07.07.2017 – Little Steven & the Disciples of Soul in der Wiener Staatsoper

„Steven? Solo??? Ich dachte, den gibt’s nur, damit er für Bruce den Kasperl macht.“ oder ähnlich lautete die entgeisterte Reaktion von K., nachdem ich mit ihm mein erstes Springsteen-Konzert besuchte und irgendwann beiläufig erwähnte, dass Steven Van Zandt auch als Solokünstler und mit eigener Band unterwegs war.

Nach 14 Jahren muss ich immer noch breit grinsen, wenn ich an diese Unterhaltung denke.

Nun hat Steven Van Zandt es auch geschafft. Ich sah Bruce Springsteen and the E Street Band bisher vierzehn Mal. Nils Lofgren selbst erlebte ich ein weiteres Mal. Zumindest ER trat in „My Hometown“ auf. Am 14. September 2006 im Erfurter Gewerkschaftshaus lieferte Nils eine unglaubliche One-Man-Show ab, wobei er sich abwechselnd an der elektrischen und an der akustischen Gitarre bediente und auch Ausflüge zum Keyboard unternahm. Nach dem Konzert zeigte Nils überhaupt keine Starallüren und gab jedem dagebliebenen Konzertbesucher – JEDEM – Autogramme und schüttelte JEDEM die Hand. Vom Abend nahm ich mein schönstes „Because The Night“ und die Autogramme sowohl auf der Eintrittskarte als auch auf dem Poster mit.

Von den ehemaligen Mitgliedern der E Street Band konnte ich David Sancious bei Peter Gabriel im Rahmen der „Back To Front“-Tournee am 3. Oktober 2013 in der Wiener Stadthalle erleben. An das Konzert denke ich noch sehr gern zurück.

Endlich nutzte Steven Van Zandt eine von vielen Pausen seines obersten Bosses, um ein neues Album aufzunehmen und nach 30 Jahren wieder mit den Disciples of Soul auf Tournee zu gehen. Nun war auch ein Konzert in Österreich dabei und im Rahmen des „Jazz Fest Wien“ durfte Steven Van Zandt mit seiner Band sogar in der Wiener Staatsoper auftreten.

Schlägt man doch zwei Fliegen mit einer Klappe: Eine Veranstaltung in der ehrwürdigen Wiener Staatsoper besuchen UND ein Konzert von Little Steven & the Disciples of Soul erleben.

Da ich bisher nur eine – ich steh‘ dazu – kopierte „Greatest Hits“ besitze, mein liebstes Lied „Time Of Your Life“ sowieso nicht drauf ist, begnügte ich mich mit dem Vorhandenen.

8777Dennoch kaufte ich mir als Einstimmung auf das Konzert das aktuellste Album von Little Steven, „Soulfire“, und ich bin nach wie vor sehr angetan von diesem Werk. Auch entschied ich mich beim Kartenkauf für eine billigere Kategorie, die meinen zwei Begleitern auch recht war. Vom Balkon hatte ich einen sehr guten Überblick auf das Geschehen und erkannte auch dort viele bekannte Gesichter bzw. Hinterköpfe im Publikum, wobei ein Teil von ihnen Schatten der Vergangenheit auf mich warf.

8779Nicht ausverkauft, füllte sich die Oper doch recht gut und kurz nach 19:30 Uhr betraten die Disciples of Soul die Bühne. Die Leute in den ersten Reihen standen schon auf, bevor Little Steven die Bühne betrat und von seinen Hardcore-Fans (ganz besonders die im Parkett rechts) gefeiert wurde.

Es ging schon mit dem Titellied des aktuellen Albums los, den Sound auf dem Balkon empfand ich zunächst als übersteuert und LAUT. Während „I’m Coming Back“ gewöhnte ich mich an die Übersteuerung oder es wurde noch korrigiert, gegen die Lautstärke konnte ich nur eines tun: Meine Hörsysteme leiser stellen. Aber von da an genoss ich das Konzert auch in vollen Zügen.

Little Steven und die Band rockten die Staatsoper. Vor allem der Gitarrist Marc Ribler konnte es mit dem Kapellmeister halten und beide waren die Rampensäue des Abends. Dennoch sind die Leistungen der anderen Bandmitglieder nicht zu schmälern – eine musikalische Ohrenweide war das Bläserquintett rund um Eddie Manion, Clark Gayton & Co. Neben den beiden genannten Musikern feierte ich auch Wiedersehen mit Percussionist Everett Bradley. Die drei Backgroundsängerinnen beglückten das ganze Publikum mit ihrer Performance. Den Duracell-Hasen nicht so ganz unähnlich hupften, sangen, tanzen Erika Jerry, Yahzarah Saint James und Jessie Wagner durch das Konzert. Wenn man die drei Damen wegdenken würde, würde etwas gewaltig fehlen.

Wie eingangs erwähnt, stand der Großteil des Publikums im Parkett-Bereich von Anfang an und nach ein paar Liedern kamen die Ordner mehrmals nach vorne und baten mit einer sichtlichen Verzweiflung die Stehenden, sich zu setzen. Bevor Stevie „Until The Good Is Gone“ anstimmte, registrierte er den x-ten Versuch der Ordner und machte ihnen unmissverständlich klar, dass sie sich schleichen sollten. Dank harter Kontaktlinsen konnte ich das Geschehen aus der Ferne sehr gut verfolgen und konnte ein Schmunzeln nicht verbergen. Da ich nicht besonders groß bin, war ich über meine Entscheidung dankbar, nur Sitze auf dem Balkon gewählt zu haben, weil ich unten in der zehnten Reihe sicher nicht so viel gesehen hätte. Außerdem war es auch leiwand, die gesamte Stimmung aus der Vogelperspektive einfangen zu können.

Doch bei „The City Weeps Tonight“ ersuchte Little Steven selbst das Publikum, sich zu setzen, wobei seiner Anweisung auch prompt gefolgt wurde. Dennoch dauerte es nicht lange, bis das Publikum sich wieder von ihren Sesseln erheben durfte und mit „Down And Out In New York City“ lieferten Little Steven and the Disciples of Soul eine der stärksten Nummern des Abends.

Auch wenn die Konzerte anlässlich des neuen Albums gespielt werden, wurde auf die Klassiker nicht vergessen. Im Gegensatz zum aktuellen Album sind die Vorgängerwerke von Little Steven sehr politisch orientiert und wir bekamen einen Auszug zu hören: „Solidarity“, „Leonard Peltier“ und „I Am A Patriot“.

Zwischen „Ride The Night Away“ und „Bitter Fruit“ drehte ich mich um und blickte in das gelangweilte Gesicht einer Frau, die hinter mir saß. So stand ich auf. Zwar war mein Platz schön gepolstert, aber ein Zurücklehnen war nicht möglich, weil ich sonst nichts vom Geschehen mitbekommen hätte. Von da an genoss ich es, stehend zu den letzten Nummern zu wippen und in die Hände zu klatschen.

Als Zugaben wurden „I Don’t Want To Go Home“ und „Out Of The Darkness“ gespielt, bevor die Band sich endgültig verabschiedete.

Nach knapp zweieinhalb Stunden war die teils revolutionäre Party in der Staatsoper vorbei. Zwar wären Little Steven & the Disciples of Soul in einer anderen Stätte besser aufgehoben – die Arena oder das dazugehörige Open-Air-Gelände wären ideal gewesen, aber dennoch möchte ich den Abend nicht missen!

Hier eine schöne Zusammenfassung

und da ein guter, kritischer Artikel auf vienna.at.

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3 Kommentare

  1. Hi Sori,

    danke für diesen ausführlichen und wirklich lesenswerten Bericht. Auch der verlinkte Artikel ist gut gewählt, beleuchtet er doch recht ausgewogen den durch die unglückliche Wahl der Location entstandenen Sitzplatz-Konflikt … wobei ich persönlich was Konzerte betrifft das Motto habe:“Sitzen ist für’n A… !“ ;o)

    Ich frag mich grade, warum ich Idiot am 16.06. nicht in der Batschkapp dabei war. Hoffe ich kriege im Herbst nochmal ne Chance, diesen Fehler wieder wettzumachen – er tourt zumindest nochmal in GB, vielleicht hüpft er ja nochmal über den Kanal und kommt halbwegs in Reichweite …

    LG Spike
    p.s.: Die Daumen sind gedrückt …

  2. Hi Sori,

    wo ich gerade in Deinem Quartals-Rückblick lese: Ich wurde erhört, er ist über den Kanal gehüpft und ich durfte im November ein absolut grandioses Konzert von Little Steven in Stuttgart im Wizemann erleben … unvergeßlich!

    Heidewitzka, hat der Mann mit seiner genialen Truppe die Bude durchgeblasen – und keiner mußte sitzenbleiben, denn Sitze gab’s gar keine … ;o)

    Grüße aus dem Badnerländle!
    Spike

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