2018-06-09_smallErfurt, 10. Juni 2018

Dear N., I hope this finds you good…

Gerade eben habe ich meinen Bericht zum Konzert von Kiefer Sutherland am 10. Juni 2017 in Wien gelesen.

Am Schluss schrieb ich: „Sollte er wieder in Wien spielen, bin ich ganz sicher wieder dabei.“

Das stimmte dann nur zur Hälfte.

Vor wenigen Monaten überrumpelte mich meine liebste Blogkollegin, Frau Kraulquappe, mit zwei Konzertkarten für Kiefer Sutherland in Leipzig. Nach dem Überraschungsmoment folgte etwas wie ein Plan, der Gestalt annahm. Ich verband den Trip nach Leipzig mit einem etwas längeren Aufenthalt in Erfurt. Hotel wurde unter bachwidrigen Umständen gebucht und Zugfahrkarten zu humaneren Preisen gekauft. Nachdem die Konzertkarten auch über Umwege zu Frau Kraulquappe geschwommen sind, konnte uns beide nichts mehr von der Mission „Kiefer in Leipzig“ abhalten.

Je näher der Tag rückte, umso mehr verspürte ich eine steigernde Aufregung.

Es war die Aufregung, um eine – in meinem Fall die erste – Bloggerkollegin in natura zu treffen. (Dabei sind Internetbekanntschaften nun nicht mehr außergewöhnlich.) Auch wenn wir uns vorher über die Blogbeiträge „kennenlernten“, unsere Interessen nach einem gemeinsamen Treffen bekundeten und diese in der einen oder anderen E-Mail vertieften, ist es doch etwas Spezielles, das Gegenüber leibhaftig zu treffen. Selbst wenn ich es die ganze Zeit wusste, dass es gut werden wird, ließ ich es dennoch zu, total nervös zu werden und ein wenig Magenweh zu bekommen. (Sori, ab welchem Alter wirst Du endlich locker?)

1612Am Samstag, 9. Juni fuhr ich schon am Vormittag von Erfurt weg. Mittlerweile braucht der ICE von Erfurt nach Leipzig nur noch 40 Minuten. Das frühe Einchecken im Hotel funktionierte reibungslos und als ich das Zimmer betrat, glaubte ich zuerst, eine Kinderrutsche zu erblicken. Nach dem zweiten Hinsehen entpuppte sich diese Rutsche als einen überdimensional großen Stöckelschuh, welcher eine eher nasse und entspannende Funktion erfüllen soll. (Erst viele Stunden später entdeckte ich, dass es noch einen leuchtend spaßigen Effekt hatte.)

1613Leicht irritiert öffnete ich eine weitere Tür und konnte mich beruhigen, als ich im Raum nebenan so etwas wie eine Dusche entdeckte.

Die nächsten Stunden weilte ich in der Altstadt: Das miserabelste Zitroneneis in meinem bisherigen Leben geschleckt, mit dem Kauf einer Hose meinem Shoppingverhalten entsprochen, im Zeitgeschichtlichen Forum durch den Besuch der „Digedags“-Ausstellung meine Kindheitserinnerungen aufgefrischt, ein nettes Lokal namens „Moritzbastei“ entdeckt und anschließend fand ich mich rechtzeitig am Hauptbahnhof ein, um die Frau Kraulquappe zu empfangen. Ihr ICE aus München hätte um 16:10 Uhr in Leipzig ankommen sollen.

Hätte.

Aus 20 Minuten wurden 30 Minuten. (Das tat meiner eingangs erwähnten Aufregung nicht gut, weil wieder zurückgekehrt.) Aus 30 Minuten wurden 40 Minuten. Zeitverzögert erreichten mich SMS von der Frau Kraulquappe, weil „down in a Funkhole“. Schließlich die endgültige Ankunftszeit: 17:03 Uhr! Auch Züge rollen mit einer Verspätung im „Land Of Hope And Dreams“ ein.

1639
I see a train comin’…

Aber zumindest hätten wir schon ein Gesprächsthema, sollten wir nicht nach der Begrüßung in verlegenes Stottern und Herumdrucksen kommen. Aber, alles gut! (Wie die Frau Kraulquappe gern zu sagen pflegt.)

Nach einem kurzen Zwischenstopp im Hotel marschierten wir zum Clara-Zetkin-Park. Dank der unschlagbaren Kombination aus einem auf Papier bedruckten Stadtplan & Google Maps erweiterten wir unsere Ortskenntnisse durch Umwege und landeten in einem sehr netten Biergarten beim Musikpavillon, wo wir unsere köstlichen Flammkuchen und Bier mit allen Sinnen genossen. Von dort hatten wir es nicht mehr weit zur Parkbühne. Durch die Zaubertüre betraten wir ein halbrundes Rondell und ich ließ mich von der Atmosphäre der total netten Anlage einfangen.

Auf der Bühne spielte schon Rick Brantley für uns ein paar Nummern warm und der sympathische Kerl mit Akustikgitarre & Mundharmonika erinnerte uns ein wenig an unseren gemeinsamen Gott, der durch Bruce Springsteen verkörpert wird.

Das Publikum war überschaubar, ich genoss es, dass wir etwas weiter hinten standen und dennoch etwas sehen konnten.

Gegen 20:30 Uhr war es (wieder) soweit. Ich verspürte in mir noch eine abwartende Haltung, weil ich Kiefer schon einmal live erlebt habe und eher darauf „brannte“, wie und ob er sich als Livemusiker weiterentwickelt hat. Beim Konzert in Wien hatte ich den Eindruck, dass seine Stimme für Konzerte noch nicht geeignet war. Auf der CD „Down In A Hole“ ist es dank der entsprechenden Technik anders und ich fahre auch darauf ab. (Nicht auf die Technik, sondern auf Kiefers Stimme. Obwohl das eine nicht ohne das andere… lassen wir das!)

„There’s not enough Whiskey in Leipzig tonight“, Kiefer Sutherland erhob sein mit einer Flüssigkeit gefülltes Glas und prostete uns zu. Da krachten schon das Schlagzeug von Jess Calcaterra, die Bassgitarre von Joseph DeLeo und die Gitarren von Michael Gurley & Austin Vallejo in das beschauliche Halbrund. Umgefallen sind nur der Rockin‘ Rabbit und eine kleine Trommel am Schlagzeug von der überaus schlagkräftigen Jess C. (Der geneigte Leser möge bitte nicht auf falsche Gedanken kommen!)

Die ersten zwei, drei Nummern, die allesamt neu waren, gingen noch im Soundbrei unter. Ich frage mich bis heute immer noch, ob das menschliche Gehör, egal wie viele Härchen in den Corti’schen Organen verkrüppelt sind, Höchstleistungen vollbringt und sich an die akustischen Begebenheiten anpasst oder ob die Klangtechniker auch ihren Job machen?

Zu unserer Erleichterung legte Kiefer sehr bald seinen eigenwillig kreierten Cowboyhut ab und mit „Reckless“, einem weiteren neuen Lied, das mir sehr gut gefällt, wurde der Klang auch besser.

Nun erklangen die vertrauten Lieder aus dem Album „Down In A Hole“. „Going Home“, „I’ll Do Anything“, „Truth In Your Eyes“ und „All She Wrote“ handeln von Alkohol, Freundschaft, Liebe, Treue, Verrat, die Sutherland trotz ihrer Alltäglichkeit mit treffenden Worten besingt. „Can’t Stay Away“ wurde zum Motto des Abends, denn der Sommer entschloss sich zu diesem Zeitpunkt, eine Pause zu machen und ließ den dunklen Wolken den Vortritt. Die ersten Regentropfen fielen und schließlich ging ein nie enden wollender Wolkenbruch nieder.

Aber da Wasser auch ein Element von Frau Kraulquappe ist und wir beide sogar Veteranen des 26. Mai 2013 sind, „kamen wir dank der flüchtenden Warmduscher in den Reihen vor uns noch näher ran“. (Ok, das war gefladert!)

Der Wolkenbruch spülte die letzten Hemmschwellen weg, einem Regentanz ähnlich gaben wir uns der Musik von Kiefer & Co. hin und immer, wenn es am schönsten ist, erschienen die ersten Anzeichen eines Finales. „Knockin‘ On Heaven’s Door“ läutete die bevorstehende Sonntagsmesse ein, die Frau Kraulquappe und ich am folgenden Tag auf unsere spezielle Art & Weise zelebrierten.

Die letzten Regentropfen versiegten. Bevor ich bedauern wollte, „Not Enough Whiskey“ kein zweites Mal live gehört zu haben, entschädigte uns Kiefer mit „Shirley Jean“ als letzte Zugabe.

Kiefer scheint mit jedem Konzert gelernt zu haben. Seine stimmliche Live-Präsenz macht Fortschritte, die Interaktionen zu seinen Mitmusikern werden harmonischer und das Wichtigste ist: Es ist ihm anzusehen, dass ihm das Musizieren sehr viel Spaß macht und er sich über Zuspruch aus dem Publikum sehr freut, egal wie groß es sein mag. Nach wie vor zu bemängeln ist, dass er nicht daran denkt, seine Band vorzustellen – nur Michael Gurley und Jess Calcaterra hat er erwähnt, dabei sind die anderen auch genauso lange mit ihm auf Tour unterwegs.

Eigentlich hätte ich nicht einmal im Traum daran gedacht, wegen einem Konzert von Kiefer Sutherland eine Reise mit vielen Kilometern auf mich zu nehmen. Aber es hat sich gelohnt! Der Auftritt hat zwar auch nicht viel länger gedauert als in Wien, aber gerade weil ich mit der Frau Kraulquappe dort war und ich mich auch in der Parkbühne sehr wohl gefühlt habe, gehört der Abend zu den besten in meinem bisherigen Konzertleben.

Nach dem Konzert gönnten wir uns noch einen Absacker und die halbfeuchten Gauloises erfüllten auch ihren eigentlichen Zweck. Wir schickten uns an, den Park zu verlassen, als wir bei einer Absperrung eine kleine Gruppe Fans entdeckten. „Warten sie auf den Kiefer?“ „Der kummt eh net…“ Plötzlich wurde die Menge unruhig, es war eine Augenweide, zuzusehen, wie Frau Kraulquappe leichtfüßig wie eine Gazelle zur Gruppe hüpfte und sich zu den anderen Fans gesellte. Auch wenn Kiefer – ja, er selbst! – „was walking in the wrong direction“, war es ein Erlebnis, dass er keine zwei Meter vor uns stand und sich ein paar Minuten Zeit nahm, den Fans Autogramme zu geben und für das eine oder andere Selfie zu posieren.

2018-06-09_k2Triefnass, aber glücklich, kamen wir im Hotel an. Nach einer erwärmenden Dusche und ein paar Seiten aus einem Roman konnte ich dennoch nicht gleich einschlafen. Das erlebte Konzert bewegte mich noch und ich spürte eine schwer in Worte zu fassende Seligkeit in mir, mit Frau Kraulquappe wunderbare Stunden verbracht zu haben und freute mich sehr auf den Sonntag.

Wie dieser besondere Tag – und dazu auch der Jahrestag meines ersten Konzerts von Kiefer Sutherland – verlief, verweise ich sehr gern auf den lesens- und sehenswerten Blogeintrag von Frau Kraulquappe. Denn „two hearts are better than one…“

Weiterführende Links:

https://www.berliner-zeitung.de/kultur/film/interview-mit-kiefer-sutherland–mit-25-haette-ich-mich-das-nicht-getraut–30586746

https://www.radiosaw.de/kiefer-sutherland-leipzig

http://www.lvz.de/Leipzig/Lokales/Tausende-feiern-zu-Schlager-beim-Summeropening-und-mit-Kiefer-Sutherland

https://kraulquappe.com/2018/06/10/leipzig-1-drinking-warm-beer-in-the-soft-summer-rain/

https://kraulquappe.com/2018/06/11/leipzig-2-you-sit-and-wonder-just-whos-gonna-stop-the-rain/