Der Januar war nie ein guter Monat. Seit ich in Österreich lebe, gelingt es auch selbst dem Jänner nach fünfzehn Jahren nicht, es besser zu machen. Sprechen Sie das einmal aus: „Jänner“. Haben Sie es getan? Geben Sie sich noch a bisserl Zeit zum Verinnerlichen. Spüren Sie das auch? Es hört sich wegwerfend an. Umso mehr bin ich froh darüber, dass dieser Monat nun vorbei ist. Es gilt noch, den Februar – dem ich genauso viel Abneigung wie dem Jänner entgegenschleudere – zu meistern und dann wird mir das Antlitz von 2019 freundlicher erscheinen.

Verglichen mit den nächsten zehn Monaten der einzelnen Kalenderjahre erinnere ich mich nur an wenige schöne Momente, die in den ersten zwei Monaten geschehen sind. (Schiurlaub in Pass Thurn & Umgebung. Mein vorletzter Aufenthalt in Innsbruck. Der Tag, an dem ich Bruce Springsteens „Working On A Dream“ zum ersten Mal hörte – mit der Gewissheit, Karten für das Konzert am 5. Juli 2009 zu haben.)

Ich versuche immer wieder zu vermeiden, dass diese Monate bleibende Schäden bei mir hinterlassen.

Zum Beispiel mit einem Konzertbesuch der Viennese Ladies im Wiener Metropol. Ausschlaggebend waren die mir teilweise bekannten Musikerinnen, die ich von früheren Konzerten schätze und die geographische Lage des Metropols. Zu Fuß brauche ich nicht einmal eine Viertelstunde nach Hause und ab einem gewissen Blues-Pegel ist das sogar von Vorteil.

Wer sind die „Viennese Ladies“? Namhafte Sängerinnen und versierte Musikerinnen, die ihren Lebensmittelpunkt in Wien & Umgebung haben. Mit ihrem Programm zollen sie ihren Tribut an Etta James.

Wer ist Etta James? Ich gebe zu, dass mir der Name nur beiläufig bekannt war und ich mich lieber auf andere Sänger konzentriert habe, die auch schwer vom Blues gezeichnet sind. Doch ein Blick auf Tante Wikipedia liefert mir unter anderem die Fakten, dass Frau James im gleichen Monat (Jänner auch noch!) geboren und gestorben ist. Ob ich sie irgendwo aus einem Lautsprecher singen gehört habe, kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen – aber dafür höre ich mir gerade auf YouTube ihre musikalische Karriere an, die mit „At Last“ begann.

Kurz nach dem offiziellen Einlass fand ich mich im Großen Saal des Metropols ein, ließ mir eine Brezn schmecken (Ich kenne keine besseren in Wien!) und genoss das erste Krügerl vom Ottakringer Helles. Ich brauchte mehrere Anläufe, bis ich einen passablen Platz fand, auf dem ich das Konzert bei guter Sicht genießen konnte, aber die zwei Vollkoffer hinter mir aber am liebsten wegschießen könnte. (Sie haben ständig geredet und der eine dürfte entweder an Blasenschwäche oder an akutem Nikotinmangel leiden, weil er sich ständig von seinem Platz erhob und nach kurzer Zeit wieder zurückkehrte.) Aber der Rest des Publikums ließ sich auch sehen: In einem fast vollen Haus eine bunte Mischung, waren manche zum Sehen-Gesehen-Werden da. Sogar der Wiener Stadtrat für Soziales, Gesundheit und Sport, Peter Hacker, schaute vorbei.

Wenige Minuten nach 20 Uhr betraten zunächst die Ladies, die mit ihren jeweiligen Instrumenten die musikalische Basis des Abends bestimmten, die Bühne: Philippine Duchateau an den Tasten, Maria Petrova am Schlagzeug, Katie Kern an der Gitarre und Claudia K. Gangl an der Bassgitarre.

An Paul McCartney erinnernd, weil auch Linkshänder, eröffnete Claudia K. den Abend, der voller Blues hing. Auch geht die Veranstaltung auf sie zurück, weil sie hinter diesem Projekt steht und es unermüdlich vorantreibt.

Wie schon vorher erwähnt, habe ich mich kaum mit dem Schaffenswerk von Etta James befasst und muss nun zugeben, dass ich so gut wie gar nichts wusste, welche Lieder in welcher Reihenfolge zum Besten gegeben wurden. Doch der Überraschungseffekt blieb auf meiner Seite und trotz meiner schon länger anhaltenden Blues-Stimmung ließ ich mich von der Musik leiten und begeistern.

Die Horn-Sektion um Martina „Harpina“ Defant und den beiden Saxophon-Spielerinnen Silke Gert und Felicia Pistorius verstärkte die zuvor genannten Ladies und als erste von den vier Sängerinnen gesellte sich Betty Semper zu den anderen Musikerinnen. Ich empfand Betty Sempers Stimme als etwas schwach – vielleicht lag es an dem schnell ausgeliehenen Mikrofon von Claudia K. oder an meinem leicht angeschlagenen Gehör? Nachdem sie zwei stimmungsvolle Lieder zum Besten gab, ging sie von der Bühne ab. Anschließend erschien eine der „profiliertesten Musikerinnen im Bluesbusiness“ (O-Ton Claudia K.): MEENA CRYLE!

Auf ihren Auftritt freute ich mich sehr, war sie doch auch ein Grund, warum ich mir eine Karte für das Konzert kaufte. Meena Cryle höre und schätze ich schon seit Frühjahr 2011 und es wird mir nicht langweilig, sie immer wieder live zu erleben. Auch nach zwei Nummern ging sie von der Bühne ab und als nächste erschien eine, die mir bisher auch nur von Namen bekannt war, aber von ihrer Bühnenpräsenz konnte ich mir noch kein Bild machen, was sich zum Glück an diesem Abend änderte. Aminata Seydi kam total sympathisch herüber und verstand auch sehr gut, für Stimmung im Publikum zu sorgen. Auch animierte sie uns oft zum Mitklatschen und (Sitz)Tanzen. Nach zwei weiteren Liedern erschien nun die vierte und letzte Sängerin, Kim Cooper. Manchen wird sie als Teil der Formation „Rounder Girls“ bekannt sein, auch bei ihr erlebte ich meine Premiere und wie Animata Seydi konnte mich Kim Cooper mit ihrem Charme begeistern. Die erste Hälfte, die über eine Stunde dauerte, verging viel zu schnell. Abschließend versammelten sich alle elf Ladies auf der Bühne zu einem vokalen Ensemble und entließen uns in die Pause.

Der Ablauf des zweiten Teils folgte einem ähnlichen Muster, wobei Claudia K. ein weiteres Lied von Etta James zum Besten gab. (Ich vermute, es handelte sich um „Hoochie Coochie Gal“.) Nun glaubte ich „I’d Rather Go Blind“ zu erkennen, welches Meena Cryle auch bei ihren eigenen Konzerten sang. Unüberhörbar war die Einlage von „You Can Leave Your Hat On“, die damals Joe Cocker selig einer größeren Hörerschaft zugänglich machte und zum Schluss wurde von den Viennese Ladies die Hymne „Respect Yourself“ zelebriert.

Katie Kern ging in ihrer Rolle als Nur-Gitarristin auf (was für mich etwas ungewohnt war, da ich sie auch als Singer-Songwriterin schätze) und mit ihrer Telecaster lieferte sie wunderbare eingängig prägende Solis. Philippine Duchateau bewies ihre Multitaskingfähigkeit am Keyboard und an der Orgel und ihre einleitenden Stücke möchte ich gern wieder hören. Ohne Harp und Saxophon kein Blues! Was „Harpina“ und die beiden Saxophonspielerinnen an diesem Abend boten, war unüberhörbar beeindruckend. Maria Petrova „kenne“ ich als Teil des Frauenorchesters mit Ernst Molden und sie beherrscht das eher männliche Handwerk am Schlagzeug so überzeugend, dass man gar nicht auf die Idee kommen muss, dass so etwas „untypisch“ sein muss. Überhaupt, man soll bitte die ganzen Geschlechterklischees wieder wegwischen. Meine bisher stärkste Erinnerung an Claudia K. ist ihr Duett mit Harry Ahamer im Mai 2013, als die beiden im mittlerweile nicht mehr existierenden „Brut“ „Love The One You’re With“ sangen.

Das Beste war, dass gegen Ende der Großteil des Publikums sich von ihren Plätzen erhob und wiederum ein großer Teil zur Musik tanzte. Und es hat mir unglaublich gut getan, in der letzten Viertelstunde den Blues abzuschütteln, als ich mich beinahe selbstvergessen der Musik hingab und dazu tanzte.

Manchmal hat der Blues auch etwas Gutes….