden ist, möchte ich hier loswerden, dass ich es auch genossen habe, im strömenden Regen mit Dir in Richtung unserer Quartiere zu gehen.

      Ganz liebe Grüße aus Wien schicke ich Dir!

      1. Eure Euphorie ist ja dermaßen mitreißend, dass ich jetzt ein paar Tourvideos auf YouTube geguckt habe…
        Freut mich für euch, dass es so ein super Abend war!
        Liebe Grüße & gute Nacht aus München,
        Natascha

      2. Hat es geregnet? Ich war eindeutig noch beseelt und high vom gerade Erlebten und habe einfach die Momente genossen, mit Dir weiter vom Konzert zu schwärmen … okay, zum Ausstopfen der nassen Turnschuhe ging dann im Quartier ne halbe Rolle Klopapier drauf und am Morgen fönte ich das noch nasse T-Shirt – könnte also doch was dran sein … *lach*

  4. Danke für deinen schönen Bericht!

    Stevie eignet immer das Lied seiner Frau Maureen zu und für mich handelt das Lied von ihrer Liebe, deshalb singt er auch mit solcher Leidenschaft.

    Wenn ich versuche das Text zu interpretieren scheint es mehrdeutig zu sein. Es geht um einen Sommer der Zauberei als sie sich verliebten, den du so schön beschreibst (indem du eintauchen möchtest) aber auch um eine körperliche Liebe:
    “I want to get lost in your festival, of unlimited possibility, I want to be transformed , by your summer of sorcery”
    d.h. the festival könnte Maureens Körper sein und sie liebten sich während „the Summer of Sorcery“

    Ich hoffe, ich habe das Lied jetzt nicht für dich zerstört 😳

    1. Liebe Anna, danke für Deinen Kommentar!
      Ich habe auch irgendwo gelesen, dass Steven „Summer Of Sorcery“ seiner Frau gewidmet hat und ich finde, er hat dafür sehr gute Metapher verwendet.
      Nein, zerstört hast Du das Lied nicht ;-) es ist oft so, dass jede/r Hörer/in das Lied anders empfindet und dafür eine eigene Interpretation, eine eigene Bedeutung erschafft.

  5. Hört sich nach einem Klasse Konzert an!

    Little Steven ist zwar vielleicht nicht der beste Sänger, aber seine Stücke machen einfach Spaß, und die Disciples Of Soul sind eine irre Liveband.

    Ich selber hatte Gelegenheit Little Steven und die Band während der Soulfire Tour zu sehen – eine Klasse Show!

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