03.12.2018 – Stefan Haider im Kabarett Niedermair, Wien

oder Es ist scheiße, hochgradig schwerhörig zu sein!

rhdrVor ein paar Wochen bat mich ein Mitarbeiter des örtlichen Schwerhörigenverbands um ein Anliegen, welches mich mit Ehre erfüllte. Ich gehörte zu den auserwählten Mitgliedern, die in zwei Wiener Veranstaltungsstätten die neu installierten induktiven Höranlagen auf Gebrauch und Funktionalität testen sollen. Da ich eine Abneigung gegenüber der einen Spielstätte hege, entschied ich mich für die andere. Es handelt sich um das Kabarett Niedermair im achten Wiener Gemeindebezirk.

Zwar sagte ich dem Mitarbeiter zu, erwähnte aber auch, dass ich mit Kabarett bisher nicht so gute Erfahrungen gemacht habe. Schon im März 2016 ließ ich mich mit einem Bericht darüber aus. (Für diejenigen, die darüber mehr wissen wollen: Ich habe das Wort „Bericht“ farblich hinterlegt. Dort kann man einen Link anklicken und kommt somit zu meinem Erfahrungsbericht.)

Dennoch hielt mein Interesse an. Ich war noch nie im Niedermair und pflegte von vorne herein eine positive Grundhaltung. Institutionen, die sich um induktive Höranlagen bemühen, gibt es in Wien zu wenige und den wenigen gebührt meine Anerkennung. So durchforstete ich das Programm vom Kabarett Niedermair und entschied mich für eine Vorstellung von Stefan Haider.

Warum Stefan Haider? Der Vollständigkeit halber erwähne ich, dass ich im August 2016 von einer Arbeitskollegin mit einer Karte für ein sogenanntes Gemischtes-Kabarett-Wundertüten-Programm in der Tschauner Bühne zwangsbeglückt wurde. Wobei die Vorstellung doch einigermaßen erträglich war. Vier verschiedene Kabarettisten traten auf und gaben ein „Best of“ aus ihren eigentlichen Programmen. Der vierte und letzte war Stefan Haider. Und sein Auftritt hat mir so gut gefallen, dass ich dann öfter mit dem Gedanken gespielt habe, ihn noch einmal „in voller Länge“ zu erleben.

Kommt Zeit, kommt Induktion.

Am Montag, 3. Dezember 2018 war es nun soweit. Beim Betreten des Hauses fiel mir schon positiv auf, dass das Symbol für die induktive Höranlage gut sichtbar neben der Eingangstür angebracht wurde. Ich danke auch den zuständigen Menschen, die mir die Freikarte ermöglicht haben.

Weiterhin positiv fiel mir auf, dass ich im Saal schon die Begleitmusik induktiv hören konnte. (Nachdem ich meine Hörsysteme natürlich auf das entsprechende Programm umgestellt habe.) Anstatt einer Glocke oder ähnliches betätigte der Mitarbeiter den Lichtschalter, wenn die Zeichen auf „Bitte nehmen Sie ihre Plätze!“ standen.

oznorZum Programm werde ich nicht viel erzählen, weil noch viele weitere Vorstellungen gegeben werden. Und Stefan Haider weist auch dieses typische Merkmal eines Kabarettisten auf:

Schnell reden.

Aber das tat der Stimmung im Publikum keinen Abbruch, die Besucher haben oft und herzlich gelacht. Davon bekam ich nur die Hälfte mit. Lassen wir die Pointen weg, die habe ich erst recht nicht verstanden.

Nicht, weil die induktive Höranlage nicht funktioniert hat. Im Gegenteil. Aber zwei Mal 45 Minuten lang hochkonzentriert einem schnell sprechenden Menschen zuhören, erfordert bei einer Person wie mir einen riesigen Tribut.

Oder auch: Mein Sprachverständnis ist im Arsch.

Nein, ich werde die unflätigen Worte nicht zensieren.

Schwerhörigkeit ist nicht nur „leiser hören“, bei weitem noch lange nicht. Ich empfinde Baustellenlärm oder einen schiefen Klang während eines Stadionkonzerts genauso unangenehm wie die Guthörenden. Ich brauche bei weitem keine Hörgeräte, wenn ich in einer ruhigen Umgebung wie zB in meiner Wohnung einem vertrauten Menschen gegenüber sitze und wir uns lautsprachlich unterhalten.

Trotz allem liebe ich mein Leben – aber es hat sich endgültig auskabarettisiert.

6 Kommentare

  1. Ein bisserl seltsam hat sich’s angefühlt, auf „Gefällt mir“ zu klicken, gemeint war es so: ich hab deinen Bericht mit großer innerer Anteilnahme gelesen, würd gern sagen „ich kann’s mir vorstellen“, was aber natürlich so nicht stimmt, also ist es eher ein „ich kann es nachvollziehen und mich einfühlen“ und wenn ich mir dann noch vergegenwärtige, wie oft ich als Guthörende von zu-schnell oder zu-laut oder zu-viel-auf-einmal gestresst bin (z.B. komm ich bei „House of Cards“, dieser Serie, kaum mit und auch in manchen Talkshows muss ich wegschalten, weil’s mich total überfordert), dann mag ich mir gar nicht vorstellen, wie es dir da erst ergehen muss.
    In die Schweiz sollte man gehen, da sprechen sie am gemächlichsten.
    Liebe Grüße, N.

    1. Liebe N.,

      hab vielen Dank für Deine Worte!

      Apropos Schweiz: Wenn Patent Ochsner ihren Tourneeplan endlich bekanntgeben, dann steht die nächste Reise zu den Eidgenossen an! :-)

  2. Hallo Sori
    Ich liebe Kabarett, doch aus dieser Perspektive habe ich das Thema noch nie betrachtet. – daher habe ich mir heute mal auf Youtube ein paar entsprechende Ausschnitte unter diesem Aspekt angesehen. Und es stimmt. Selbst Langsamsprecher, wie Hagen Rether oder Hazel Brugger werden mitunter sehr schnell in ihrer Darbietung. Und da es in diesem Genre oft auf jedes Wort oder jedes Wortspiel ankommt ist das natürlich ein echtes Problem, bei dem man auch ohne HG manchmal nicht mitkommt. Bei den Schnellsprechern denke ich an viele Auftritte von dem leider verstorbenen Hanns Dieter Hüsch. Besonders, wenn er seine Orgel als Hintergrundmusik nutzte war das mitunter schwer zu verstehen. Dass dies mit einem Hörgerät kein Genuss ist, ist verständlich. Aber sehr schade, denn -wie gesagt ich liebe gutes Kabarett- oft haben diese Künstler wichtige Dinge zu sagen.
    Immerhin, und das bleibt positiv festzuhalten, bemühen sich die genannten Aufführungsorte um eine induktive Übertragung. Das man noch zu oft die Betreiber erinnern muss diese auch einzuschalten oder nur (wenige) bestimmt Plätze zur Verfügung stehen bleibt ein diskriminierender Fakt. Daher ist es wichtig dieses Thema immer wieder anzusprechen und deshalb herzlichen Dank für diesen Beitrag.
    Interessant wäre es natürlich zu erfahren, wie die entsprechenden Akteure/Künstler auf diese Eindrücke reagieren und ob ihnen das überhaupt bewußt ist (wahrscheinlich nicht).

    Liebe Grüße
    Stephan

  3. PS: es ist ist nicht scheisse schwerhörig zu sein, es ist scheisse wie die Gesellschaft diesem Umstand begegnet- genauer ignoriert

    Stephan

  4. „Es hat sich auskabarettisiert!“ Witziger Satz für einen Zustand, den ich auch kenne. Ich gehe schon seit einer Weile nicht mehr ins Theater. Ich verstehe höchstens die Hälfte und bin nachher total erschöpft …

    1. Danke für Ihren aufmerksamen Kommentar, liebe Frau Frogg. Da Ausnahmen die Regel bestätigen, kann ich Ihnen das Schweizer (!) Kabarett-Duo „Ohne Rolf“ ans Herz legen. Termine sind auf ohnerolf.ch zu finden!

      Liebe Grüße aus der österreichischen Hauptstadt und ich wünsche Ihnen einen guten Übergang in das Neue Jahr!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.