bruce_books00Es ist nicht irgendein Buch. Es ist nicht irgendein Bildband. Es ist die Geschichte von Scooter und Big Man.

Das Jahr 1975 ist angebrochen. Seit mehr als sechs Monaten steht Bruce Springsteen mit der E Street Band im Studio, um sein drittes Album aufzunehmen. Es soll DAS Album werden. Das Album, das ihm zum endgültigen Durchbruch verhelfen soll. Die Verkaufszahlen seiner ersten beiden Alben liegen hinter den Erwartungen zurück und die Plattenfirma sitzt ihm im Nacken. Bruce Springsteen ist sich diesen Druck bewusst. Seine Neigung zum Perfektionismus und sein Zwang zur Kontrolle führen dazu, dass einzelne Textpassagen immer wieder umgedichtet und Instrumentalstücke neu aufgenommen werden. Hätte Produzent Jon Landau nicht beherzt eingegriffen, würde Bruce wahrscheinlich noch heute im Record Plant Studio sitzen und ließe die x-te Vinyl-Pressung einstampfen.

Bevor das Album im August 1975 veröffentlicht wurde, fand am 20. Juni 1975 eine rund zweistündige Fotosession für das Albumcover statt. Wobei ein Foto es dann auf dem Cover schaffte.

Es ist mittlerweile gängige Praxis der Plattenfirmen, Jubiläumsausgaben der musikalischen Meisterwerke zu veröffentlichen. Dreißig Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Born To Run“ erschien die sogenannte „30th Anniversary Edition“ mit einer neu abgemischten Aufnahme des Albums und zwei DVDs, wobei eine Scheibe eine sehr interessante Dokumentation zur Entstehung dieses Albums enthält.

In der Dokumentation wird auch auf die Entstehung des Plattencovers eingegangen. So spricht etwa Jon Landau von einem „mythischen Element“ und dass das Cover „Teil einer gewissen Ankündigung“ sei. Bruce Springsteen fügt hinzu: „Das Cover sagte schon alles, bevor die Leute die Platten kaufen.“ Der Fotograf Eric Meola kommt auch kurz in der Dokumentation vor und dann folgen die Worte von Bruce Springsteen: „Es implizierte, dass es auf dieser Platte um Freundschaft ging.“

Nun kramte auch Eric Meola in seinem Archiv und stellte die restlichen Abzüge zur Verfügung. Im Oktober 2006 erschien „Born To Run – The Unseen Photos“. Das Buch hat das Format einer dicken Langspielplatte. Beim Aufschlagen des Bildbandes lässt sich der Betrachter von den ersten Fotos gefangen nehmen. Zwischen den ausdrucksstarken Aufnahmen in schwarz-weiß sind zwei kurze Texte von Daniel Wolff und Eric Meola abgedruckt.

Daniel Wolff eröffnet seine Einleitung mit dem hinweisenden „Opening The Cover“ und fragt „Who is this guy?“, „What’s he doing?“ und „Why?“. Selbst wenn Daniel Wolff in seiner Einführung die Fragen beantwortet, motiviert er doch die Leser bzw. die Betrachter des Covers dazu, sich selbst Antworten auszudenken.

Meola selbst betitelt seine Erstbegegnung mit Bruce Springsteen mit einer Zeile aus „Thunder Road“: „In The Lonely Cool Before Dawn“. An den 20. Juni 1975 erinnert er sich so gut, als ob zwischen dem Tag und dem Buch keine dreißig Jahre, sondern dreißig Tage vergangen sind.

Ich blättere bedächtig weiter, sehe mir das eine und das andere Foto genauer an. Lächle den jungen, grinsenden Bruce Springsteen zurück und entdecke den abgedruckten Text von „Thunder Road“. Kurz tauche ich aus dem Buch auf, hole ganz schnell die „Born To Run“-CD und lege sie in die kleine Anlage hinein. Das Klavier erklingt, „the screen door slams“ und für die nächsten vierzig Minuten versinke ich in die Texte von „Born To Run“. In „Tenth Avenue Freeze-Out“ fühlst Du die Bildersprache, fühlst Du das dicke, untrennbare Band zwischen Scooter und Big Man. In der ersten Strophe sucht „Bad Scooter for his groove“, in der zweiten Strophe beschreibt er die dunke Nacht, „but the sidewalk’s bright“ und in der dritten Strophe ist er allein, „I’m on my own“. Er kann nicht nach Hause gehen, er bleibt so lange allein, bis wie aus dem Nichts das „When the change was made uptown/And the Big Man joined the band…“ herbeigezaubert wird. Nirgendwo als in diesem Lied, in diesem Album wird die Freundschaft zwischen Bruce Springsteen und Clarence Clemons so stark betont. Auch wenn das Bündnis einen Hauch von einer gewissen jugendlich-naiven Romantik versprüht, steht hinter all dem der feste, unerschütterliche Glaube an Freundschaft. Unter dem Deckmantel des romantischen Idealismus erkennt man auch den Ansatz eines politischen Hintergrunds. Hier lehnt sich der kleine, weiße Mann an den großen, starken Schwarzen. Selbst wenn wir mittlerweile im dritten Jahrtausend leben, vergessen wir nicht die Namen Rosa Parks, Nelson Mandela, Martin Luther King, Amadou Diallo, Trayvon Martin.

Clarence Clemons verkörperte Größe, Stärke, Güte, Kraft, Mystik, Ausstrahlung, Humor.

Charisma.

Er starb am 18. Juni 2011 an den Folgen eines Schlaganfalls.

„How big was the Big Man? Too fucking big to die.“ schreibt Bruce Springsteen in seiner Abschiedsrede für Clarence Clemons.

Weiterführende Links:
http://ericmeola.blogspot.com/2011/06/deconstructing-cover-of-born-to-run.html
http://www.snapgalleries.com/portfolio-items/eric-meola/
https://www.syracuse.com/kirst/index.ssf/2011/06/post_173.html
http://tullaboothgallery.com/eric-meola.shtml

Hier kommt nun meine liebste Version von „Tenth Avenue Freeze-Out“, die auch auf der DVD „Live In New York City“ zu sehen ist. Bruce Springsteen geht mit einer spielerischen Leichtigkeit an dieses Lied heran, wohl wissend, dass er nicht alleine ist. Denn der „Big Man“, sein großer starker Freund, steht bereit und wird im richtigen Moment an seiner Seite sein. In all den Jahren erneuert Springsteen immer wieder seinen ungeschriebenen Pakt der Freundschaft mit Clarence Clemons. Der „Big Man“ strotzt noch von einer unbändigen Kraft, wovon ein nicht unbeträchtlicher Teil leider bei seiner letzten Tournee in 2009 eingebüßt wurde:

Für mich persönlich ist der Juni ein Monat, in dem viele Ereignisse in Bezug auf Bruce Springsteen geschehen sind. Unter anderem:
2003, am 25. Juni: Sori erlebt ihr allererstes Konzert von Bruce Springsteen und der E Street Band im Wiener Ernst-Happel-Stadion.
2013, am 3. Juni: Der Auftritt im Mailänder San Siro gehört mit der „OUR LOVE IS REAL“-Choreographie zu den prägendsten Konzerten von Bruce Springsteen und der E Street Band. Und es ist ein Konzert, an das die Sori sich immer wieder gern erinnert.
2016, am 19. Juni: Bruce Springsteen and the E Street Band spielen ein Konzert im Berliner Olympiastadion. Sechs von acht Liedern aus dem Album „Born To Run“ werden gespielt.

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