You Can’t Judge A Book By The Cover # 9: Kevin Major „Dear Bruce Springsteen“

bruce_books00Schauplatz: Ein Internat in Gotha.

Irgendwann in der ersten Hälfte der 1990er Jahre.

Ich blätterte in einem Englisch-Schulbuch aus dem Hause Cornelsen-Verlag. Ich erinnere mich nicht mehr, wem das Buch gehörte. Und in diesem Buch sah ich den abgedruckten Text von „Bobby Jean“. Ich war gerade dabei, das Springsteen-Universum zu betreten und wunderte mich über den eigenartigen Titel. Aber ich ging der Sache nicht weiter nach, warum auch immer.

Ein Schuljahr später, glaube ich, entdeckte ich bei einer Freundin das gleiche Buch und somit das gleiche Kapitel. Beim genauen Hinsehen fand ich heraus, dass in diesem Kapitel der fiktive Briefroman namens „Dear Bruce Springsteen“ von Kevin Major thematisiert wurde und ich sprach die Freundin auf den abgedruckten Liedtext an. Sie erzählte mir, dass das Lied in ihrem Englisch-Unterricht vorgespielt wurde und sie fand es wunderschön. (Aber ein Fan von Bruce Springsteen wurde sie nicht.)

In meinem Englisch-Unterricht wurde ich auch mit entsprechender Literatur vom Cornelsen-Verlag ausgestattet, aber dank der Wahl zur zweiten Fremdsprache bekam ich Schulbücher der C-Reihe und kein „Bobby Jean“. Das war in irgendeinem „English A6“. (Glaub‘ ich.)

Zwei weitere Schuljahre später: Meine Jugendliebe Nr. 2 hatte DIESES Buch in seinem Englisch-Unterricht. Nachdem ich herausfand, dass er und seine Schulkollegen das entsprechende Kapitel besprochen hatten, fragte ich ihn erwartungsvoll, wie ihm „Bobby Jean“ gefallen habe. Seine Antwort möchte ich hier nicht wiedergeben, aber es ist mir bis heute immer noch ein Rätsel, warum ich nicht gleich mit ihm Schluss gemacht habe.

Das war im Herbst 1998. Oder Anfang 1999.

Verlassen wir nun den Schauplatz.

Über die Jahre sprang mir das Buch von Kevin Major immer wieder ins Auge, wenn ich beim großen A oder bei eBay nach brauchbaren Büchern über Bruce Springsteen stöberte. Aber mein Interesse nach einem fiktiven Briefroman hielt sich in Grenzen. Erst im Juli 2016 entschloss ich mich, das Buch für 1 EUR bei eBay zu ersteigern.

Als ergänzende Lektüre für Schüler, die schon seit mehreren Schuljahren das Fach Englisch belegen, gedacht, hat der Cornelsen-Verlag eine gekürzte und adaptierte Fassung veröffentlicht.

In diesem, für jugendliche Leser konzipierten Roman lässt Kevin Major den 14jährigen Protagonisten Terry Blanchard im Zeitraum April bis Oktober 1985 Briefe an sein Idol schreiben.

Seine Wahl fällt auf Bruce Springsteen, weil sein Vater ihm eine Aufnahme von diesem Musiker in die Hand drückte und kurze Zeit später seine Familie verließ. Auch findet Terry heraus, dass Bruce Springsteen und sein Vater ungefähr im selben Alter sind. Natürlich fährt Terry auf die Musik von Bruce Springsteen ab. Und träumt davon, ihn einmal live zu erleben.

Doch realistisch genug, beginnt Terry seinen ersten Brief mit den folgenden Worten: „Dear Bruce Springsteen, this letter might never get to you.“

Der Angeschriebene befindet sich gerade auf Welttournee, was keine Fiktion ist. Terry macht sich keine Illusionen, dass er Antwort bekommen wird. Warum soll auch ein solcher Rockstar einem 14jährigen, unbedeutenden Jungen Beachtung schenken? Dennoch halten diese Umstände den Jugendlichen nicht davon ab, weiterhin Briefe an Bruce Springsteen zu schreiben.

Im Laufe der nächsten Briefe erfahren wir mehr über Terrys Umfeld. Seine Mutter arbeitet als Krankenschwester und verdient gerade noch genug, um ihn und seine jüngere Schwester durchzubringen. Der Vater hat die Familie vor einem halben Jahr verlassen und nach verschiedenen Jobs arbeitet er nun daran, seinen Traum als Musiker zu verwirklichen. Terry entdeckt eine Parallele zu Bruce Springsteens Vater, der sich auch mit verschiedenen Jobs über Wasser halten musste.

Es scheint, dass Terry durch die Abwesenheit seines Vaters ein wenig frühreif wirkt. Seine Mutter redet oft mit ihm über ihre Arbeit und er denkt über vieles nach, was in den Briefen immer wieder deutlich zum Ausdruck kommt.

In der Schule plagen ihm die üblichen Sorgen. Der unausstehliche Mathematiklehrer und ein hübsches Mädchen, es anzusprechen er aber nicht wagt. Auch sonst eher ein Außenseiter, fühlt sich Terry durch das Lied „No Surrender“ verstanden, „[…] the line about busting out of class.“

Nach mehreren Briefen und keiner einzigen Antwort stellt Terry fest: „It’s getting to be almost like a diary.“ Das Schreiben hilft ihm, seine Ängste, Sorgen, Träume, Wünsche zu sortieren und zu verarbeiten.

Der neue, zunächst unsympathische Freund der Mutter droht den Platz des fehlenden Vaters einzunehmen. Das angespannte Verhältnis zwischen Terry und seinem Mathematiklehrer erreicht einen neuen Höhepunkt, als Terry mit Stirnband in die Schule kommt. Trost spendet ihm der Gitarrenunterricht und die beginnende Freundschaft zu Sean, einem weiteren Schüler aus dem Kurs. Mit den fortschreitenden Gitarrenstunden träumt Terry davon, eine eigene Band zu gründen.

Habe ich nicht schon erwähnt, dass der Junge doch recht nüchtern und ein wenig frühreif wirkt? Auch wenn seine Mutter mit ihrem Job finanziell gerade noch über die Runden kommt, beklagt sie sich nicht und vertritt die Auffassung, dass es andere gibt, denen es noch schlechter geht. Sie erwähnt eine vierköpfige Familie aus ihrer Nachbarschaft, die durch einen Brand ihr ganzes Hab und Gut verloren hat. Terry sieht eine Fernsehübertragung von „Live Aid“ und hat die zündende Idee, mithilfe seines Gitarrenlehrers ein Benefiz-Konzert zugunsten der Familie zu veranstalten. Ein paar Schüler machen auf „Mini Playback Show“ und Terry als Ideengeber entschließt sich, natürlich Bruce Springsteen mit dem publikumstauglichen „Dancing In The Dark“ zu imitieren.

Bis zu diesem Ereignis vergehen noch ein paar Monate und weitere Briefe. Wir nehmen Anteil an seine turbulenten Sommerferien, wo der beginnende Konflikt zu seiner Mutter eskaliert und er zu seinem Vater abhaut. Nach wenigen Tagen kehrt er zu seiner Mutter zurück und sieht vieles aus einer anderen Perspektive.

Am Abend des Benefizkonzerts tritt Terry am Schluss auf und – so wie sein Idol – holt er seine Angebetete auf die Bühne und tanzt mit ihr. Das Publikum tobt.

Terrys Gefühlswelt läuft nun in geordnete Bahnen. Er hat nicht mehr das Bedürfnis, weiter Tagebuch zu schreiben. Er erwähnt es auch ausdrücklich in seinem letzten Brief an Bruce Springsteen.

Obwohl es sich um einen Jugendroman handelt, hat es mich nicht gestört, dieses Buch erst 20 Jahre später zu lesen. Zwar finde ich die „Mini-Playback-Show“-Geschichte (im Buch als „lip-sync concert“ erwähnt) etwas daneben, aber es zählt doch der Grundgedanke der Benefizveranstaltung. In Terrys Alter habe ich auch Tagebuch geschrieben und ich konnte mich teilweise sehr gut in seine Gedanken und Gefühle einfinden. Und, hey, mit 14 träumte ich auch davon, Bruce Springsteen live zu erleben…

Das Buch wird zwar nicht jedermanns Sache sein, aber mir gefällt es. Es mag sein, dass auch nostalgische Gefühle im Spiel sind, aber was soll’s.

Weiterführend:

https://kevinmajor.wordpress.com/about/

3 Kommentare

  1. Liebe Sori,
    was für ein schöner Geburtstagsbeitrag – vielen Dank dafür!
    1995 sah er (bis auf den Schnauzer) wirklich zum Anbeißen aus, aber stimmlich mag ich ihn in den späteren Jahren viel lieber – daher gefällt mir die 2013er Version dann doch am besten.
    Aber das ist alles nicht so wichtig, weil ich den Song sowieso einfach liebe.
    Sonnige Grüße aus München & Happy Birthday to you, Bruce!
    Natascha

  2. Hm. Ich kann den Ex-Freund verstehn: Was im Unterricht zerredet wird, taugt selten dazu, im Nachhinein noch verehrt zu werden. Scheint aber so ein Mädchen/Jungsding zu sein:
    Die Lehrplanvorgaben nerven die Jungs mehr, weil sie trotz Desinteresse die Ratio nie ganz wegschalten können. Mädchen machen innerlich totaler zu. Der literarische Ausgangspunkt bleibt somit unbefleckt.
    Oder Variante 2: Der Umstand, dass du das Buch nie selbst im Unterricht behandeln musstest, bewahrte dir die Möglichkeit, den Stoff später selbst zu entdecken.

    Ein Beispiel:
    Ich selber und mein komplizierter Umweg Theodor Storm gut finden zu können. Die „Schimmelreiter“ Behandlung im Unterricht hätte ihn mir fast – total und auf immer – versaut. Heute mag ich zwar Storms Schaffen nahezu komplett, aber den Schimmelreiter immer noch nicht.

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