08.03.2016 – Kernölamazonen in der Bezirksvorstehung Rudolfsheim-Fünfhaus

Oder auch eine Fortsetzung meines Hörgeräte-Tagebuches.

Anlasslich des Internationalen Frauentages veranstaltete die Bezirksvorstehung Rudolfsheim-Fünfhaus ein Kabarettabend mit den Kernölamazonen. Da das Wiener Schwerhörigenzentrum ihre Heimstätte im selben Bezirk hat, wurde vor ein paar Jahren dank intensiver Zusammenarbeit beider Institutionen eine Hörschleife (auf Neusprech: Induktive Höranlage) im Festsaal der Bezirksvorsteung verlegt.

Was eine induktive Höranlage sein soll, befragt bitte Onkel Google oder Tante Wikipedia – diskreter geht’s auch mit Patenonkel ixquick.

Moment, geht es hier um den Internationalen Frauentag oder um das Hören? Biologisch betrachtet bin ich weiblichen Geschlechts, aber ich gebe zu, dass ich mir nicht großartig Gedanken um die Rechte der Frau gemacht habe. Ich habe das Glück, im zentalen Europa zu wohnen und wie der Luxus will, habe ich andere Sorgen. Nämlich meine Schwerhörigkeit.

Sorge? Ein Problem damit? ICH? ICH mit MIR selber nicht. Nicht wirklich. Aber mit meiner Umwelt. Nein, auch nicht immer. Ich schlage mich ganz gut durchs Leben, wenn ich mich so anschau.

Wo ist dann das Problem?

Kommunikation. Verstehen. VERSTEHEN. Hören tu ich fast alles. Aber ich decke gleich einen Irrglauben auf: Ich habe die besten Hörgeräte, die ich haben kann – dennoch ist mein Gehör, trotz klasse Hörsysteme, nie in der Lage dazu, aus dem Potpourri das Spezifische herauszufiltern. Und wir leben in einer lärmüberfluteten Gesellschaft.

Lärm auf Arbeit. Großraumbüro: ständige Telefonate; Gespräche unter Guthörenden, die das gesunde Maß an Lautstärke sowas von degradieren; Gelächter, wo ich dann glaube, mich sozialisieren zu wollen und nachfrage, worum es geht – als Antwort: „Sei nicht so neugierig!“ WUSCHHHH! Das sitzt tief. Auch wenn ich den Leuten x-mal erkläre, dass ich zwar höre, aber nicht in der Lage dazu bin, Sprache zu verstehen.

Unterwegs. Bin ich oft. Und wenn ich nicht alleine bin, dann muss mein Begleiter manchmal akzeptieren, dass ein normales Gespräch auf der Straße unmöglich ist. Ich bin sehr im Stress. Muss auf die Lippen meines Begleiters achten, auf den Fuß- und Straßenverkehr sowieso und die Töne der Verkehrsmittel tun ihr Übriges. Bitte erst dann wieder mit mir reden, wenn’s ruhiger ist.

Einkaufen. Wartezimmer beim Arzt. Bahnhöfe. Kaffeehaus, Gaststätte – dass die Musik lauter aufgedreht wird, nachdem ich mit Begleiter die Lokalität betrete. Warteschleife beim Telefonieren – und noch besser, wenn irgendein blöder Spruch aufgesagt wird. Überall aufdringliche Musik.

Konzerte. Meine Art, „Lärm“ zu vertragen. Mich großteils entspannen zu können. Mich daran erfreuen zu können. Aber das Vorher und Nachher strengt unglaublich an. Der Lärmpegel der miteinander redenden Konzertbesucher schießt in die Höhe – arg, arg, arg.

Konzert. Musik. Ich schalte meine Hörgeräte auf Musik-Modus um. Fast könnte ich meinen: „Everything’s alright…“

Ok, das reicht. Ich habe „Kabarett“ und „induktive Höranlage“ angestreift.

Es gibt Bemühungen und Bestrebungen in Wien, Barrierefreiheit zu schaffen. Barrierefreiheit für uns Derrische bedeutet unter anderem Ausstattung der Räumlichkeiten mit induktiven Höranlagen. Geht aber nur, wer ein Hörsystem trägt, in der auch die sogenannte „Telefonspule“ einprogrammiert ist. Kein großer Aufwand – kleine Ursache, große Wirkung.

Und der Festsaal in der Bezirksvorstehung Rudolfsheim-Fünfhaus ist mit einer induktiven Höranlage ausgestattet. Wir erhielten mehr oder weniger eine Einladung von der Bezirksvorstehung und nachdem eine sehr engagierte Mitstreiterin aus unserem Verband sich noch extra erkundigt hat, ob auch die induktive Höranlage in Betrieb sei, schlossen wir uns zu einer kleinen Gruppe zusammen, nachdem die Antwort positiv ausfiel.

Ist das nicht lächerlich? Extra nachfragen, ob die Anlage betriebsbereit sei. Hätten wir das nicht getan, würden die hauseigenen Techniker die Anlage nicht aufdrehen. Erklär mal einem Rollstuhlfahrer, dass jedes Mal eine Rampe anmontiert oder einem Blinden, dass die taktilen Leitlinien wieder aufgepickt werden sollen. „DISKRIMINIERUNG!“ würde dieser Aufschrei klingen.

Aber wir Schwerhörige bekommen die universal-gültigen Kommentare zu hören und leider auch zu verstehen: „Seid doch froh, dass Ihr nicht alles hören musst.“ oder „Ich dachte, mit den Hörgeräten hört Ihr so gut wie alles. Sind doch Wunderdinger, die Euch das Gehör ersetzen… blablabla“ oder „Euch geht’s ja immer noch besser als den Gehörlosen.“

Geht scheißen!

He, wo bleiben „Kabarett“ und „induktive Höranlage“?

Vor ein paar Jahren habe ich ein, zwei Kabarettabende besucht und mein Eindruck fällt überwiegend negativ aus. Die Kabarettisten reden viel zu schnell, ich muss mich konzentrieren und folgen, folgen, folgen und dann: Wo ist die Pointe?

Induktive Höranlage im Festsaal der Bezirksvorstehung betriebsbereit. So wagten wir den Versuch, ob ein Kabarettabend mit induktiver Höranlage für uns eine Bereicherung sein könnte.

20160308Betraten die beiden Damen, die Kernölamazonen, die Bühne und ein Herr saß dann hinter dem Klavier. Was wird denn des? Wenn mit Hintergrundklaviermusik gesprochen wird, awww…. – die Befürchtung bewahrheitete sich.

Kernölamazonen versuchten, witzig zu sein. Was ich auf der Bühne gesehen habe, schätze ich ihre gute Zusammenarbeit, ihr gutes Wirken miteinander an. Ich habe sogar an wenigen Stellen lachen können… nur, es ist gerade ein Tag vergangen und ich weiß nicht mehr, worüber ich gelacht habe. Ich kann mich nur an die verballhornte Version von „10 kleine Jägermeister“ erinnern. Die beiden Damen sprachen auch viel zu schnell – selbst mit einer halbwegs funktionierender Hörschleife bekam ich kaum etwas von ihren scheinbar witzigen Dialogen mit. (Da ging es mir im Schauspielhaus viel besser.)

Beim Singsang muteten die Stimmen ein wenig schrill an, mit der Hintergrundmusik des Klavierspielers landete ich wieder bei diesem Begriff „Potpourri“.

Es war ein Versuch. Würde man die Veranstaltung NUR für die Schwerhörigen speziell mit induktiver Höranlage anbieten und die überflüssigen Lautsprecherboxen für die Hearies entfernen, hätten wir damit sicher unsere Freude. Erkenntnis, warum ich nie den Wunsch in mir verspürte, meine besuchten Konzerte induktiv hören zu wollen. Ein Nebenbei (Miteinander?) mit der „normalen“ Tontechnik und der induktiven Höranlage wird leider nie funktionieren – schon gar nicht bei Musik.

Warum müssen Kabarettisten schnell reden? Haben sie etwas zu verbergen? Wenn sie schnell reden, versteht sie keiner und Hauptsache, keiner versteht den Unsinn, was sie von sich geben. Wähnen sie sich auf der sicheren Seite?

Ich wiederhole mich, es war ein Versuch. Es war lehrreich. Es gibt noch viel zum Tun.

In meinem alten Blog findet Ihr weitere Beiträge über meine Schwerhörigkeit und über meine unverzichtbaren Lebensbegleiter.

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