bruce_books00Auch wenn Bruce Springsteen fast alle seine Lieder im Alleingang geschrieben hat, ließ es sich nicht vermeiden, dass er in dem einen oder anderen Text einen bestimmten Begriff oder eine Zeile ausgeliehen hat.

Aber nur ein Zitat hat es geschafft, mit einer Quellenangabe verwiesen zu werden. Es handelt sich um „Poison snake bites you and you’re poison too“. Diese Zeile finden wir sowohl in „The Big Muddy“ als auch in „Gave It A Name“. Erstere ist in der Heftbeilage der CD „Lucky Town“ abgedruckt, letztere in „Tracks“.

Unter den jeweiligen Texten steht dann: Pete Dexter, „Paris Trout“.

„Lucky Town“ besitze ich seit Herbst 1996, „Tracks“ seit Dezember 1998, doch erst zu Beginn des Jahres 2012 nahm ich mir zum ersten Mal „Paris Trout“ vor.

In zwei Tagen war das Buch ausgelesen. Schwerer Fehler. Manche Bücher darf man nicht in einem „Zug“ lesen, wozu ich aber sehr gerne neige. So blieb mir nur ein fader Beigeschmack von diesem sehr amerikanischen Roman. Und keine Spur von der Giftschlange, die Dich beißt.

Im August 2015 schlenderte ich durch die Schönhauser Allee in Berlin und auf dem Gehsteig entdeckte ich eine Kiste mit dem Hinweis „Zur freien Entnahme“. In der Schachtel befand sich lauter Glumpert, dennoch stach mir aus diesem Durcheinander ein Buch ins Auge.

„Tollwütig“ von Pete Dexter.

Ich wusste noch, wie mich „Paris Trout“ begeistert hat, trotzdem wollte ich dem Schriftsteller eine Chance geben und nahm das Buch mit. Beim Weitergehen blätterte ich hinein und entdeckte, dass das Original von „Tollwütig“ unter dem Titel „Paris Trout“ beim Verlag Random House erschienen ist. Des a no! Aber ich wollte nicht mehr umkehren und das Buch in die Schachtel zurücklegen.

Somit habe ich zwei verschiedene deutschsprachige Ausgaben von „Paris Trout“. Die Erstübersetzung erschien 1989 unter dem Titel „Tollwütig“ im Goldmann Verlag, mehr als 20 Jahre später veröffentlichte der Fischer Taschenbuch Verlag eine neue Übersetzung unter dem Originaltitel.

Innerlich beleidigt über meine nicht entschuldbare Ignoranz, brauchte ich Monate, bis ich mich dazu aufraffen konnte, „Tollwütig“ aufzuschlagen. Ich ließ mir auch Zeit mit dem Lesen und erst nach einer Woche wurde ich fertig. Und ich war sehr angetan. Schon bald wollte ich dem einen oder anderen belesenen Springsteen-Fan verkünden, dass sie sich in Sachen „Paris Trout“ bitteschön an die Erstübersetzung halten sollen. Aber dazu kam ich nicht, da mir diese Sorte Bruce-Springsteen-Fan nicht begegnet ist.

bruce_books10Stattdessen reifte in mir die bescheuerte Idee, beide Bücher parallel zu lesen. Ist „Tollwütig“ wirklich besser als „Paris Trout“? Diese Idee gärte ein Jahr lang in mir und ich setze sie dann im heurigen Sommer um.

Ich bin Absatz für Absatz durchgegangen. Zuerst „Paris Trout“, dann „Tollwütig“. Ein Absatz da, ein Absatz dort. Und so ging es im Wechsel durch die nächsten 400 respektive 300 Seiten.

Anfangs hatte ich mit dieser Art von Lesen zu kämpfen gehabt, aber gegen Ende ist es mir leichtgefallen. Und ich glaube, dass es nicht an der komischen Lesemethode gelegen ist, sondern schlicht und einfach an der Handlung. Das erste Drittel zieht sich wie ein zäher Kaugummi und dann rutscht man in die letzten zwei Drittel hinein.

Es ist, wie eingangs erwähnt, ein sehr amerikanischer Roman. Die Handlung konzentriert sich auf Cotton Point, einem Ort im Bundesstaat Georgia, zu Beginn der 1950er Jahre. Wenn man die Jahreszahl liest, dann fallen einem Stichwörter wie Rassismus und Segregation ein. Paris Trout, ein sowohl angesehener als auch gefürchteter Bürger im Ort, erschießt vorsätzlich ein schwarzes Mädchen. Dennoch wird er vor Gericht freigesprochen. Ableitend vom eigenartigen Rechtsverständnis der Titelfigur, gewährt uns Pete Dexter eine intime Sicht auf die Psyche der weiteren Hauptfiguren: Harry Seagraves, Anwalt; Hanna Nile, Paris Trouts Ehefrau; Carl Bonner, Einheimischer und junger Absolvent der Jurisprudenz. Es verdichtet sich zu einem spannenden Roman um soziale Konflikte, die auch die inneren Abgründe der genannten Figuren beleuchten.

Und zwischen den beiden Ausgaben habe ich unter anderem krasse Unterschiede festgestellt:

  • In der Erstausgabe werden teilweise ganze Absätze weggelassen. Bemerkenswert finde ich, dass das Eheleben von Carl und Leslie Bonner gar nicht berücksichtigt wurde. Selbst wenn es sich nur um „Nebenbemerkungen“ handeln, sind diese Passagen doch lesenswert.
  • Der Übersetzer der Erstausgabe hält sich sehr an die Begriffe aus dem Englischen. Er übersetzt sie auch wortwörtlich, während in der neuen Ausgabe die Begriffe sinngemäß und lesefreundlicher wiedergegeben werden.
  • Auch wenn in der Erstausgabe mehrere Absätze fehlen, wurden in der neuen Ausgabe einzelne Sätze nicht berücksichtigt, die aber nicht unbedeutend sind.

Das Giftmotiv äußert sich hauptsächlich durch die Stimmung der Bevölkerung in Cotton Point, die sich schleichend verändert. Wie ein Gift wird sie langsam zersetzt, da der signifikante Teil der Einwohner sich nicht mit dem Freispruch Paris Trouts arrangieren kann.

Am Ende des Romans kommt es zu einem wortwörtlichen „Showdown“, doch das letzte Kapitel lässt uns dann leicht irritiert zurück.

Natürlich suchte ich in den beiden Büchern nach diesem berühmten „Poison snake bites you and you’re poison too“. Selbst wenn Bruce Springsteen dieses Zitat als besonders wichtig erachtete, versinkt dieses in den beiden deutschen Übersetzungen in Bedeutungslosigkeit. In den beiden Ausgaben war nur von einem giftigen Fuchs die Rede, der die Menschen beißt und somit das Gift übertragen kann. „Tollwütig“ eben. (S. 11 Goldmann; S. 10 Fischer)

Subtil taucht das Schlangenmotiv an mehreren Stellen des Romans auf, das prägendste erst am Ende der beiden Bücher: Eine Schlange, die von einem fahrenden Auto zermatscht wurde, anschließend sich selbst drei Mal biss und sich nun hinlegte, um auf den Tod zu warten. Das Szenario wird von Paris Trout beobachtet und er stellt fest, „dass es gar nicht so schlimm war. Sie zog sich einfach in sich selbst zurück.“ (S. 257/258 Goldmann; S. 342/343 Fischer)

Fazit: Zwei Bücher parallel lesen? Noch einmal mache ich das nicht!

Und: Die neue Übersetzung vom Fischer Taschenbuch Verlag ist zu empfehlen. Die Sprache ist feiner geschliffen, die in der Erstausgabe weggelassenen Absätze verstärken das Bild und die Stimmung der Gesellschaft, die Pete Dexter sehr treffend wiedergibt. Es ist ein spannender Gesellschaftsroman, der psychologisch in die Tiefe geht. Oft ertappte ich mich beim Lesen dabei, dass ich an den Nietzsche-Spruch dachte: „Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

Weiterführende Informationen:
June Skinner Sawyers, „Tougher Than The Rest – 100 Best Bruce Springsteen Songs“, Omnibus Press, Ausgabe 2006, S. 128 f.
https://www.krimi-couch.de/krimis/pete-dexter-paris-trout.html