Rückblick: 03.06.2004 – Phil Collins in der Wiener Stadthalle

„Do you remember?“ – Nein, das Lied hat er nicht gespielt. Im Rahmen seiner „First Final Farewell Tour“ machte Phil Collins auch in Wien Station.

Ich erinnere mich noch gut an den Werbebanner, der den D-Wagen verzierte. Ich las die Ankündigung für das Konzert von Phil Collins am 3. Juni 2004 im (zunächst) Ernst-Happel-Stadion. Als der D-Wagen am Franz-Josefs-Bahnhof vorbeifuhr, dachte ich mir, nun stadionerprobt, „das Konzert wäre doch etwas.“

Ich ließ noch etwas Zeit verstreichen, bevor ich die Karten kaufte. Inzwischen wurde die Veranstaltung in die Stadthalle verlegt, was mir auch recht war. Mit Freund und Schwiegerpapa in spe wurde ausgeschnapst, dass die beiden und auch die Schwiegermama in spe den Abend freihalten sollten. (Mittlerweile ist nun ein „Ex“ bei diesen genannten Personen dranzuhängen.)

Phil Collins. Dass dieser Mann angeblich uncool sei und einige Besserwisser ihm jegliches Talent absprachen, ging an mir vorbei. Aber: An IHM kommt keiner vorbei. Ich auch nicht. Bei mir begann es mit Genesis‘ „We Can’t Dance“ und anschließend Phil Collins‘ nächstem Soloprojekt „Both Sides“. Mir hat seine Musik schon immer gefallen, auch wenn ich nie zum großen Fan wurde wie bei Bruce & Billy. Aber ich mag „A Groovy Kind Of Love“, „I Wish It Would Rain Down“ und „Dance Into The Light“. Unter anderem.

Daher war es für mich selbstverständlich, mit meinen damals liebsten Österreichern, die auch gern Phil Collins hören, zum Konzert zu gehen.

Die Entscheidung, das Konzert vom Stadion in die Stadthalle zu verlegen, erwies sich als goldrichtig: An diesem Donnerstag schüttete es wie aus Kübeln, dennoch konnten wir einigermaßen trocken die Stadthalle betreten. Anschließend kamen wir hinter der Absperrung und hatten eine gute Sicht auf die Bühne.

Ich habe keine Fotos gemacht und fast zehn Jahre nach dem Konzert kam ich dank meines Fernsehanbieters in den Genuss, mir das Konzert aus Paris, welches auch offiziell auf DVD gibt, gratis im Fernsehen anzusehen. Das Konzert in Paris fand knapp zwei Wochen nach dem Konzert in Wien statt und dank einer starren Setliste konnte ich die verblassenden Erinnerungen wieder auffrischen.

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Erinnerungen vom Konzert: Die Eintrittskarte und das Foto von Guido Karp/fansunited.com

Das Konzert begann mit einem langen Schlagzeug-Solo im Trio. Das etwas ZU lange dauerte. Phil Collins, Chester Thompson und Luis Conte trommelten, was das Zeug hielt. Bevor der Langweile-Pegel seinen Siedepunkt erreichte, ging das Konzert nun endlich mit „Something Happened On The Way To Heaven“ los. Es folgte Hit auf Hit, bis auf zwei, drei Nummern kannte ich alle Lieder und war in entsprechender Stimmung. An die besonderen Momente erinnere ich mich gern: Bei „One More Night“ und „Can’t Stop Loving You“ sah ich die Ex-Schwiegermama-in-spe mitsingen und ich war mir zu diesem Zeitpunkt vollkommen sicher, dass mein Geburtstagsgeschenk für sie kein Griff ins Klo war.

Wenige Monate vor dem Konzert sahen der Freund und ich uns im Kino „Bärenbrüder“ an. Mir fällt gerade ein, dass ich während der Trennung den Soundtrack auf CD bei ihm vergessen habe, aber zum Glück ist die DVD in Erfurt. Der Film ist wirklich lieb und sehenswert. (Ich brauche keine x-te Fortsetzung von „Terminator“.) Und Phil Collins hat auch die Musik zum Film beigesteuert und wir erfreuten uns an „On My Way“ und „No Way Out“.

War ich selig vor Freude, dass Phil sogar „A Groovy Kind Of Love“, sitzend auf einem Holzsessel, sang. Du kommst an dieses Lied nicht vorbei, da passt alles. Es ist ein wunderbar perfekter Ohrwurm. Ja, der Text liest sich schlicht an, es stammt sogar nicht von Phil Collins, aber er hat es hinbekommen, mit seiner Singstimme die simplen Worte zu einer passenden Melodie hinzufügen. „Another Day In Paradise“ war auch ein Erlebnis, das ich nie vergesse: Das zeitlos gesellschaftskritische Lied blieb auch optisch in Erinnerung, weil hinten auf der Leinwand das Wort „PARADISE“ erschien und am Ende des Liedes zerfielen die Buchstaben zu Pixeln.

„In The Air Tonight“ war ganz große Klasse. Es fällt mir bis heute immer noch schwer, es in Worten zu beschreiben. Ganz großes Kino, als Phil die Stiegen rauf und runter ging, während er das Lied sang und am Schluss auf das Schlagwerk haute. So ähnlich habe ich ihn in Wien erlebt:

Anschließend folgte „Dance Into The Light“, wo ich trotz dichtgedrängter Menschenmenge doch ganz großzügig mittanzte. Mir gefällt dieses „Because the train is coming to carry you home/Come dance with me“ und die Nummer groovt einfach. Noch heute, wenn ich mich unbeobachtet fühle, tanze ich dann fast wie Phil in diesem Video.

„Sussudio“ und „Take Me Home“ kannte ich schon aus MTV und fand sie nur mittelmäßig, aber beim Konzert wuchs in mir das Gefühl, diese Lieder mögen bitte nie aufhören. Was ich immer noch ganz gut vor mir sehe, ist der Fauxpas, der wohl nur Wien passieren kann. Während die letzten Takte von „Take Me Home“ ausklangen, erschien auf der Leinwand der Name des jeweiligen Ortes, wo das Konzert stattfand. In der Wiener Stadthalle erschien auf der Leinwand „WEIN“. Statt „Wien“.

Dennoch haben Phil Collins und seine Band uns mit einer „Greatest Hits“-Show begeistert, bei der ich heute immer noch mitschwinge, wenn ich daran denke.

Heute Abend spielt Phil Collins im Ernst-Happel-Stadion. Als Vorgruppe treten sogar Mike + The Mechanics auf. Auch eine Formation, die ich sehr gerne höre, aber live für mich keinen Reiz mehr hat, seit Paul Carrack die Band verlassen hat.

philcollins2Möchte ich Phil Collins live wieder erleben? Ich kann die Frage nun mit „Nein“ beantworten. Er ist körperlich ziemlich angeschlagen, hat Rücken-, Hand- und Hörprobleme, er darf mittlerweile kein Schlagzeug mehr spielen, aber dennoch traue ich es ihm zu, dass er nach wie vor wunderbar singen wird.

Es gibt auf YouTube ein Video, wo Phil Collins nach mehrjähriger Bühnenabstinenz die ersten Auftritte meisterte und im Herbst 2016 bei Jimmy Fallon zu Gast war. Er sang „In The Air Tonight“. Das Schlagzeugspielen übernahm ein anderer:

Ich habe geheult, als ich das Video zum ersten Mal sah. Dieser Mann ist unübersehbar kaputt, seinen „Signature Song“ kann er nicht mehr am Schlagwerk spielen, aber die stimmliche Kraft, die er in den Gesang legt, die hat er noch! Dafür verbeuge ich mich vor ihm!

Aber ich könnte es nicht ertragen, ihn zwei Stunden lang in diesem Zustand zu erleben. Ich wünsche Phil Collins einen schönen Abend in Wien. Ich danke ihm für das Konzert, das morgen auch schon 15 Jahre her ist. It will be in my heart…

Weiterführende Links:
Fotos zum Konzert auf conny.at
Was schreibt Tante Wikipedia zu Phil Collins?

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18 Kommentare

  1. Er war DER Musiker in meiner Jugend für mich, liebe Sori… ich kann noch heute fast jedes Lied mitsingen, habe fast alle Alben von ihm und Genesis (eins natürlich auch von Peter Gabriel). Mike and the Mechanics mochte ich ebenfalls.
    Mein Sohn hat Schlagzeug gespielt und auch des Solos wegen „In the air tonight“ geliebt.
    Und ich geb Dir Recht: in ein Konzert würde ich heute auch nicht mehr zu ihm gehen… noch dazu haben mich die Preise hier in Berlin sprachlos gemacht…
    Schöne Grüße aktuell noch aus der Hängematte. Birgit

    1. Die Kartenpreise für das Konzert in Wien sind auch nicht ohne – da kommen mir die 55 EUR, die vor 15 Jahren als teuer galten, heutzutage als Schnäppchen vor. Aber wie heißt es so traurig schön? „The times they are a-changin“, was Phil auch in weiser Voraussicht auf seinem Album „Dance Into The Light“ gecovert hat.

  2. ich hab ihn „naturgegeben“ früher für mich entdeckt, quasi mit „Second´s Out“. Live gesehen hab ihn auch im Laufe der Jahre, aber was die jüngsten Konzerte angeht, bin ich ganz bei dir. Ich halte ihn auch lieber gesund in Live-Erinnerung ;-) und dass er nicht mehr Schlagzeug spielen kann… :-(

  3. Liebe Sori,

    „A groovy Kind of Love“ war zu Teenager-Tagen von Phil im Dezember 1965 ein Hit für die Beat-Gruppe The Mindbenders. In dieser ersten Erfolgs-Fassung war übrigens Eric Stewart am Gesang, der 1972 dann 10cc gründete …
    Hier diese Version, die zugegebenermaßen deutlich weniger Gänsehaut-Potential entwickelt als Phil’s Version aus den 80ern …

    Wobei die Verwendung des Slang-Wortes „groovy“ damals im prüden Amerika so unerhört war, daß der Produzent von Leslie Gore – für die der Song ursprünglich geschrieben wurde – eine Aufnahme mit ihr strikt verweigerte … die Mindbenders waren im Fahrwasser von Beatles und Stones mutiger …

    Liebe Grüße aus Ettlingen!
    Spike

    1. Danke für das Video! Auch wenn ich seit mehr als 20 Jahren die CD von „Buster“ in meiner Sammlung habe, ist mir erst vor wenigen Tagen aufgefallen, dass „A Groovy Kind Of Love“ nicht von Phil stammt. (Peinlich, peinlich…)

      Ich wollte in den wenigen Tagen herausfinden, wie das Original klingt – daher nochmals danke, dass Du mir zuvorgekommen bist. In der Tat, es hört sich anders an, aber auch nicht schlecht.

      Liebe Grüße aus dem sonnigen Wien,

      S.

  4. Beim Lesen und in Erinnerung an viele der genannten Songs bekomme ich Gänsehaut. Vieles davon habe ich lange nicht mehr gehört. Muss ich auch nicht, denn so manches Trommelsolo ist tief im Gedächtnis verankert -auch wenn ich es nicht direkt höre. Da braucht es nur ein Stichwort und schon geht es im Kopf wieder ab.
    Die Stimmungen, die dabei aufkommen, sind mit einer bestimmten Zeit und Menschen verbunden. Dieses Gefühl lässt sich nicht beliebig und erneut hervorrufen, doch es bleiben wunderschöne Erinnerungen. Aber halt nur Erinnerungen und meine Neugier treibt mich immer wieder weiter Neues zu entdecken.
    Das „Alte“ bleibt zu Recht und hat seinen festen Platz im Plattenregal. Und manchmal – wenn man wieder angestossen wird- legt man die Erinnerungen noch mal auf und schön ist es.
    Vielen Dank für den Beitrag

  5. Hach ja. genial bis nervig – da ist alles dabei. „Seconds out“! Dort „Afterglow“ live! Herrlich. „Then there were three“ – das letzte wirklich schöne Genesis-Album! Auf Solo-Pfaden „In the air tonigt“, das schöne „Against all odds“ … aber dann in den 90ern wurde er immer inflationärer, totgedudelt. … Schalte einen x-Beliebigen Sender ein und in spätestens 10 Minuten kommt irgendwas von Collins. Ich konnte sein Quäken nicht mehr ab….die „We can’t dance“ hab ich gehasst, weil das soooo weit weg war, von dem, was Genesis für mich waren/sind….. Solo gings auch abwärts…. Ssssudio war der Tiefpunkt. ….
    Dann der Disney-Tarzan-Soundtrack (auf Deutsch!), meine Tochter noch klein und zum ersten Mal am Computer…da war er wieder toll.
    Dann dieser beachtliche Einfall, seine Soloalben mit den Alt-Männer-Fotos zu veröffentlichen. Ich mag ihn irgendwie eben doch. Vor allem wegen der „Then there were three“.

    1. Tja, ich kann’s mir denken, dass „We Can’t Dance“ bei den „Spezialisten“ eher unwillkommen ist. Behaupten auch viele, dass Genesis mit Peter Gabriel ihre beste Zeit hatten, aber „We Can’t Dance“ war nun einmal das kommerziell erfolgreichste Album und es ist auch das Schicksal einer 1982 Geborenen, mit den Videos von „I Can’t Dance“ und „Jesus He Knows Me“ konfrontiert zu werden.
      Tja, es gibt immer „Both Sides of the Story“ ;-)

      1. So isses. Was es besonders schwierig werden ließ: In Sachen Humor lag ich ja auf seiner Wellenlänge: Jackson-Persiflage mit dem Rumgehopse und dem Autoschlüssel!. Auch bei Jesus he knows me … die Videos waren toll – aber eben nicht mit dem sakralen Genesis-Namen vereinbar. In den Player kam mir die nie!
        Der Kommerz-Erfolg bei der breiten Masse – psawwwh! – Dieter Bohlen hat den auch. Oder Abba. Oder …. ä…. jetz kommts … immer off det schlimmme….rrrrrRevolverheld. So. Nu isses raus.

      2. R…….held sagt mir schon etwas, aber ich glaube, ich habe noch nie ein Lied von denen gehört.
        Verpasse ich etwas?

  6. Schoen, dass Du Phil Collins seinerzeit live erleben konntest. Er ist zweifelos ein enorm talentierter und vielseitiger Kuenstler. Seinerzeit in den achtziger Jahren konnte ich kaum genug von ihm kriegen. Er war ja auch wirklich omnipraesent im Radio: Solo, mit Genesis sowie als Duo mit Phil Bailey („Easy Lover“) u.a.

    Heute habe ich ein eher gespaltenes Verhaeltnis zu Collins, was uebrigens auch fuer andere Musik der achtizger gilt. Wohingegen die Musik dieser Dekade als meiner Teenage-Zeit wohl immer einen besonderen Stellenwert behalten wird, hat sich mein Geschmack seither deutlich geaendert. Wenn ich heutzutage Songs aus den achtzigern hoere, frage ich mich haeufig, warum mir die Musik seinerzeit so gut gefallen hat.

    Natuerlich ist Collins weitaus mehr als ein Phaenomen der achtziger, aber dies ist halt in meinem Fall die Zeitperiode, waehrend ich ihn itensiv gehoert habe – und mich vermutlich an ihm ueberhoert habe!

    Seine persoenliche Geschichte tut mir uebrigens wirklich Leid. Wenn ich dies richtig in Erinnerung habe, ging Collins kurz nach seinem 2010 Soul Cover Album „Going Back,“ was ich uebrigens nicht schecht fand, in den vorzeitigen Ruhestand – wohl ziemlich deprimiert, dass er einfach nicht mehr an seine frueheren Erfolge anknuepfen konnte. Das Musik Business ist einfach brutal! Dann seine Gesundheitsprobleme, die es ihm nicht mehr erlauben Schlagzeug zu spielen. Dies muss ja wirklich frustrierend sein – so wie dies jetzt ja auch bei Peter Frampton und seiner seltenen neurologischen Krankheit ist, die es ihm irgendwann nicht mehr ermoeglichen wird, seine Finger zu kontrollieren!
    Tja, und seit seinem Comeback hat man von Collins ja eigentlich auch kaum etwas gehoert.

    Eine Sache, die ich allerdings cool finde, ist, dass sein Teenage-Sohn Schlagzeuger in seiner Begleitband ist. Zumindest habe ich dies irgenwann letztes oder vorletztes Jahr irgendwo gelesen.

    1. So ist es. Sein Sohn ist auch auf der aktuellen Tournee mit dabei!

      Apropos Musik in den Teenager-Zeiten: Mir geht es auch aehnlich wie Dir – wenn ich heute die Musik aus den 90er Jahren hoere, frage ich mich auch manchmal, warum es mir damals so gut gefallen hat. Aber dann moechte ich mich nicht laenger wundern, sondern schmunzle eher darueber und s(chw)inge auch noch ein bisschen mit.

      Greetings from a very warm Vienna!

      1. Du hast ja vollkommen Recht, man sollte zu seiner Jugendzeit stehen.

        Meine Frau ist nach wie vor ein großer Fan der achtziger Musik, sodaß ich dieser ziemlich regelmäßig ausgesetzt bin. Und, ja, wenn dann Madonna “Get Into The Groove” singt, ertappe ich mich zuweilen ebenfalls beim inneren mits(schw)ingen!😆

  7. ich hab mir das Konzert in Zürich vom Balkon aus angehört. Stimmlich klang das super. Wie kaputt er ist kann ich jedoch nicht beurteilen. Er scheint es jedoch ziemlich locker zu nehmen…..

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