Rückblick: 02.07.2009 – Bruce Springsteen and the E Street Band in München

2009-07-02Unlängst wurde ich gefragt, ob ich wisse, was mein allererstes Konzert war. (Ja, das weiß ich.)

Und an mein erstes Konzert von Bruce Springsteen erinnere ich mich auch noch gut.

Wie es bei den ersten Malen ist, fristet doch das zweite Mal eher ein Schattendasein, wenn auf ihn viele weitere Male folgen.

Es ist die Rede von meinem zweiten Bruce-Springsteen-Konzert. Von der ich mit hundertprozentiger Sicherheit weiß, wann und wo es geschah. Bezüglich meiner zweiten Springsteen-CD (nach der „Greatest Hits“) tun sich bei mir Erinnerungslücken auf, aber ich glaube, es handelt sich um die „Lucky Town“. Warum dieses Album und nicht „Born In The U.S.A.“ oder „Born To Run“? Vielleicht lag es am sympathischen Cover oder am Preis. Keine Ahnung.

Zurück zum Thema: Im Jänner 2009 glaubte ich noch wenige Tage, dass Wien am 5. Juli 2009 mein zweites Springsteen-Konzert sein würde. Doch Thomas, mit dem ich seit über einem halben Jahr eine rege Musiktauschfreundschaft per Post pflegte, wollte die Gelegenheit zu einem persönlichen Kennenlernen nutzen und kaufte für das Konzert am 2. Juli 2009 Karten, wobei er auch an mich dachte.

Als Thomas mich mit dieser Neuigkeit überraschte und mir auch versicherte, dass er sich um das Fahren kümmern würde, schwankte ich zwischen Euphorie (Ein weiteres Springsteen-Konzert!) und Unsicherheit (Die Kollegin mit den 50 Tagen Resturlaub und jedes Mal auf beleidigt tut, wenn ich sie frage, ob ich Urlaub nehmen kann.). Aber weil die Kollegin sich eh schwer tat, selber auf Urlaub zu gehen, konnte ich mir für das Konzert freinehmen.

Selbst im Fränkischen wohnend, verbrachte Thomas mit Familie & Freunden ein paar Tage im steirischen Gamlitz und bei der Rückfahrt am 2. Juli 2009 hielten sie in Wien an, die weiblichen Familienmitglieder stiegen in einem guten Hotel in Hernals ab, während er und sein bester Freund Henry mich beim Hotel Bauer in Sechshaus (ich wohnte ums Eck) empfingen.

Die beiden Herren waren mir von Anfang an sympathisch und noch heute denke ich gern an sie. Vor allem werde ich den legendären Sager von Henry, selbst Hörgeräteträger, nie vergessen, als er mir an einem bierreichen Abend in einem Hernalser Lokal ein „Ich zeige dir meine Hörgerätesammlung.“ versprach.

Die baustellenreiche Fahrt nach München wurde von einem Wechsel aus Regen und Sonnenschein begleitet. Kurz vor den Toren Münchens hörten wir im Radio, dass beim Olympiastadion keine Parkplätze mehr frei sind. Es musste ungefähr 18 Uhr sein, als Thomas das Auto in der Nähe von der U4-Station Böhmerwaldplatz abstellte. Von dort fuhren wir anschließend mit der U3 zum schönen Olympiapark.

Der Einlass verlief recht zach und das Konzert begann erst gegen 20:15 Uhr. Aufgrund der verspäteten Ankunft war uns nur mehr recht, dass wir Sitzplätze im Block W hatten. Die Bühne war unglaublich klein, aber immer noch sichtbar und die Videoleinwände waren so schön groß.

Seit wenigen Wochen wurden die Konzerte in Europa mit einem Akkordeonsolo von Nils Lofgren eröffnet. Lofgren, selbst fixes Mitglied der E Street Band, spielte eine die dem jeweiligen Land zugehörige volkstümliche Weise. An diesem Abend bewies der Ausnahmegitarrist mit „Muss i denn zum Städtele hinaus“ wieder einmal seine musikalische Vielseitigkeit.

Nun erschienen die restlichen Mitglieder der E Street Band: Charlie Giordano, Clarence Clemons, Max Weinberg, Garry Tallent, Steve Van Zandt, Soozie Tyrell, Roy Bittan und… Bruce Springsteen.

bruce_2009-07-02
Eine bescheidene DVD-Aufnahme als Souvenir.

Das Wetter an diesem Donnerstag Abend zeigte sich von ihrer angenehmen Seite: Sonnig, trocken und nicht zu heiß. Bruce Springsteen und die E Street Band legten mit „BADLANDS“ los. Habe ich ein Sitzplatz? Nicht bei diesem Lied, also schoss ich wieder von meinem Sitz hoch und sowohl mit einem breiten Grinsen in meinem Gesicht als auch mit feuchten Augen sang ich laut mit – endlich wieder auf einem Konzert von Bruce Springsteen!!!

Noch mehr Freude pur verspürte ich, als er „My Lucky Day“ anstimmte und anschließend erklang der zeitlose Klassiker „No Surrender“. „Outlaw Pete“ war ein Erlebnis, vor allem die Hutszene glich einem Augenschmaus. Nach dem letzten „CAN YOU HEAR ME?“ und den Schlussakkorden, ging Bruce zum Publikum und wollte ein bestimmtes Request-Schildchen haben. Er fischte ein A4-Papier heraus, wo „Spirits (sic!) in the Night“ draufstand – aaaah! – Bruce bastelte aus dem Papier einen Flieger, warf ihn in Richtung Publikum, wobei der Flieger eine unglückliche Bruchlandung machte und der Boss fragte mehrmals ein „Do you feel the spirit?… Can you feel the spirit in the night?“. Das „YEAHHHHH!“ aus dem Publikum war nicht zu überhören.

Während des Liedes wurde eine aufblasbare Riesentorte für Roy Bittan, der an diesem Tag seinen 60. Geburtstag feierte, nach vorne gereicht:

Nach dem „Me and Crazy Janey were makin‘ love in the dirt singin’… our…  birthday… so-hongs“ erschallte ein „Happy Birthday“-Ständchen aus dem Publikum. Leider wurde der Wunsch nach „Drive All Night“, das auch die Riesentorte verzierte, nicht erfüllt.

Das in der Setliste erstarrte Trio „Working On A Dream“, „Seeds“ und „Johnny 99“ wurde zelebriert und nun durfte ich wieder gespannt sein, da mich wieder dieser „Was-kommt-als-nächstes-Lied?“-Gedanke durch den Kopf jagte. Und ich erkannte sofort die ersten Takte von „ATLANTIC CITY“ – das hört man auch nicht alle Tage!

Beim Intro von „Raise Your Hand“ sammelte der Boss fleißig Request-Schilder und erfüllte einem oder auch vielen Fans „Seven Nights To Rock“. Ich hatte das Lied bisher völlig ignoriert und war nun hin und weg. Vor zehn Jahren schrieb ich dazu ein: „Party pur, Hammer-Konzert, Bruce & Band super drauf und ich mittendrin.“

Auf einmal sortierte Bruce lauter Request-Schilder, die aus nummerierten Umschlägen bestanden (ich glaube, bis 7) und er entschied sich für die Nummer 3 und öffnete das Kuvert: „THIS HARD LAND“.

Nachdem wir uns das „Stay hard, stay hungry, stay alive.“ geschworen hatten, kam anschließend etwas, was sicher der Höhepunkt des Abends war und das Paar, das die große Tafel gebastelt hat, flippte sichtlich aus – die Videoleinwand war ja so schön groß.

„Pretty Woman“ – kocht die Stimmung oder kocht sie schon über?

Anschließend kam das Lied, wo das Solo von Nils alles andere weggefegt hat – und ich hätte mir gewünscht, er übernähme bei diesem Lied auch den kompletten Sangespart (zu groß und zu schön ist die Erinnerung an Erfurt im September 2006) – „Because the Night“.

„Waitin’ on a Sunny Day“ zeigte während dieser Tournee die ersten Tendenzen, zu einer unsäglichen Kindersingnummer zu werden. Doch wurde noch kein Kind auf die Bühne geholt, sondern Bruce hielt das Mikro einem jüngeren Besucher im PIT hin und ließ ihn den Refrain singen. Was freute ich mich über „The Promised Land“, war es nun einmal das erste Lied, was ich von Bruce live hörte. Wieder wurde ein Publikumswunsch erfüllt, das berührende „The River“ umfing das in der Abendstimmung getauchte Publikum im Olympiastadion. Dass ich noch „Kingdom Of Days“, eines meiner liebsten Lieder aus „Working On A Dream“ bekam, entzückte mich sehr – spielte Bruce bei dieser „Working On A Dream“-Tournee kaum Lieder aus dem gleichnamigen Album. Aus dem 2002er Werk erklangen die gesetzten Nummern „Lonesome Day“ und „The Rising“. „Born To Run“ weckte in mir die etwas traurige Gewissheit, dass das Konzert bald zu Ende gehen würde. Doch vorher begeisterte mich „Tenth Avenue Freeze-Out“, weil ich nie mit diesem Lied gerechnet hatte. (Und im Nachhinein ein stilles Dankeschön, dass ich das Lied mit dem Original hören konnte.)

„Hard Times“ war meines Erachtens ein Stimmungstöter und ich konnte mich nicht an diesem Lied, das Bruce mit seinem Chor aus Curtis King jr. und Cindy Mizelle besang, erfreuen. Doch dann kam ich wieder in Stimmung: „Bobby Jean“ war wunderschön berührend (das Saxophonsolo!), mit „American Land“ werde ich mich nie anfreunden, aber zum Glück baute Bruce in diesem Lied das „You’ve just seen the […] legendary E Street Band“ ein. „Detroit Medley“ war eine klasse Überraschung zum Finale und mit „Glory Days“ und „Dancing In The Dark“ hatten wir die letzten Lieder zum Verausgaben.

Die Rückkehr zum Auto verlief etwas kompliziert, aber wie kann sich eine Großstadt wie München erlauben, dass unter der Woche die U4 Richtung Arabellapark schon um halb 12 nicht mehr fährt? Dennoch kamen wir gegen vier Uhr in der Früh gut in Wien an und ich war beseelt vom Konzert, das ohne Mithilfe von Thomas nie zustande gekommen wäre.

Wo Du auch immer sein magst, danke, dass wir uns begegnet sind!

Weiterführend:
http://brucebase.wikidot.com/gig:2009-07-02-olympiastadion-munich-germany

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13 Kommentare

  1. Schön, das alles anhand deines akribischen Berichts nochmal Revue passieren zu lassen. Erst heute Morgen erreichte mich zum selben Thema (Bruce-Konzert an besagtem 2. Juli 2009) eine lange und wehmütige Mail von meinem Freund T. (Bobby Jean im Blog, du weißt schon), der auch in Erinnerungen schwelgte…
    Was die Setlist angeht, so muss ich sagen, dass „Outlaw Pete“ auch für mich einer der Höhepunkte war, neben „This hard land“ und „The Promised land“. Wohingegen ich mit „American land“ (meine Güte: so viel „land“, fällt mir grad auf) ebenfalls nicht warm werde.
    So, vor dem Lichtlöschen schau ich jetzt das „Pretty woman“-Video noch ein zweites Mal an und suche in Reihe 10 nach meiner Hand (damals noch ohne Ehering) oder meinem Hinterkopf (damals noch blond). Na immerhin war ich auch damals schon in dem Shirt unterwegs, das ich heute noch trage bzw. tragen würde, wenn er denn mal wieder vorbeikäme.
    Liebe Grüße und gute Nacht aus München (und dass die U4 zum Arabellapark schon um halb 12 nicht mehr fährt, aus dieser Behauptung könnte glatt das erste Mal werden, dass ich eine inhaltliche Korrektur in deinem Bericht anmerken müsste – ich sag nur „Point blank“/FFM usw., hihi)
    Natascha

    1. Guten Morgen liebe Frau Kraulquappe,

      das mit der U4 war aber so. Wir sind von der U3/U4-Station (Name ist mir entfallen), wo die U4 dann nicht mehr fuhr, zu Fuß zum Auto gegangen, der irgendwo auf der Richard-Strauss-Straße (?) parkte und weil es schon so finster war, hatten wir auch noch das Vergnügen, am Auto vorbei- und wieder zurückzumarschieren.

      In 2013 und 2016 in einem Hotel beim Olympiapark zu übernachten, war herrlich!

      1. Ah, dann ist die U4 nur bis Max-Weber-Platz gefahren, das tut sie zu später Stunde manchmal, aber eigentlich gibt’s dann schon bis 1 Uhr nochmal Weiterfahrten, ggf. im 20 Min-Takt…
        Aber ich will nicht an deiner exzellenten Erinnerungsfähigkeit kratzen, ich alter Point-Blank-Dödel ;-)
        Guten Morgen nach Wien und einen schönen Tag für dich,
        die von der Wärme geräderte Frau Kraulquappe.

      2. Wir sind gar nicht mit der U4 gefahren.
        Wir kamen ja mit der U3 vom Olympiapark und wollten mit der U4 weiterfahren und da war schon Sense!

      3. Na dann ist das Rätsel gelöst: technische Störung ab Odeonsplatz oder überhaupt auf der ganzen Linie.
        (Dachte bislang, ihr wärt in der U4 gesessen und nur zu früh rausgeworfen worden, das wär dann das Max-Weber-Platz-Phänomen gewesen. Hab ich mich früher oft drüber geärgert, wenn ich zum Papa fuhr – der wohnte nämlich an der Endhaltestelle Arabellapark. Weshalb ich auch U4-Profi bin.)

  2. und jetzt grübel ich die ganze Zeit, was mein erstes Konzert war… und wann… ;-) dein Erinnerungsvermögen ist beneidenswert ♥

  3. Springsteen ist schon ein Ausnahmekuenstler, der sich total fuer sein Publikum verausgabt. Bisher hatte ich das Glueck ihn zweimal sehen zu koennen.

    Das erste Mal war 1988 im Frankfurter Waldstadium im Rahmen der Tunnel of Love Tour: 3 1/2 Stunden volle Power, wovon rund eine Stunde Zugaben waren, groesstenteils Coverversionen von alten Soulnummern wie In The Midnight Hour und Land of 1000 Dances – absolut genial und fast noch besser als seine eigenen Stuecke. Was Clarence Clemons aus seinem Saxophon herausholte, war der schlichte Wahnsinn!

    Das zweite Mal war vor knapp drei Jahren im Rahmen der River Tour: ein Heimspiel im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey. Wie ich danach gelesen habe, war die offizielle Dauer dieses Gigs 3 Stunden und 59 Minuten, das bis dahin laengste Springsteen Konzert. Der Boss schien in einem wahren Trancezustand zu sein und trieb seine E-Street Band wiederholt dazu an weiterzuspielen. Wohingegen die Show Klasse war, taten mir dann irgendwann die Musiker schon etwas Leid. Ein paar Tage spaeter in Philadelphia ueberbot Springsteen dann seinen eigenen Rekord mit 4 Stunden und zwei Minuten oder so – keine Ahnung, wer da die Zeit stoppt. :-)

      1. Etwas aehnliches sagte man auch ueber Rory Gallagher, der jedes Konzert so anging, als ob es sein letztes sei. Ihm Gegensatz zu ihm, der sein Wohlbefinden leider weitgehend irgnorierte und letztlich einen hohen Preis dafuer bezahlte, scheint Springsteen gluecklicherweise mehr auf sein Gesundheit zu achten.

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