Es ist kurz vor Mitternacht, der Regenguss hat wieder aufgehört. Ich habe noch ein paar Monate bis zu meinem 37. Geburtstag. Ich fühle mich wieder jung, höre zum ersten Mal „Le Monde Diplomatique“ und stelle fest, dass in Sachen Musik wieder alles anders kommen musste. Vor einem Jahrzehnt studierte ich noch an der Wirtschaftsuniversität Wien und arbeitete nebenbei als Teilzeit-Buchhalterin in einer Gebäudeverwaltung. Bezüglich der österreichischen Musiklandschaft stand ich am Anfang und ahnte noch nicht, was ich in den nächsten zehn Jahren entdecken würde.

Und bis vor wenigen Wochen hatte ich noch keinen blassen Schimmer von einem gewissen Matthias Forenbacher.

Weil ich mich nach wie vor gern weigere, mich im Gesichtsbuch herumzuwälzen, stöbere ich gern auf den jeweiligen Webseiten der Wiener Konzertlokale. So auch das „Heureka“ in der Josefstadt. Und dort entdeckte ich den Termin.

heureka
Quelle: euroots.com

Zunächst schreckte mich der französische Titel ab, aber nach gezielter Recherche auf diversen Webseiten fand ich heraus, dass der Grazer sich in Richtung Singer/Songwriter bewegt und seine Lieder, die er selbst getextet und komponiert hat, auf Englisch vorträgt. In Anbetracht auf den kommenden Tag der Arbeit merkte mich mir den Termin am 30. April 2019 vor.

Das „Heureka“ gehört zu den wenigen Musiklokalen in Wien, wo Du Dich bald wohl fühlst, nachdem Du die Stiege hinabgestiegen bist. Bei den bisherigen Besuchen ging ich immer mit einer positiven Stimmung nach Hause. Das Publikum kommt, um den Musikanten zuzuhorchen, das vielfältige Angebot an Bieren ist so lobenswert und zwingt mich oft zu schwierigen Entscheidungen. Und Du triffst dort immer wen, den Du kennst. Und wenn nicht, kommt man mit den Leuten ins Gespräch.

Dieser Besuch lieferte noch eine zusätzliche Besonderheit: Mit einem „Kannst Du schön schreiben?“ wurde ich gebeten, die Suppe des Tages auf einer Tafel anzuschreiben. Als Beteiligungsprämie für die überaus stark nachgefragte Suppe erhielt ich ein Stamperl Zwetschkenschnaps, der mir sehr gemundet hat.

Letzten Dienstag, im „Heureka“, sah ich den österreichischen Bruce Springsteen. Und sein Name ist Matthias Forenbacher. Wirkt es doch eher kontraproduktiv, wenn ein Musikant mit einem anderen, in diesem Fall einem sehr bedeutenden, Musiker verglichen wird. Aber ich kann mir nicht helfen. An diesem Abend fühlte ich Elemente aus „The River“, „Nebraska“ und der zweiten CD der „Tracks“. Dennoch ließ mich Matthias Forenbacher unbeirrbar spüren, dass er seinen eigenen Stil verfolgt. Aber wer ihn zu seiner Musik inspiriert, ist nicht von der Hand zu weisen.

Den knapp zweistündigen Auftritt bestritt Matthias Forenbacher mit seiner akustischen Gibson und der eigenwilligen Gretsch. Die Liederliste enthielt unter anderem Nummern aus seinem Erstlingswerk „Life Vest“, das 2009 erschien. Natürlich wurde auch das aktuelle Album, „Le Monde Diplomatique“, beworben und mit „Take Me Where The Wind Blows“ sorgt Matthias Forenbacher für einen Ohrwurm, den ich hegen und pflegen möchte. Die Saiten auf der Gretsch zog Forenbacher so richtig auf, wobei meines Empfindens bzw. meines Hörvermögens nach seine Stimme dabei leicht unterging. Aber die machte er dann mit seinen Loop-Einspielungen wett!

Wenn Forenbacher die Gibson zur Hand nahm, war die Mundharmonika nicht weit weg. Einmal kam es vor, dass er aus Versehen die falsche Harp benutzte, was ihn einfach nur menschlich machte und dann passierte es öfter, dass ich Bruce Springsteen vor mir sah und hörte. Doch war es Matthias Forenbacher, der uns mit seiner Musik einen erfüllenden Abend schenkte. Weil im „Heureka“ die Ruhezeiten streng gehandhabt werden, musste um 22 Uhr die Musik aus sein. Dennoch ging sich noch die letzte Zugabe, ein stimmiges „Ring Of Fire“, aus. (War das Zufall, dass Matthias Forenbacher ein schwarzes Hemd anhatte?)

Wie bei den vergangenen Konzerten im „Heureka“ war das Publikum an diesem Abend wieder lobenswert. Ein Publikum, das gekommen ist, um den Musiker zuzuhören.

Mittlerweile sind fast zwei Tage seit diesem besonderen Abend vergangen, ich höre gerade „In This European Night“. Im Moment fühle ich mich etwas ausgelaugt, aber das Album und die Erinnerung an das Konzert beleben mich wieder. Ich lasse das Konzert nachwirken – und es bewegt mich immer noch.

Neugierig geworden? Hier geht’s zur Webseite von Matthias Forenbacher!

Inspiration zum Text: http://www.brucespringsteen.it/Other/real.htm