San Siro am 7. Juni 2012 bot unter anderem das Schmankerl, dass zu Beginn von „No Surrender“ die E Street Band two times upgefucked hat:

We busted out of class had to get away from those fools
We learned more from a three minute record than we ever learned in school […]

(Bruce Springsteen, „No Surrender“)

Ursprünglich wollte ich „Griechisch und Latein“ von Rainhard F. einbetten, aber da das Lied für mich nur in Sachen Überschrift aussagekräftig war, entschied ich mich für die Botschaft von Bruce!

Auslöser für die schriftlichen Gedanken ist der Kommentarwechsel zwischen der Schreibmaschine und mir zu diesem sehr lesenwerten Beitrag.

Besagter Kommentarwechsel erinnerte mich wieder an eine Episode aus meiner Schulzeit, die sich tief in mir eingeprägt hat:

Als ich von der Schule für Schwerhörige auf das Gymnasium wechselte, war ich die einzige Hörbeeinträchtigte in der Klasse. Man traute mir nicht zu, gleich im ersten Jahr Englisch als erste Fremdsprache zu belegen und stattdessen wurde über den Köpfen meiner Eltern hinweg entschieden, dass ich Latein als erste Fremdsprache wählen sollte. („Es wird ja so gesprochen, wie es geschrieben steht.“) Nichts ahnend, landete ich dadurch in einer sprachlichen Klasse, die noch zwei weitere Fremdsprachen aufgebrummt bekam, während die anderen Klassen in unserem Jahrgang, die Englisch als erste Fremdsprache wählten, nur eine weitere Fremdsprache nehmen mussten und zusätzlich ihr Wissen in Astronomie erweitern konnten.

In den ersten vier Wochen machte Latein noch Spaß, am Ende des sechsten Schuljahres war ich nur noch heilfroh, dass mir diese Sprache in der Oberstufe erspart blieb. Mein „Latinum“ erinnert mich daran, dass ich mich sechs Schuljahre lang durch diese tote Sprache hängen und würgen konnte. In Englisch kam ich von Anfang an gut mit und es war sogar eines meiner schriftlichen Prüfungsfächer beim Abitur.

Die dritte Fremdsprache war… und hier geht es um die Episode, die ich eingangs erwähnt habe: Wir hatten die Wahl zwischen Altgriechisch und Französisch. Ich wollte von vorne herein keine weitere tote Sprache erlernen und ich wusste auch, dass unsere „heißgeliebte“ Latein-Lehrerin auch Altgriechisch unterrichten würde. Daher war für mich die Entscheidung klar, dass ich mich der Herausforderung stellen wollte, zumindest für zwei Schuljahre Französisch zu lernen. Bevor ich meine Entscheidung schwarz auf weiß fixieren wollte, kam noch vorher unser Direktor während einer Unterrichtsstunde zu uns in die Klasse und fragte in der Runde, wer Altgriechisch belegen würde. Vier Hände streckten nach oben. Der Direktor (Er ist es immer noch, ich habe eben auf der Webseite des einen Gymnasiums in Gotha nachgesehen.) meinte, die Altgriechisch-Klasse kann nur zustande kommen, wenn mindestens fünf Schüler daran teilnehmen. Daraufhin sah er mich an und verlangte von mir, dass ich doch Altgriechisch wählen solle.

Was soll eine 13jährige dazu sagen? Ich war am Gymnasium bei weitem nicht so rebellisch wie im Internat, wo ich die Zeit nach der Schule verbrachte. Wenn ich mich dagegen gewehrt hätte, würde ich von der Latein-Lehrerin und von einigen Schulkollegen dumm angemacht werden. Ich fürchtete mich vor einem größer werdenden Druck, der ohnehin schwer auf mich lastete.

Also wählte ich Altgriechisch. Schlussendlich nahmen sogar mehr als fünf Schüler daran teil.

Ich habe vor allem die Schultage gehasst, an denen sowohl Griechisch als auch Latein auf dem Stundenplan standen. Die waren am schlimmsten. Vor jeder Stunde wanden wir uns in Magenkrämpfen und fürchteten uns zu Tode, dass eine/r von uns zum Übersetzen einer Textpassage aufgerufen wird. Zu Beginn der Stunde nahm die Lehrerin ihr Heft und zückte ihren Kugelschreiber, sah mit einem genüßlichen Blick auf die Liste, warf mit selbigem Blick auf die Schüler im Klassenraum und rief einen Namen auf. Die erleichterten Stoßseufzer der anderen schrien geradezu im Raum. Und dieselbe Geschichte dann in der folgenden Stunde oder etwas später im anderen Fach. Ich höre immer noch mit einem Schaudern, wie sie im Latein-Unterricht die Stammformen in „Stammförmli“ verunschweizerischte.

Irgendwie schaffte ich es, die beiden Fremdsprachen positiv abzuschließen. Aber die Lehrerin, ihre Art, ihr Unterricht … „No Surrender“ lernte ich leider erst zum Zeitpunkt kennen, als der Unterricht der beiden Sprachen sich dem Ende näherte.

Es hätte Kraft gegeben. Man soll dieses Lied in jedem Englisch-Unterricht behandeln. (Stattdessen schaffte es „Bobby Jean“ in einem Englisch-Schulbuch aus dem Verlag Cornelsen. Leider konnte ich nicht mit diesem Buch lernen, aber ich erfuhr es wenigstens von meinen Freunden aus dem Internat.)

Das Schlimmste war aber, dass die Lehrerin für zwei Schuljahre unser Klassenvorstand wurde. Fortsetzung folgt in einem anderen Bericht.

Der „class“ und den „fools“ gewidmet.

Sori,

die der Schulzeit am Gymnasium in Gotha keine einzige Träne nachweint.