bruce_books00Im Sommer 2009, nach (endlich!) zwei weiteren Konzerten von Bruce Springsteen, überfiel mich der Gedanke, meine bisher dürftige Bücherreihe über meinen obersten Boss zu erweitern und ich erstand beim großen A Robert Santellis „Greetings From E Street“, Frank Stefankos „Days Of Hope And Dreams“ und dieses Buch.

Beim großen A finde und übernehme ich folgenden Absatz Wort für Wort: June Skinner Sawyers, geboren im schottischen Glasgow, schreibt über Musik, Geschichte und Popkultur. Regelmäßig veröffentlicht sie in der Chicago Tribune und dem San Francisco Chronicle. Darüber hinaus hat sie einen Lehrauftrag für Geisteswissenschaften an der Newberry Library in Chicago. Bislang hat sie über ein Dutzend Bücher veröffentlicht.

Bruce Springsteen hat zu diesem Zeitpunkt mehr als 250 Lieder geschrieben (Die Dunkelziffer ist natürlich viel höher!) und June Skinner Sawyers hat in ihrem Buch IHRE 100 besten Lieder ausgewählt und sie einer näheren Betrachtung unterworfen. Damit die mehr als 150 anderen Lieder nicht zu kurz kommen, hatte die Autorin Erbarmen mit 60 weiteren Liedern und listete sie am Schluss des Buches auf.

Berücksichtigt wird in diesem Buch das Schaffenswerk von Bruce Springsteen bis „Devils & Dust“ (2005). Es gibt eine Neuauflage, wo das Album „Working On A Dream“ (2009) erwähnt wird, aber ob auch das Vorgängeralbum „Magic“ (2007) dabei ist, habe ich nicht herausgefunden. Darüber hinaus besitze ich die englischsprachige Ausgabe – ich meine, ich muss irgendwo einen Ansatz finden, um meine Englisch-Kenntnisse nicht verkümmern zu lassen. Wie gut oder schlecht übersetzt die deutsche Auflage ist, kann ich auch nicht kommentieren.

Aber bevor der Leser sich ihre persönlichen Top 160 zu Gemüte führt, bekommt er noch ein Vorwort von Christopher Phillips serviert. Der Herausgeber des Bruce-Springsteen-Fan-Magazins „Backstreets“ spricht schon in seiner Einleitung aus, was der Leser denken mag. Die 100 besten Lieder? Von IHR ausgewählt? Das sorgt unter eingefleischten Springsteen-Fans für Diskussionsstoff, Phillips fängt schon damit an. Mit einem Augenzwinkern beklagt er sich, dass die Autorin nicht einmal sein Lieblingslied „Night“ in die Top 100, geschweige denn in die Top 160 aufgenommen hat. Und ich finde, so ganz unrecht hat er nicht:

bruce_books08bDas humorvolle Vorwort regt erst recht den Appetit an, das Buch weiterzulesen. Aber nach dem Aperitif kommt eine Einführung von June Skinner Sawyers. Darin erläutert die Autorin, dass sie in chronologischer Albumreihenfolge und anschließend (auch chronologisch) aus den offiziellen Live-Auskoppelungen und Zusammenstellungen (Man nennt sie auch „Compilations“ oder „Greatest Hits“.) ihre persönlichen 100 Lieblingslieder ausgewählt hat.

Damit das Ganze nicht zu eintönig werden soll, hat Sawyers zwischendurch sogenannte Infoboxen mit interessanten Fakten angereichert. In diesen „Kästen“ erfährt der Leser nähere Details zu den geschichtlichen Ereignissen wie „Johnstown Flood“ oder auch nur Zahlen & Fakten wie zB eine Auflistung der Fantasienamen in den Liedern von Bruce Springsteen.

Woher die Autorin ihre Quellen für dieses Buch bezieht, führt sie zwar nicht explizit an, aber in den einzelnen Liedbesprechungen gibt sie fallweise ihre Quellen an. Die Hauptlieferanten dürften das Buch „Songs“ und Dave Marsh sein. Am Ende des Buches findet der Leser eine sehr detaillierte Liste an weiterführender Literatur, woraus man schließen kann, dass die Autorin sich sehr eingehend mit ihren persönlichen 100 Lieblingsliedern beschäftigt hat.

Zwar stimmen ihre „100 Best Bruce Springsteen Songs“ nicht mit meinen 100 überein. (Wo ist „The Ties That Bind“? Und was habt Ihr alle mit „Rosalita (Come Out Tonight)“? Trotz der einen bedeutenden Zeile kann ich mich bis heute nicht mit diesem Lied anfreunden.) Aber es handelt sich um mehr als nur eine Aufzählung und Aneinanderreihung etwaiger Fakten. June Skinner Sawyers legt ihr Herzblut in ihre ausgewählten Lieder und beschreibt sie, so gut es geht und reichert es mit interessanten Zusatzinformationen an. Damit sich der Leser hier und da eine bildliche Vorstellung machen kann, wird das Geschriebene mit Fotos, die markante Orte in Asbury Park & Umgebung zeigen, ergänzt.

Sicher wäre es nett zu lesen, wenn June Skinner Sawyers jedes Lied von Bruce Springsteen besprochen hätte, aber das würde den Rahmen bzw. die Dicke des Buches sprengen. Auf jeden Fall animiert die Autorin den Leser, das eine oder andere besprochene Lied noch genauer zu hören bzw. sich intensiver mit dessen Text auseinanderzusetzen. Auch möchte der Leser die nachweisbaren Inspirationen zu den Liedern kennenlernen wie z.B. die Musik von Hank Williams oder den Film „Badlands“.

Teilweise ein wenig nicht nachvollziehbar sind die Fehler der Autorin, die ich von ihr nicht erwartet hätte, weil sie sich als Bruce-Springsteen-Fan deklariert und sich intensiv mit ihrem Werk auseinandergesetzt hat. Unter anderem führt sie an, dass „My City Of Ruins“ zum ersten Mal live am 21. September 2001 gespielt wurde. Dabei erlebte das Lied ihre Premiere schon am 17. Dezember 2000! Räumen wir doch endlich mit dem Klischee auf, dass Bruce Springsteen „My City Of Ruins“ wegen dem 11. September geschrieben hat! Und was hat, bitte schön, der Refrain aus „Into The Fire“ in „My City Of Ruins“ zu suchen?

Nachdem ihre persönlichen 100 besten Lieder besprochen worden sind, erfolgt eine Auflistung der restlichen 60 in alphabetischer Reihenfolge. Kurz und bündig, werden sie auch oft nur mit einem Satz kommentiert.

Es wäre lustig zu wissen, ob es einen weiteren gibt, der eine hundertprozentige Übereinstimmung mit ihren Top 160 aufweist, was ich aber kaum glaube. Dennoch gehört das Buch von June Skinner Sawyers zu den lesenswerten Druckwerken, weil mich generell die Sichtweise und Interpretationen anderer Springsteen-Fans interessieren und ich dadurch auch meinen Horizont erweitern kann.

Sicher ist dem aufmerksamen Leser nicht entgangen, dass ich jeden Beitrag aus dieser Serie mit einem geeigneten YouTube-Video abschließe. Bei diesem Buch ahnte ich schon lange, für welches Video ich mich entscheiden musste. Ich habe mich nämlich ein paar Jahre lang geweigert, mir DIESES Lied anzusehen und anzuhören. Aber ich denke, es ist wieder Zeit, mich an der Schönheit des Videos zu erfreuen:

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